Im NS-Doku-Zentrum

Ausstellung zeigt unscheinbare Vorboten der Gewalt

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Das NS-Frauenbild in der Moderne neu belebt: Der Aufkleber stammt nicht etwa aus den 40er-Jahren sondern von der Augsburger NPD aus dem Jahre 2016. 
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Keineswegs harmlos: Ausstellungskuratorin Isabel Enzenbach und Winfried Nerdinger, Direktor des NS-Doku-Zentrums. 
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Feindbilder werden geschürt: Ein rassistischer Aufkleber zur Asylpolitik aus den 1990er-Jahren. 
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Vertreibungsfantasien: Die rechtsextremistische Partei Der 3. Weg verhöhnt Personen, die sich gegen Rassismus engagieren. 
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Auch solche gibt es: Ein Aufkleber gegen die antisemitische Propaganda. 
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Antisemitische Reklame für die Insel Norderney. 
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Dieser Klebezettel der DNVP von 1924 stellt Schwarze, Sozialisten und Juden als Witzfiguren dar. 
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Die Sonderschau zeigt antisemitische und rassistische Aufkleber und Schriften seit 1890. 

Sie sind klein, teilweise unscheinbar, aber keineswegs harmlos: Aufkleber, die Judenfeindlichkeit, Rassismus und Hass gegen Minderheiten propagieren. Eine Sonderausstellung im NS-Dokuzentrum zeigt nun historische und aktuelle Beispiele solcher Druckformate.

„Der Weg vom Auge zum Herzen ist kürzer als der vom Ohr dorthin.“ Diesen Satz schreibt der spätere SS-Brigadeführer Franz Six über die Propaganda der NSDAP. Die Nazis entdeckten früh die Bedeutung von Aufklebern im Kampf um den öffentlichen Raum. Winfried Nerdinger, Direktor des NS-Dokumentationszentrums, sprach gestern bei der Eröffnung der Sonderausstellung „Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute“ von „Vorboten der Gewalt“. Und Kuratorin Isabel Enzenbach beschrieb die fatale Wirkung von Hetz-Aufklebern so: „Die Stärke des Mediums besteht darin, auf kleinem Raum ganze Weltbilder zu transportieren und die Gefühle anzusprechen.“

„Die Bevölkerung hat es passiv hingenommen“

Nerdinger verwies auch auf ein Schaubild der Dauerausstellung im NS-Dokuzentrum. Es zeigt einen am Karlsplatz postierten SA-Mann, im Hintergrund sind „Jude“-Aufkleber an Geschäften sowie Namensschildern von Arztpraxen und Anwaltskanzleien zu sehen. Die Aufnahme datiert vom 1. April 1933 – der Tag, an dem die Nazis zum Judenboykott aufriefen. Laut Nerdinger damals ein „reichsweiter Test“, wie die Menschen auf Hassbotschaften reagieren würden. Ergebnis: „Die Bevölkerung hat es passiv hingenommen.“

Die Mechanismen ähneln sich

Die neue Sonderausstellung geht nun mit interessanten, ja vielfach abschreckenden Exponaten noch schärfer ins Detail. Sie wurde vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, dem Zenrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg und dem Münchner NS-Dokuzentrum realisiert und konzipiert. 

Die zweisprachige Ausstellung (Deutsch und Englisch) zeichnet ein umfassendes Bild der Geschichte von Klebezetteln, Marken und Stickern von 1880 bis zur Jetztzeit. Die Mechanismen ähneln sich bis heute: Feindbilder werden geschürt, im Schutze der Anonymität wird zum Teil unverhohlen zu Gewalt und Verfolgung aufgerufen. Manchmal setzen die Angefeindeten oder gesellschaftliche Gruppen der Bilderflut eigene Motive entgegen, um den aggressiven Botschaften mit Fantasie zu begegnen. Auch hierfür finden sich in der Ausstellung Beispiele.

Bis weit vor die NS-Zeit

Das älteste Exponat stammt aus dem Jahre 1893: Ein Aufkleber mit der Losung „Kauft nicht bei Juden“ – gefunden in einem Berliner Straßenbahnzug. „Ein großer Glücksfall für die Forschung“, wie Ausstellungskuratorin Isabel Enzenbach sagte. Dass die Tradition rassistischer Aufkleber weit vor die NS-Zeit zurückreicht, zeigen Zettel, die den Kolonialrassismus verklären. Eine Sektion der Ausstellung widmet sich Aufklebern, die „Israel als Projektionsfläche“ verunglimpfen. Ein Großteil der aktuellsten Exponate stammt aus dem Fundus der Menschenrechtlerin Irmela Mensah-Schramm. Sie geht seit mehr als 30 Jahren auf die Jagd nach Stickern, die sie persönlich mit dem Spachtel von Laternenpfählen, Strommasten oder Sicherungskästen entfernt – und mit Datum und Fundort versehen archiviert. 78.000 Aufkleber sind auf diesem Wege im Laufe der Jahre zusammengekommen.

Erst im vergangenen Herbst war ein ganzer Ort zugepflastert

Auf fünf weiteren Thementafeln werden außerdem noch nicht gezeigte Exemplare aus München und Bayern präsentiert. Die Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (Aida) hat zum Beispiel von Herbst 2015 bis Sommer 2016 in Poing (Landkreis Ebersberg) unzählige Aufkleber aus dem rechtsextremen Spektrum gesammelt. Der ganze Ort sei damit zugepflastert gewesen, so Enzenbach. Die aktuelle Debatte über Willkommenskultur und die Hetze dagegen findet sich ebenfalls in der Ausstellung wieder: „Refugees Welcome“ oder wahlweise „Refugees Not Welcome“, dazu Sticker wie „Lügenpresse“ und „Islamisierung? Nein danke“. Ein nostalgisch anmutender Aufkleber mit dem Spruch „Deutsche Frau! Halte Dein Blut rein“ datiert übrigens nicht aus der NS-Zeit, sondern aus dem Jahre 2016 – von der Augsburger NPD.

Das NS-Dokuzentrum ist Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Die Ausstellung ist bis 5. Juni zu besichtigen.

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