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Baby totgeschüttelt: Tagesmutter in Haft

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Christopher starb an einer Gehirnblutung, die ihm seine Tagesmutter durch Schütteln zugefügt hatte. Die Eltern Natalie und Josef wachten tagelang an seinem Bett
Christopher starb an einer Gehirnblutung, die ihm seine Tagesmutter durch Schütteln zugefügt hatte. Die Eltern Natalie und Josef wachten tagelang an seinem Bett

Das Schicksal des kleinen Christopher bewegt unendlich viele Leser – und Mütter und Väter aus München.

Drei Tage kämpften die Ärzte um das Leben des kleinen Christopher, seine Eltern Natalie und Josef wichen keine Sekunde von seiner Seite. Am Samstag vor zehn Tagen schlug das Herz des Buben zum letzten Mal – er wurde nur 14 Monate alt. Christopher starb an einer Gehirnblutung, ausgelöst durch ein Schütteltrauma. Inzwischen ist die Tagesmutter Anja S. (34, Name geändert) festgenommen worden, die zweifache Mutter sitzt wegen Körperverletzung mit Todesfolge in Untersuchungshaft. Sie hat gestanden, den kleinen Christopher geschüttelt zu haben – weil er nicht schlafen wollte.

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Der Tod des 14 Monate alten Buben erschüttert auch das Jugendamt der Stadt München, das die Tagesmutter Anja S. an Christophers Eltern vermittelt hat. „Wir sind zutiefst entsetzt und unser ganzes Mitgefühl gilt den Eltern des Kindes“, sagt Stadtjugendamtsleiterin Maria Kurz-Adam der tz.

Anja S. hat alle nötigen Qualifizierungen für ihre Tätigkeit absolviert. Im Dezember 2005 schloss die zweifache Mutter einen Grundkurs (60 Stunden) ab – dieser ist Voraussetzung, um als Tagesmutter arbeiten zu können. Im März 2007 nahm die 34-Jährige an einem Aufbaukurs mit 100 Stunden teil. Zusätzlich schreibt das Jugendamt den gut 440 Münchner Tagesmüttern pro Jahr 15 weitere Stunden Fortbildung vor.

Tagesmutter Anja S. hatte die Zulassung für drei Pflegekinder, die sie neben ihren zwei eigenen in ihrer Wohnung in Obergiesing betreuen durfte. Am Tag, als Christopher von Anja S. geschüttelt wurde, hatte eine Mitarbeiterin bei der Tagesmutter angerufen. „Es war ein Routineanruf, weil Christopher sich noch in der Eingewöhnungzeit befand“, sagt Jugendamtsleiterin Maria Kurz-Adam. „Bei diesem Gespräch gab es keinerlei Hinweis auf eine Überforderung“. Kurz nach dem Telefonat muss die Tagesmutter dann die Nerven verloren haben.

Christophers Eltern war nichts anderes übriggeblieben, als ihren Sohn zu einer Tagesmutter zu geben. „Wir wollten uns eine Wohnung kaufen. Aber für den Kredit hätten wir beide arbeiten müssen“, sagt Vater Josef, ein Diplom-Designer. „Einen Krippenplatz für unseren Sohn haben wir aber leider nicht bekommen – dafür hatten wir keine Dringlichkeitsstufe. Uns blieb nur eine Tagespflege.“

Seit Anfang September war der kleine Bub zur Eingewöhnung bei Anja S. „Sie war mir sympathisch“, sagt Christophers Mutter Natalie, die ab 1. Oktober wieder als Übersetzerin arbeiten wollte. „Wir hatten eigentlich ein gutes Gefühl.“

Jacob Mell

Tagesmütter fordern bessere Eignungstests

Der schreckliche Tod des kleinen Christopher – er schockiert auch viele Tagesmütter in und um München. So wie beispielsweise Hilde Spazierer aus Martinsried. Seit 30 Jahren versorgt die 60-Jährige nun schon Kleinkinder. „Einfach furchtbar, was hier passiert ist“, sagt sie. Ihre Forderung: Bei der Eignungsprüfung zur Tagesmutter müsse endlich genauer und besser hingeschaut werden!

„Viele von uns machen diese Arbeit mit sehr viel Liebe und Zuneigung – das darf man jetzt nicht vergessen“, plädiert die mehrfache Mutter. Mit dieser Meinung ist sie nicht allein: Mehrere Tagesmütter meldeten sich gestern bei der tz im Internet unter www.tz-online.de. „Ich finde es schlimm, dass es solche Vorfälle gibt. Diejenigen Tagesmütter, die ihre Arbeit gut machen, werden durch solche Vorkommnisse mit Misstrauen bestraft“, schrieb eine Leserin. Alle forderten „eine harte Bestrafung der Beschuldigten“.

Hätte die Tat verhindert werden können? Hilde Spazierer ist der Meinung, dass an der Ausbildung der Tagesmütter noch einiges zu verbessern wäre. „Da müsste genauer kontrolliert werden, ob jemand die Geduld hat, die Liebe zu Kindern – oder ob es nur ums Geld geht. Das meinen auch viele meiner Kolleginnen.“ Derzeit sei nur ein 100-Stunden-Kurs und eine kurze Prüfung Pflicht. „Zu wenig. Außerdem gibt es nicht genug Tagesmütter. Das hat die Folge, dass manche einfach für zu viele Kinder sorgen.“

Quelle: tz

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