Augsburger Kinderarzt schildert Münchner Taten

Er betäubte einen Bub - und fiel dann über ihn her

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Harry S. (Mitte, mit den Verteidigern Ralf Schönauer und Moritz Bode, rechts) ist angeklagt, mindestens 21 Buben sexuell missbraucht zu haben.

München - Tag zwei im Prozess gegen den Augsburger Kinderarzt. Harry S. nahm am Montag Stellung zur Anklage und äußerte sich zu seinen Missetaten in München.

21 Buben soll er sexuell missbraucht und rund 50 000 Dateien pornografischen Inhalts auf seinen Computern gespeichert haben. Er hat alle Vorwürfe eingeräumt. Seine Opfer stammten aus dem familiären Umfeld, waren zufällig gewählt oder von ihm zu Ausflügen eingeladen worden. Mehrere Taten hat der 40-Jährige in München begangen:

Bekanntenkreis: Im Juli 2008 war er mit dem Sohn einer Bekannten unterwegs. Sie übernachteten in einem Luxushotel in München. „Ich wollte ihm doch etwas Gutes tun.“ Harry S. verabreichte aber dem Buben in der Nacht ein Beruhigungsmittel und missbrauchte das Kind. „Es hat einfach angefangen“, sagt er auf Nachfrage, und – mit zitternder Stimme – „ich habe dem nachgegeben.“ Der Übergriff sei keinesfalls geplant gewesen, als er den Buben zu dem Ausflug mitnahm. Die Familie des Buben war zu der Zeit am Zerbrechen, er sei damals so etwas wie eine Ersatz-Vaterfigur gewesen. Später habe er mit der Mutter eine Art Beziehung gehabt („Wir sind übereingekommen, dass wir auch ohne das Thema Sex glücklich sind.“) Zu der Zeit sei sein pädophiles Interesse an dem Buben weg gewesen.

Zufallsopfer: Er sei an jenem 4. Juni 2012 auf dem Heimweg nach Augsburg gewesen, schildert der Kinderarzt. Die Arbeitsbedingungen an der Klinik in München „habe ich als fürchterlich empfunden“, zudem habe es in seiner Beziehung gekriselt. In der Dachauer Straße habe er einen Buben gesehen. „Ich habe ihn irgendwie wahrgenommen, dann bin ich in mein Muster verfallen.“ Er hielt an, kaufte in einem Kiosk ein und schaute sich um, ob er das Kind noch einmal treffe. „Dann habe ich ihn gezielt angesprochen“, sagt Harry S. Er habe ihm Geld angeboten und ein Geschenk. Der Vierjährige war hilflos. Er ging mit dem Arzt in die Tiefgarage. Dort missbrauchte Harry S. den Buben und machte Fotos. „Dann habe ich ihm einen Schlüsselanhänger mit Tiermotiv gegeben.“ Danach fuhr er heim.

Ausflugsfahrten: Immer wieder habe er Ausflüge für Kinder organisiert. Zuerst waren kranke oder sozial benachteiligte Kinder dabei, auch Mädchen. Später warb er per Mail an Grundschulen mit den Worten „drei Plätze in der Bubengruppe sind noch frei“. Auf einer dieser Fahrten übernachtete die Gruppe im November 2013 in einer Pension bei München. Beim abendlichen Fernsehen habe er sich einen Buben auf den Schoß gesetzt und begonnen, diesen zu streicheln. Als dieser sich widersetzte, nahm er den zweiten Buben. Als auch dieser Widerstand zeigte, griff Harry S. den Dritten. Der erteilte ihm mit einem Ellbogen-Check und den Worten „Stopp! Das ist der Bereich von meiner Mutter!“ ein klares Signal. Er habe alle Gedanken daran, dass sich die Kinder ja ihren Eltern anvertrauen könnten, völlig verdrängt, räumt Harry S. ein.

Bei den Nachfragen des Gerichts, ob er diese Ausflüge gezielt organisiert habe, um mit kleinen Buben alleine zu sein, windet sich der Kinderarzt. Die Ausflüge seien doch ursprünglich auch ein Stück seiner sicheren und unbelasteten Welt gewesen, beteuert er. Mit dem Missbrauch sei „wieder ein Stückchen von der Normalität kaputt gegangen“. Da habe er sich im Sumpf einer Parallelwelt bewegt. Das Böse in ihm hatte da wieder einmal gesiegt. Der Prozess dauert an.

Volker Pfau

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