Serie: Meine Welt ohne Wiesn

Ausgerutscht: Tobbogan-Chef Claus Konrad schnuppert auch ohne seine Rutsche Festivalluft

In ihrer Werkstatt: Claus Konrad (r.) und sein Sohn Fabio restaurieren Teile der Holzrutsche.
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In ihrer Werkstatt: Claus Konrad (r.) und sein Sohn Fabio restaurieren Teile der Holzrutsche.

Was machen die Menschen, die jetzt jeden Tag auf dem Oktoberfest wären, ohne die Wiesn? Wir haben nachgefragt: Heute bei Toboggan-Chef Claus Konrad, der auch ohne die Holzrutsche ein bisserl Festival-Luft schnuppert – und sagt, wann die Münchner den Toboggan wiedersehen.

Voriges Jahr, das erste ohne Wiesn, sind bei Claus Konrad Tränen geflossen. Seine Familie überraschte ihn am Tag des Anstichs. Mitarbeiter aus vielen Jahren Oktoberfest kamen vorbei. Nur der Toboggan, die nostalgische Holzrutsche, blieb, wo er seit 2019 liegt: in der Lagerhalle in Kinsau (Kreis Landsberg). „Ein schöner Tag, das hat mich sehr gefreut“, sagt Claus Konrad. In der Gruppe ertrug man das Leid leichter.

„Alles, was mich an die Wiesn erinnert, schmerzt nur“, sagt der Teilzeit-Schausteller

Zwölf Monate später kriecht dieses schlechte Gefühl schon wieder herum. Am liebsten wäre es dem Teilzeit-Schausteller, wenn die zwei imaginären Wiesn-Wochen schon rum wären. „Alles, was mich an die Wiesn erinnert, schmerzt nur. Das kann man nicht einfach abstreifen und wegschieben.“

Zu seinem Sohn Fabio hat er neulich gesagt: „Zeit wird’s, dass die Rutsche, die die Oma 1920 aus Amerika mitgebracht hat, mal wieder steht.“ In den zwei Jahren haben sie zwar diverse Teile aufbereitet und repariert, doch manche „sehen erst wieder Sonnenlicht, wenn wir alles aufbauen“, sagt Claus Konrad.

Kürzlich besuchte ihn eine Familie aus München. Der Vater, über 90, hatte sich sehnlichst gewünscht, noch einmal vom Toboggan zu rutschen, wie er das schon als Kind gemacht hatte. Diesen Wunsch hätten ihm die Konrads gerne erfüllt. Doch die Wiesn fiel aus, der Mann starb. Seinen Hinterbliebenen gab Claus Konrad eine Exklusiv-Führung durch die Heiligen Hallen. Da spürte er: Dieser Toboggan bewegt die Menschen auf dem Oktoberfest.

Er weiß von Kollegen, die Corona zum Umsatteln gezwungen hat. Manche überbrückten die Pause als Koch, Kran- oder Lkw-Fahrer, weil sie mit der Schaustellerei nichts mehr verdienten. Die Kinsauer steuerten mit ihren Crêpes-Hütten 2020 nur eine einzige Destination an: Kaufbeuren.

Im Gegensatz zur Mehrheit in der Branche haben die Konrads einen Alltag jenseits von Bier, Hendln und Zuckerwatte

Im Gegensatz zur Mehrheit der Branche haben sie einen Alltag jenseits von Bier, Hendln und Zuckerwatte: Claus Konrad arbeitet bei der Bundeswehr, sein Sohn Jonas ist Berufsfeuerwehrmann in München, Fabio geht zur Schule. „Wir sind Exoten.“

In der Coronakrise half der Sonderstatus. „Der Familie hat es gutgetan, wenn es mal ruhiger zugeht.“ 2019 waren sie etwa 15 Mal auf Märkten, Stadtfesten und Festivals im Umkreis von 150 Kilometern gestanden. Neben der Arbeit versteht sich. „Ein hartes Jahr“, sagt Konrad. Geschäftlich habe die Krise die Familie nicht so hart getroffen. Die emotionale Seite einmal außen vor gelassen.

Dieses Jahr sieht alles wieder freundlicher aus. Im Allgäu hat man sie mit ihren Crêpes-Hütten mehrere Male engagiert. Auch nach dem Toboggan fragen Veranstalter ab und an. Fast immer muss Claus Konrad absagen, weil Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis stehen. Alleine der Aufbau dauert etwa zwei Wochen. Erst auf dem Oktoberfest 2022 sehen ihn die Münchner wieder. So die Stadt will. Bis zum Jahresende haben die Conrads Zeit, sich für die Wiesn zu bewerben. Das werden sie tun.

ANDREAS MAYR

Derzeit ist der Tobbogan in einer Lagerhalle in der Kinsau eingelagert.

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