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Aufstand gegen den Arbeiter-Strich

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Von: David Costanzo

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Die Nachbarn, Hoteliers und Supermarkt-Inhaber protestieren. © Kruse

München - Die Tagelöhner, die im südlichen Bahnhofsviertel auf Arbeit warten, sind die Ärmsten der Armen. Jetzt haben die Anwohner genug von den Zuständen und protestieren gegen den sogenannten Arbeiterstrich.

Sie stehen an einigen Ecken im südlichen Bahnhofsvie

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Goethestraße: Die Bulgaren verdingen sich für ein paar Euro auf dem Bau – und werden am Ende noch betrogen © Kruse

rtel, warten auf Arbeit, schuften für ein paar Euro, um die manche am Ende noch gebracht werden. Die Tagelöhner sind die Ärmsten der Armen. Das sagen auch die Nachbarn und Geschäftsleute an der Ecke von Goethe- und Landwehrstraße. Jetzt haben die Anwohner genug von den Zuständen. Deutsche Hoteliers, türkische Supermarktbesitzer, Nachbarn und Kulturschaffende protestieren gegen den so genannten Arbeiterstrich. „So kann es nicht weitergehen“, sagt der Geschäftsführer der Theatergemeinde, Michael Grill. Zusammen mit Anwohner hat er eine Petition erstellt, die gut zwei Dutzend Betroffene unterschrieben haben: „Wege werden blockiert, Gehsteige vermüllt, Lebensmittelreste weggeworfen, es wird gespuckt und uriniert.“

„Von 6 Uhr in der Frühe bis 23 Uhr stehen hier 30 bis 50 Leute“, sagt Walter Maier vom Hotel Mirabell. „Seit zwei bis drei Jahren geht das so.“ Der Rechtsanwalt Özgür Aktas (35) sagt: „Das ist doch auch für die Arbeiter selbst nicht mehr zumutbar. Das sind ja Zustände wie vor 100 Jahren.“ Ibrahim Can (59) ärgert sich, dass die Arbeiter Bierflaschen vor seinen Supermarkt werfen: „Sie verängstigen meine Kunden und klauen Essen aus der Auslage.“

An manchen Stellen hätten sich wegen des Mülls Kakerlaken ausgebreitet. Hofeinfahrten riechen nach Urin. Bis vor einiger Zeit hätten die Männer reagiert, wenn man sie bat, ein paar Meter

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Landwehrstraße: Die Anwohner ärgern sich, weil die Arbeiter Eingänge blockieren und Kunden vergraulen sollen © Kruse

weiter zu gehen. „Seit ein paar Wochen steigt die Aggressivität“, sagt Grill. „Sie sagen: Das ist unser Revier! Aber auch wir Anwohner haben ein Recht auf unsere Kreuzung!“ Der Zoll – zuständig für die Beschäftigung – sieht sich vielen Fällen ohne Handhabe. „Das ist Schwarzarbeit“, sagt Sprecher Thomas Meister. Die meisten Arbeiter seien Bulgaren, die nicht selbständig seien, oft keine Arbeitsgenehmigung hätten und sich für 3,50 bis 4,50 Euro verdingen – Lohn-Dumping. „Und selbst darum werden sie oft noch betrogen.“ Das Herumstehen reiche nicht, um sie dingfest zu machen. „Jeder EU-Bürger kann sich bewegen, wie er möchte.“ Bulgarien gehört seit 2007 dazu. Bei einem Platzverweis könnten die Männer einfach eine Kreuzung weitergehen.

Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) sagt, dass es für diese Form von Arbeit eben auch einen Markt gebe: „Die Männer bieten sich an, steigen in einen Bus und werden auf die Baustelle gebracht.“ Die Behörden hätten die Erfahrung gemacht, dass die Menschen wirklich arbeiten und nicht dem Sozialstaat auf der Tasche liegen wollen. Sie will das Problem sozial lösen: In mehreren Beratungsstellen sollen die Arbeiter deutsche Standards erfahren – etwa zum Lohn. Demnächst werde sich eine Runde von Stadtverwaltung, Arbeitsagentur und Polizei mit dem Thema befassen.

David Costanzo

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