"Daheim is ned dahoam"

Helmut Schleich: Das ist der Gipfel

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Helmut Schleich empfindet beim Blick auf die zubetonierte und mit Werbung überzogene Zugspitze alles andere als Gipfelglück.

München - "Daheim is ned dahoam" heißt das neue Buch von Kabarettist Helmut Schleich und Thomas Merk. Im zweiten Auszug geht es um die Zugspitze. Das ist der Gipfel! 

Daheim is ned dahoam – mit dieser provokanten These haben sich Kabarettist Helmut Schleich (45), bekannt als aberwitziges Double von Franz Josef Strauß, und Autor Thomas Merk (59) sehr ernsthaft mit dem Freistaat auseinandergesetzt. Was ist das überhaupt: Bayern? Besteht es wirklich nur aus lederhosentragenden, leberkäsfressenden Wurzelseppen mit Bier-Rülps-App auf dem iPhone? Und aus Madln in quietschbunten Dirndlgewändern? Die beiden haben ihr eigenes Heimatland bereist und quasi mit fremden Augen einen Blick auf die vermeintliche weiß-blaue Insel der Seligen geworfen. Sie haben allerhand historischen Unsinn und neumoderne Katastrophen entdeckt – und es in einem Buch niedergeschrieben, das am Freitag in den Handel kommt. Die tz druckt vorab Auszüge aus fünf Kapiteln. Heute hat Schleich und Merk ihre „Forschungsreise“ auf den höchsten Punkt Deutschlands geführt, die 2962 Meter hohe Zugspitze. Einen Berggenuss haben die beiden dort nicht erlebt.

A Garmisch, Ende November. (...) Bis die Zugspitzbahn abfährt, ist noch etwas Zeit, aber die Sitzplätze im Wartebereich sind belegt, weshalb wir in ein praktisch leeres Hamburger-Restaurant gehen, das früher wohl mal die Bahnhofswirtschaft war. Ein Haufen Burger-King-Pappendeckelkronen in der Ecke, an der Wand ein Poster „Happy Cheesemas“ mit zwei Hamburgern, von denen einer „Santa“ und der andere „Claus“ heißt – wo doch „Garmisch“ und „Partenkirchen“ hier viel passender wären, in diesem von den Nazis zwangsvereinigten, innerlich aber noch immer zweigeteilten Doppelort.

(...) Der moderne Triebwagenzug sieht aus wie eine Großstadt-U-Bahn im Skiurlaub und ist vollkommen leer. (...) Zwei Fahrer – zwei Passagiere: Da muss man wohl von einem eher suboptimalen Personal/Kunden-Koeffizienten sprechen. Zum Glück ist niemand von McKinsey in der Nähe, in ihrer Rentabilitäts-Paranoia würden die uns wahrscheinlich die Bahn unterm Hintern wegrationalisieren. (...)

Auf einem Flachbildschirm im Wagen tauchen die Worte „Zugspitze, Top of Germany“ auf. (...) Grau und bedrohlich ragt fast senkrecht über uns die Zugspitze auf, der Gipfel in dichten Wolken. (...) Passend zum Anstieg spielt der Flachbildschirm jetzt eine Lufthansa-Werbung ein, für 99 Euro – dem Gegenwert von zwei Zugspitzkarten – kann man nach London fliegen. (...)

Wieder ein Tunnel (...), ein grünes Signal taucht aus der Schwärze auf, gefolgt von einer erleuchteten Stelle, wo „2000 Meter über Görlitz“ an der Wand steht – was immer das bedeuten mag. (...) Müde wird man von dieser Aufwärtsschaukelei, man sehnt sich nach Ankunft, nach freiem Bergblick (...). Dann hört man ein Geräusch wie von einer ganz langsam schleudernden Waschmaschine, der Zug verliert an Fahrt, und das No-Dialect-Weibchen aus dem Lautsprecher softet: „Next stop Glacier Station. To continue to the summit, please take the Glacier train.“ (...) Im Inneren des Bergs riecht es wie im Umkleideraum einer Schulturnhalle, den man 14 Tage nicht gelüftet hat. (...)

Eine automatische Tür öffnet die Glasflügel und entlässt uns hinaus in eine unwirkliche Welt. Schneidend kalte Luft, Wolkenfetzen und Schnee, (...) ein eiskalter Whiteout, an den sich unsere tunnelgeweiteten Augen ein paar Sekunden gewöhnen müssen.

Erst dann nehmen sie langsam deutlicher werdende Umrisse wahr in diesem wirbelnden Weiß. Die Symbole Bayerns: ein Kircherl oben am Berghang, einen Maibaum – und einen 3er-BMW. Nicht auf einem Plakat, nicht als Modell, nein, als wahrhaftiges Auto steht er vor uns und grinst uns mit seiner schneebestäubten Kühlerniere von einem Podest herab an.

(...) Auf skistiefelfesten Gummiböden gehen wir an trübfunzeligen, mit den Silhouetten von Gämsen, Hirschen und Skifahrern dekorierten Lampenschirmen vorbei zum „Glacier train“. Wir sind froh, als die Kabine in der Bergstation zu einem Halt pendelt und wir hinaus können in die majestätische Gipfelwelt auf dem Dach Bayerns. Es ist eine Welt aus Beton. Betonböden, Betonwände, Betondecken. Wir sind am höchsten Punkt unseres Landes, fast 3000 Meter über dem Meeresspiegel, und tappen einen fensterlosen, von Neonröhren erleuchteten Betongang entlang, immer den Wegweisern „Summit“ nach.

Wo so viel Beton ist, muss es doch auch Betonköpfe geben, scherzen wir noch, zugebenermaßen etwas naheliegend, aber gleich darauf erreichen wir ein kleines, ebenfalls fensterloses Museum, in dem die Geschichte des Schneeferner-Hauses, die Geschichte der Zahnradbahn, die Geschichte des Wetterdienstes auf der Zugspitze – kurz: Die Geschichte der gründlichen Verschandelung eines jahrhundertelang als unbezwingbar geltenden Bergriesen dokumentiert wird.

Und siehe da, wer lächelt uns da aus von hinten erleuchteten Schwarz-Weiß-Dias an? Zwei Serienhelden unseres Buchs, der unvermeidliche Franz Josef Strauß mit Ehefrau Marianne und Joseph Ratzinger, der Hausvater von Pentling und Heilige Vater in spe, wie er im schneeweißen Kardinalskleid die Kapelle Maria Heimsuchung auf dem Zugspitzplatt weiht. Auch hier das bayerische Hase-und-Igel-Spiel, auch hier die Omnipräsenz weiß-blauer Premiummarken. Fehlen eigentlich nur noch Alfons Schuhbeck und der FC Bayern. (...) Auch als wir endlich den Weg zum „Summit“ gefunden haben und hinaus ins Freie treten, bleibt der Beton uns treu. (...) An einer Reling, die einem Ozeandampfer alle Ehre machen würde, hangelt man sich (...) hinaus in eine trübe Wolkensuppe, vorbei am Gipfelfotoautomaten, dessen auf Knopfdruck geschossene Bilder man sich später im Internet downloaden kann, zum „höchsten Biergarten Bayerns“. (...) Von hier aus ist es nicht mehr weit zur Münchner Hütte, die inmitten dieses künstlichen Berg-Halli-Gallis mindestens so deplatziert wirkt wie Luis Trenker auf einer Facebook-Party im P1. Mal ehrlich: Wer braucht so eine aus eisenbewehrten Holzbalken zusammengezimmerte Massenunterkunft, wenn er sich nur zwei Betontreppen weiter unten in der Panoramalounge an „Original Dallmayr Zugspitzkaffee“ laben kann?

Von dort aus haben wir einen freien Blick auf das golden lackierte, seltsam geschleckt wirkende Gipfelkreuz, auf das doch tatsächlich zwei Gestalten in dicken Daunenjacken zustapfen (...), am Körper so viel alpine Kletterausrüstung, dass man damit locker ein mittelgroßes Bergsportgeschäft aufmachen könnte. Die beiden Gipfelstürmer streifen die Handschuhe ab und fotografieren sich gegenseitig in Siegerpose (...). So richtig will man dem alpinen Männlichkeitsritual da draußen aber dann doch nicht über den Weg trauen. Wer garantiert einem denn, dass die beiden Sportsfreunde nicht mit der Seilbahn heraufgefahren sind, sich auf der Toilette heimlich die Ausrüstung angelegt haben und jetzt vor nichts ahnenden Flachlandtirolern die große Show abziehen? Oder anders gefragt: Wer ist wirklich so plemplem, sich bei diesem Mistwetter zu Fuß einen fast 3000 Meter hohen Berg hinaufzuquälen, um dann in diesem vollklimatisierten Affenhaus zu landen?

(...) Wir treten wir die Flucht zur Eibsee-Seilbahn an. Die Talfahrt ist ein fast senkrechter „Sturz“ durch schneespuckende weiße Wolken hinunter zur Erde, am Stahlseil hängend wie an einem virtuellen Fallschirm, akustisch begleitet von „O my God“-Rufen einer dicken Amerikanerin und dem unverständlichen Gekicher pausenlos fotografierender, zahnspangiger Asiatinnen neben uns. Vielleicht, so mutmaßen wir, sind das Südkoreanerinnen aus Pyeongchang, die sich über den Olympia-Loser Garmisch lustig machen.

Der Letzte, der sich auf diesem Rücksturz ins verregnete Tiefland zu Wort meldet, ist der – natürlich sächsische – Gondelführer, der uns unaufgefordert eine kachelmanneske Wetterprophezeiung mit auf den Heimweg gibt: „Dr Wintr fälld heur aus auf dr Dsuugschbidze.“

Dem, so finden wir, ist nichts mehr hinzuzufügen.

Stefan Dorner

Hier geht's zum ersten Teil der Serie.

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