Auszüge aus neuem Schleich-Buch

"Als Bayer wird man hier zur Minderheit"

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"Breakfast in Schwabing“, wie die Bedienung anpreist? Ja, Mahlzeit! Kabarettist Helmut Schleich (l.) und Autor Thomas Merk beim Interview im Café Schwabing.

München - Daheim is ned dahoam, heißt das neue Buch von Kabarettist Helmut Schleich und Autor Thomas Merk. Im Interview mit der tz beantwortet die beiden die Frage: Wie echt ist Bayern noch?

Auf ihren Reisen quer durch den Freistaat haben sie die Augen weit aufgemacht und sich kritisch mit ihrer Heimat auseinandergesetzt. Sie haben dabei allerhand neuzeitlichenQuatsch und so manchen historischen Unsinn entdeckt. Für ihre weißblauen Ein- und Durchblicke waren sie unter anderem auf den Spuren von größenwahnsinnigen Königen, auf der Zugspitze, bei fränkischen Landschaftssünden, in der oberpfälzischen Provinz und natürlich in ihrer Heimatstadt München unterwegs. Ab Montag druckt die tz fünf Auszüge aus ihrem Buch (erscheint am 22. März). Vorab verraten die beiden, warum für viele Menschen daheim nicht mehr dahoam ist. Im großen Report stellen wir die Frage: Wie echt ist Bayern noch?

Herr Schleich, Herr Merk, jetzt sagen Sie mal: Wo sind Sie eigentlich daheim?

Thomas Merk (59): Wir wohnen sogar relativ nah beieinander, in Schwabing-West …

Helmut Schleich (45): Ja, da wohnen wir. Aber ob wir da daheim sind, das ist die andere Frage.

Merk: Also, ich bin da schon daheim, ich bin hier am Englischen Garten geboren, in einer Frauenarztpraxis in der Paradiesstraße. Dieses Viertel ist schon meine Heimat.

Schleich: Aber München behauptet ja von sich selbst sehr gerne, das Paradies zu sein, unverschämterweise.

Das klingt nicht schön, was Sie da über Ihre Wahlheimat sagen, Herr Schleich!

Schleich: Es ist ja nicht meine Wahl-, sondern meine Zwangsheimat. Meine Mama ist hierher gezogen, als ich acht Jahre war, da hätte ich doch nicht allein in Schongau bleiben können.

Und jetzt halten Sie es schon fast 40 Jahre lang hier aus!

Schleich: Naja, ich war hier schon mal mehr daheim. Ich fühle mich zunehmend an den Rand gedrängt.

Warum?

Schleich: Ich verfalle manchmal in Münchner Bairisch, doch das wird in der bayerischen Hauptstadt oft nicht mehr verstanden. Man wird zur Minderheit als Bayer in München. Das allein wäre nicht schlimm, aber das, was dahinter steckt!

Das wäre?

Schleich: Diese Stadt hat sich komplett der Gewinn-Maximierung unterworfen, es wird alles zur Ware gemacht, und aus jedem Grashalm versucht man, Profit zu ziehen. So werden Nischen ausgetrocknet, und die Vielfalt verschwindet.

Merk: Früher hieß es ja: Die Weltstadt mit Herz. Doch das ist leider längst vorbei, das ist nur noch im Fernsehen da, zum Beispiel, wenn der Monaco Franze gezeigt wird.

Was ist München dann heute? Eine Weltstadt ohne Herz?

Schleich: Gerade in den Innenstadtbereichen ist sie eine reine Schnösel-Metropole geworden, wo nur noch der mit dem meisten Geld die Hosen anhat. Wir sind umzingelt von einer im größer werdenden A…dichte.

Kann man diesen Trend stoppen?

Schleich: Ich sehe bei den Machern in dieser Stadt nicht einmal den Versuch, aus diesem Dampfkessel etwas Druck rauszunehmen. Dann fällt ihnen lieber noch ein, sich für Olympia 2022 zu bewerben. Da werden die Mieten bestimmt nicht billiger.

Ist München zumindest im internationalen Vergleich eine Weltstadt?

Merk: Das ist immer die Frage, wie man das definiert. Aber der Begriff „Weltstadt“ ist ja zunächst nichts Positives.

Schleich: Diese sehr wohlfeile Kritik, dass München ein Dorf sei, das hab ich auch schon von Parisern oder Berlinern über ihre Heimat sagen hören, und wahrscheinlich sagen sie das auch in New York.

Provinz-Mief-Vorwürfe gibt es also in jeder Großstadt?

Schleich: Nein, das hat mit Provinz nichts zu tun. Ein Dorf zu sein, ist ja zunächst nichts Schlechtes. Ein Dorf zieht ja nach sich, dass es intakte soziale Strukturen gibt.

Merk: Also ich hab das Leben im „Dorf München“ sehr genossen. Zum Beispiel auf der Wiesn, als sie noch kein weiß-blau angestrichener Ballermann war. Dag eht mir das peinliche Weltstadtgetue, das mit Olympia 1972 angefangen hat, deutlichmehr auf die Nerven als eine wie auch immer geartete Provinzialität.

Schleich: Genau! Gerade die negativen Seiten einer Weltstadt hat sich München sehr gut drauf geschafft.

Zum Beispiel?

Schleich: Wenn man jetzt draußen im Franz-Josef-Strauß-Airport landet: Da denkt man sich schon: Mein Gott, müsst ihr ständig was nachmachen! Einmal spielt man L.A. International Airport nach und einmal Italien!

Italien? Was ist denn da nachahmenswert?

Schleich: Diesen Satz „München ist die nördlichste Stadt Italiens“ halte ich für eine so unerträgliche Arschkriecherei.

Italophil ist halt hip in der Schnösel-Weltstadt mit ehemaligem Herz!

Schleich: Was soll denn des? Kein Italiener würde doch auf die Idee kommen, zu sagen: Mailand ist die südlichste Stadt Bayerns!

Kommt das aus einem deutschen Komplex heraus?

Merk:Da spiegelt sich halt schon auch Unsicherheit wider, eine fehlende Identität. Man wanzt sich irgendwo ran.

Ich zitiere aus Ihrem Buch: „Durch die Brille der Fremdheit betrachtet, schaut Ähnliches anderswo schlimmer aus als daheim!“

Merk: Am schlimmsten finde ich eigentlich, dass sich München langsam von anderen deutschen Städten kaum mehr unterscheidet. Dass man sich immer öfter fragt: Wo bin ich eigentlich? Das ist alles austauschbar geworden, da geht der eigene Charakter immer mehr verloren.

Schleich: Ich bin ja viel in Deutschland unterwegs. Dieses Zurückkommen nach München, das war für mich früher, also vor zehn Jahren: „Schee, dass Du wieder dahoam bist!“

Und heute?

Schleich: Mittlerweile denk ich mir: „Scheiße, jetzt bist wieder in diesem Tollhaus!“ Du steigst aus dem Zug aus, und es läuft dir das erste sonnenbebrillte Blödgesicht über den Weg, dass du schon neiwatschn könntest.

Viele Klagen, aber was sind die Lösungen?

Merk: Der entscheidende Punkt für eine soziale Vielfalt in einer Stadt ist ein vernünftiger Grund- und Bodenpreis. Wenn sich die normalen und kreativen Menschen den Wohnraum nicht mehr leisten können, sind sie weg. Dann bleiben, drastisch gesagt, nur noch Menschen übrig, die in München ihren Drittwohnsitz haben, weil sie zwei Mal pro Jahr hier sind, auf der Maximilianstraße einkaufen und dann schnell noch für eine Million eine Wohnung kaufen. So was zerstört normales Zusammenleben.

In Ihrem Buch haben Sie Sündenfälle aber auch in den entferntesten Winkeln des Freistaats entdeckt …

Schleich: Exakt, das ist halt so eine typisch bayerische Grundhaltung. Dass alles Alte weg muss, dass alles glänzend, neu und perfekt sein muss.Und wir merken nicht, dass wir Sklaven der Globalisierung werden.

Bleiben Sie unter diesen Umständen Münchner bzw. Zwangsmünchner?

Merk: Ich hoffe schon und wünsche mir, dass es dieser Stadt einmal ein bisschen schlechter geht. Dann würden sich die Leute mehr besinnen, und es würde etwas Druck rausgenommen.

Schleich: Meine starke Ablehnung dieser Stadt ist ja eigentlich nur die Kehrseite der Liebe, die mich mit ihr verbindet. Ich möchte hier auch weiterbleibenkönnen. Aber du musst es dir noch leisten und „Grüß Gott“ sagen können.

Herr Schleich, Herr Merk, vergelt’s Gott für dieses Gespräch und Pfüat Gott!

STEFAN DORNER

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