Prozess hat begonnen

Polizistin in den Kopf geschossen: Augenzeugen schildern das Drama von Unterföhring

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Der S-Bahnhof in Unterföhring bei München. Hier fand das Drama statt.

Vor knapp einem Jahr ereignete sich in Unterföhring das Drama, bei der die Polizistin Jessica Lohse durch einen Kopfschuss zum Pflegefall wurde. Nun startet der Prozess, der Täter berichtet.

Unterföhring - Blut auf dem Bahnsteig. Eine Polizistin liegt am Boden. Niedergeschossen mit der Dienstwaffe ihres Kollegen! Nur knapp überlebte Jessica Lohse (27) die Attacke im S-Bahnhof Unterföhring. Dort war Alexander B. (38), ein Tourist aus den USA, im Juni 2017 durchgedreht – er wurde fast zum Mörder. 

Seit Dienstag steht der psychisch kranke Mann in München vor Gericht (hier geht‘s zum News-Ticker zum Prozess) und muss sich für die Schüsse auf die Polizistin verantworten – Jessica Lohse ist heute ein Pflegefall. Laut Anklage handelte Alexander B. im Wahn, er gilt als paranoid-schizophren – und sitzt seither in der Psychiatrie. Sechs der 70 Zeugen sagten am Dienstag im Hochsicherheits-Verhandlungssaal in der JVA Stadelheim aus. 

Hier der große Report vom ersten Prozesstag

Der Angriff kommt wie aus dem Nichts. Ein kurzer Atemzug – dann rammt Alexander B. den Polizisten zu Boden, eine Attacke wie beim American Football. Gerangel, dann hält B. die Pistole in der Hand. Acht Mal drückt er ab, ein Schuss trifft Jessica Lohse in den Kopf. Die Kommissarin sackt zusammen. 23 Sekunden Wahnsinn, die ihr Leben verändern.

Diese schockierenden Szenen ließ Richter Philipp Stoll im Gerichtssaal abspielen. Denn Kameras im S-Bahnhof hielten die Schießerei fest. Alexander B., der als psychisch krank gilt, ist wegen versuchten Mordes angeklagt.

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Das Drama beginnt am 12. Juni 2017, einen Tag, bevor es auf dem Bahnsteig in dem Münchner Vorort Unterföhring zu der verhängnisvollen Schießerei kommen sollte. Alexander B., landet gegen 21 Uhr auf dem Münchner Flughafen. Dort verbringt der 38-Jährige die Nacht. Am Dienstag erzählte er über seinen damaligen Zustand. Auch nach der Landung ging es ihm nicht besser. „Ich fühlte mich nicht gesund“, erinnert er sich. Seine Gedanken rasten. Das Gepäck holte er erst gar nicht ab.

Am nächsten Morgen steigt Alexander B. um 8.01 Uhr in die S-Bahn Richtung Innenstadt. Er trägt ein blaues T-Shirt, kurze, rote Hosen und schwarze Trekkingschuhe, auf dem Rücken ein dunkler Rucksack. Überwachungskameras dokumentieren seinen Weg. In dem Zug nimmt er in einer leeren Vierersitzgruppe Platz. Schräg gegenüber tippt eine blonde Dame in ihr Handy. Dann führt B. Selbstgespräche, flucht auf Englisch. Er rauft sich die Haare, wankt nervös hin und her.

In Ismaning steigt Florian P. zu. Wenige Sekunden später steht Alexander B. auf, marschiert den Gang entlang und schlägt mit der Faust auf ihn ein. P. blutet im Gesicht, beide gehen zu Boden. Fahrgäste greifen ein, halten B. zurück und kümmern sich um den Verletzten. Noch bevor der Zug in den Unterföhringer Bahnhof einfährt, geht bei der Polizeiinspektion Ismaning der Notruf ein.

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Jessica Lohse und ihr Kollege Stefan Müller (Name geändert) machen sich auf den Weg. Als sie am Bahnsteig eintreffen, ist B. noch ruhig. Es sind die letzten Augenblicke vor dem endgültigen Irrsinn.

B. stürzt sich ohne Vorwarnung auf Stefan Müller, der gerade einen Zeugen vernimmt. Gleichzeitig fährt eine S-Bahn ein. B. wollte den Polizisten auf die Gleise schubsen, ihn töten, glaubt die Staatsanwaltschaft. Der Beamte stürzt an der Bahnsteigkante, der Zug rauscht knapp an seinem Kopf vorbei. Jessica Lohse reagiert sofort, eilt ihrem Kollegen zur Hilfe. Auf dem Bahnsteig entwickelt sich ein Gerangel, bei dem Alexander B. an die Waffe von Stefan Müller kommt. Müller will flüchten, B. drückt fünf Mal ab. Projektile schlagen an der S-Bahn ein, prallen von dort ab und treffen zwei Männer an Oberarm und Schienbein.

Wie kam Alexander B. an die Waffe? Die Pistolen sind am Holster doppelt gesichert. Hatte B. nur Glück oder wusste er, was er tat? Verteidiger Wilfried Eysell: „Mein Mandant ist in Amerika aufgewachsen. Er lernte den Umgang mit Waffen.“

In der Zwischenzeit hat auch Jessica Lohse ihre Waffe gezogen, durchschießt nun Alexander B.s Hüfte. Doch der feuert zurück, trifft die Beamtin am Kopf. Eine Sauerstoffarterie reißt ab. Die Polizistin sackt zusammen, verliert viel Blut. Ärzte retten später ihr Leben, müssen einen Teil des Gehirns entfernen. Jessica wird zum Pflegefall.

Alexander B. marschiert aus dem Bahnhof, wird aber nach kurzer Flucht in einem Spind in dem Gebäude der Allianz Versicherung verhaftet.

Sein Weg in den Wahnsinn

Wie wurde Alexander B. (38) zum S-Bahn-Schützen? Vor Gericht antwortet er brav – aber nur auf Fragen zu seinem Lebenslauf, nicht zur Tat. 1981 wurde B. in Starnberg geboren. Die Eltern: beide Musiklehrer. 1983 zog die Familie in die USA. In seiner Jugend wies noch nichts auf die Schizophrenie hin, an der B. leidet. Er absolvierte die Highschool, zog mit 18 Jahren bei den Eltern aus, wurde Elektriker und verdiente 60 000 Dollar pro Jahr. „Davon konnte ich gut leben“, sagt B. Doch privat stürzte er ab, wurde 2008 Alkoholiker. Die Sucht bekam er in den Griff, psychisch ging es aber bergab: Zweimal versuchte B., sich im Jahr 2011 das Leben zu nehmen. „Ich konnte nicht mehr klar denken“, erklärt er vor Gericht.

Alexander B. spricht leise, die Schultern hängen schlaff, er wirkt ratlos. Einen Auslöser – eine Krise etwa – habe es nicht gegeben. Erstmals kam B. 2011 in die Psychiatrie, blieb eine Woche und erhielt Medikamente. Doch er fing sich wieder. Mit seiner Freundin zeugte er eine Tochter (heute fünf Jahre alt), die Beziehung ging aber in die Brüche. Nach der Trennung lebte er allein. 2017 plante er dann eine Europa-Reise, flog im Juni nach Athen. „Da kamen die schlechten Gedanken wieder.“ Sein Kopf raste, berichtet B. „Ich verlor die Kontrolle.“

Wieder brach die Krankheit durch. Wohl auch, weil er seine Medikamente nicht nahm. „Mir ging es immer schlechter.“ Spontan entscheidet er sich, den Trip nach Prag umzubuchen, und fliegt nach München, wo er Verwandte in Schwabhausen und Dachau besuchen will. „Ich konnte nicht mehr still sitzen und war überzeugt, dass ich vergiftet werde. Im Flugzeug dachte ich, dass die Leute mich auslachen. Nach der Landung wurde es nicht besser“, sagt B. Dann kam es wohl im Wahn zur Katastrophe...

Johannes Heininger, Andreas Thieme

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