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Mann kommt nach fast 14 Jahren aus Gefängnis frei – „Die Justiz hat einfach was erfunden“

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Von: Carina Zimniok

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Wiedersehen mit der Familie: Manfred Genditzki umarmt am Wochenende seine Schwester.
Wiedersehen mit der Familie: Manfred Genditzki umarmt am Wochenende seine Schwester. © privat

Manfred Genditzki war rund 14 Jahre im Gefängnis. Er soll 2008 eine Frau in Rottach-Egern ermordet haben. Daran gab es lange Zweifel, jetzt ist er wieder frei.

München/Rottach-Egern - Ist er das Opfer eines Justizirrtums? Fast 14 Jahre musste Manfred Genditzki im Gefängnis sitzen, weil er angeblich 2008 eine 87-Jährige in Rottach-Egern ermordet haben soll. Schon lange gibt es daran massive Zweifel, Experten halten einen Sturz mit Todesfolge für wahrscheinlich. Am Freitag, 12. August, hat das Landgericht München II ein Wiederaufnahmeverfahren angeordnet. Der 62-Jährige kam sofort frei. Wir sprachen mit seiner Anwältin Regina Rick, 53, die seit fast zehn Jahren für seine Freilassung kämpft.

Wie geht es Herrn Genditzki nach der überraschenden Freilassung?

Ich glaube nicht, dass er das schon richtig fassen kann. Der muss das erst verarbeiten, all die gestohlenen Jahre.

Mann soll Frau in Rottach-Egern ermordet haben - Ist er Opfer eines Justizirrtums?

Wie lief die Entlassung ab?

Der Beschluss war sofort rechtskräftig, die JVA bekam per Fax Bescheid und führte eine Blitzentlassung durch. Herr Genditzki arbeitete in der Wäscherei, dort bekam er einen Anruf aus der Verwaltung. Es hat ein wenig gedauert, bis er alles unterschrieben hatte und seine Habe zurückbekam. Dann war er endlich frei.

Regina Rick
 ist eine Anwältin aus München.
Regina Rickist eine Anwältin aus München. © Achim Schmidt

Sie haben ihn abgeholt?

Ja. Er kam mit einem Rollkoffer und zwei Tüten raus. Bei seiner Habe war auch ein uraltes LG-Handy, das haben wir beide ein bisschen ratlos angeschaut. So was gibt es gar nicht mehr. Er machte sich Sorgen, wie die in der Wäscherei auskommen sollen ohne ihn. Man muss sagen: Er wurde in der JVA gut behandelt, vielleicht auch, weil alle davon ausgingen, dass er unschuldig ist.

Wie war das Wiedersehen mit seiner Familie?

Die Frau war da und hat ihn umarmt und dann mich. Sie hat mich nicht mehr losgelassen. Das hat mich echt bewegt, so was erlebt man nicht jeden Tag. Dann habe ich die Familie in Ruhe gelassen.

Wie war der Kontakt zur Familie im Gefängnis?

Er hat aus erster Ehe eine erwachsene Tochter und ist schon zweifacher Opa. Seine zwei Kinder aus der jetzigen Ehe sind 17 und 13 – das jüngere hat er kaum aufwachsen sehen. Er hatte aber regelmäßig Kontakt. Die Corona-Zeit war schwierig, weil sie sich nur mit Trennscheibe treffen konnten.

Mann kommt nach 14 Jahren aus Gefängnis frei: „Er ist nach der langen Zeit hart im Nehmen“

Bekommt die Familie psychologische Hilfe?

Wenn sie Hilfe brauchen, würden wir das organisieren. Aber ich glaube nicht, dass das erforderlich ist. Herr Genditzki ist nach der langen Zeit hart im Nehmen.

Hatten Sie und er am Freitag mit der Kehrtwende gerechnet?

Nein. Nach den Anhörungen der acht Sachverständigen war ich sicher: Es kann kein anderes Ergebnis geben. Aber dann kam die Stellungnahme der Staatsanwaltschaft, die sich erstaunlicherweise noch einmal gegen die Wiederaufnahme ausgesprochen hat. Sie blieb dabei, dass die Dame keinen Anlass hatte, Wäsche in der Wanne einzuweichen. 

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Dabei hatte eine Zeugin etwas anderes ausgesagt.

Ja. Vor Jahren rief mich eine Zeugin an. Sie meinte, Frau K. habe schon früher Wäsche in der Wanne eingeweicht, das sei ein regelrechter Spleen gewesen. Und sie sei auch öfter gestürzt. Die Aussage hielt die Staatsanwaltschaft für irrelevant.

Was lief in diesem Verfahren noch alles schief?

Ziemlich viel. Es ging schon los damit, dass sich die Polizei am Auffindeort der Seniorin nicht so verhalten hat, wie es erforderlich wäre. Man ließ die Leiche drei Stunden im Wasser liegen und hat weder die Temperatur des Raumes noch des Wassers noch der Leiche gemessen. Deshalb war es hinterher sehr schwierig, den Todeszeitpunkt zu ermitteln. Und dann auch noch der Skandal mit dem Gutachten.

Badewannen-Mord: „Unglaublich, dass man einfach eine Geschichte erfunden hat“

Können Sie das erklären?

Der Rechtsmediziner schrieb im Obduktionsprotokoll zunächst, dass die Frau wohl in die Badewanne gestürzt ist. Als die Polizei ihm sagte, dass Herr Genditzki verdächtig ist, änderte er sein Gutachten. Plötzlich waren die Kopfschwartenhämatome, die er zunächst für völlig bedeutungslos hielt, Ausdruck stumpfer Gewalt. Und er legte sich darauf fest, dass man nach einem Sturz nicht so in der Wanne liegen bleibt. Das haben Experten widerlegt.

Auch der Vorwurf, dass Genditzki der Frau Geld geklaut hat, war falsch.

Ja. Der Staatsanwaltschaft brach das Motiv weg. Es ist unglaublich, dass man dann einfach eine neue Geschichte erfunden hat. Ein Justizskandal. Für den Streit, der dann als Motiv dienen sollte, gibt es keine Beweise, keine Indizien, nichts. Und auch der Todeszeitpunkt, den wir mit einem thermodynamischen Gutachten näher bestimmt haben, zeigt: Er kann damit nichts zu tun haben. Auch die fehlende Waschhaut und die Wegdrückbarkeit der Leichenflecke ergab einen deutlich späteren Todeszeitpunkt. Auffällig ist auch: Gleich nach dem ersten Urteil habe ich Akteneinsicht beantragt – bei den Asservaten hätte auch die Uhr der Frau dabei sein müssen, die den Todeszeitpunkt gezeigt hätte. Ich hörte lange nichts. Als ich nachfragte, hieß es, die Asservate sind vernichtet.

Hat Ihr Mandant Angst, dass er noch einmal verurteilt wird?

Misstrauisch ist er schon, was die Justiz angeht. Ich bin immer vorsichtig. Es wird jetzt eine dritte Hauptverhandlung mit Beweisaufnahme von Anfang an geben. Ich freue mich schon, die Ermittler von damals zu befragen. Interview: Carina Zimniok

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