1. tz
  2. München
  3. Stadt

9-Euro-Ticket getestet: Münchner Autofahrer ernüchtert – „Glaube nicht, dass diese Erlebnisse Zufall waren“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Nina Bautz

Kommentare

Peter Petschenka erlebte mit dem 9-Euro-Ticket einen Ausflugs-Albtraum.
Peter Petschenka erlebte mit dem 9-Euro-Ticket einen Ausflugs-Albtraum. © Sigi Jantz

Ein überzeugter Autofahrer steigt probehalber auf die Bahn um und testet das 9-Euro-Ticket. Der Münchner erlebt mehrmals einen Albtraum mit Zugausfällen und Verspätungen.

München – Soll es 69 Euro kosten oder gar 365 Euro? Während die Politik schon darüber diskutiert, wie die Nachfolge des 9-Euro-Tickets aussehen könnte (siehe Kasten unten), ärgern sich andere noch übers Zugfahren mit der aktuellen Günstig-Fahrkarte. So zum Beispiel Peter Petschenka (68), Rentner aus Kirchheim bei München.

Normalerweise ist er – zumindest auf längeren Ausflugs-Strecken – überzeugter Autofahrer. Der Umwelt zuliebe wollte er der Bahn eine Chance geben und hat sich für alle drei Monate ein 9-Euro-Ticket gekauft. Drei Mal hat er den öffentlichen Nahverkehr seither für Wander-Ausflüge mit seiner Freundin getestet. Und: „Das Ergebnis ist ernüchternd.“ Hier das Frust-Protokoll seiner 9-Euro-Fahrten:

Autofahrer testet Neun-Euro-Ticket: Verspätung und Schienenersatzverkehr

14. Juni: Petschenkas eigentliches Ziel ist an diesem Tag Bayrischzell. Zum Start gibt’s eine Verspätung bei der S2 zum Hauptbahnhof. Von Neuhaus bis Bayrischzell gibt es nur Schienenersatzverkehr. „Da ich damit gerechnet habe, dass es lange dauert, bis alle Fahrgäste aus dem überfüllten Zug in die Busse geladen sind, entschieden wir uns um und fuhren nach Tegernsee“, erzählt der Rentner. Bei der Rückfahrt dann erneutes Staunen: „Auf der Anzeige im Bahnhof stand, es gebe Schienersatzverkehr. Plötzlich kam der Zug aber trotzdem.“ Bis nach Gmund fährt der Zug Schrittgeschwindigkeit.

München: 9-Euro-Passagier fällt vernichtendes Fazit - „Schienen in keinem guten Zustand“

27. Juni: Diesmal geht’s nach Osterhofen zur Wendelsteinbahn. Ab Neuhaus zuckelt der Zug nur noch. Petschenka: „Trotzdem hat es ziemlich geschaukelt. Die Schienen scheinen in keinem guten Zustand zu sein.“ Bei der Hinfahrt kommt es deshalb zu einer viertel Stunde Verspätung, bei der Rückfahrt ist es eine halbe Stunde.

Bahn-Chaos Richtung Kochel: „Es gab keinerlei Durchsagen, wie es weitergehen soll“

14. Juli: Dieser Ausflug nach Kochel sollte der abenteuerliche Höhepunkt werden: Am Hauptbahnhof weist die Anzeige einen Zugteil mit Ziel Kochel an, in den Peter Petschenka steigt. Im Zug allerdings die Anzeige, dass dieser nach Weilheim fährt! Dann die Ansage: Reisende nach Kochel müssen in Tutzing umsteigen, in den Zug nach Bichl. Dort angekommen bleibt der Zug stehen – und alle Fahrgäste mit Ziel Kochel stranden am Bichler Bahnhof.

„Es gab keinerlei Durchsagen, wie es weitergehen soll.“ Eine kleine Laufschrift an der Zuganzeige weist auf Schienersatzverkehr per Taxi hin. Aber: weit und breit keines zu sehen! Der Kirchheimer entscheidet sich, in den Ort zu gehen und nach einem Taxi zu suchen. An einer Bushaltestelle hat er Glück: Das Taxi transportiert ihn, seine Freundin und vier weitere Fahrgäste nach Kochel.

„Laut eigener Aussage hatte er erst kurz zuvor von seinem Einsatz gehört. Dabei war die Strecke schon seit einem Tag gesperrt, wie wir später erfuhren.“ In Kochel unterhalten sich der Taxifahrer und Petschenka zufällig mit dem dortigen Fahrdienstleiter der Bahn. „Erst bei unserer Ankunft hat er andere Taxifahrer über den Schienersatzverkehr informiert. Bei uns hat die Fahrt schon eine Stunde länger als geplant gedauert. Aber die anderen Fahrgäste mussten wohl noch viel länger in Bichl auf die Weiterfahrt warten …“

Wie geht’s im Oktober mit dem 9-Euro-Ticket weiter?

Ende August ist Schluss mit dem 9-Euro-Ticket – so hat’s die Politik beschlossen. Wobei: Vielleicht gibt’s doch einen Nachfolger für die günstige Fahrkarte, zumindest hat sich zuletzt eine große Mehrheit der Deutschen in Umfragen dafür ausgesprochen. Jetzt laufen die Debatten auf Bundes- und Landes-Ebene sowie bei den Nahverkehrs-Unternehmen. Im Gespräch sind zum Beispiel eine 69-Euro-Monatskarte und ein 365-Euro-Ticket, das dann fürs ganze Jahr gelten könnte. Finanzminister Christian Linder (FDP) ist allerdings gegen eine Fortführung des Tickets oder eine Nachfolgeregelung.

Petschenkas Fazit: „Bei der Bahn muss noch sehr viel getan werden, um überhaupt als Verkehrsmittel anerkannt zu werden.“ Trotzdem will er noch ein paar weitere Versuche mit seinen 9 Euro-Tickets wagen. Er sagt: „Ich ziehe das jetzt durch. Aber ich glaube nicht, dass diese Erlebnisse Zufall waren. Danach kann ich wenigstens guten Gewissens wieder mit dem Auto zum Wandern fahren.“ (nba)

Auch interessant

Kommentare