Bahn-Boss ausgebuht! Das gab es noch nie im Stadtrat

+
Zweifelnde Gesichter auf der Referentenbank, blanke Enttäuschung bei den Stadträten, als der Bahn-Boss André Zeug seine Hauptbahnhofpläne vorstellte

München - Premiere im Stadtrat: Das versammelte Gremium hat am Mittwoch Bahn-Boss André Zeug ausgebuht - wegen des Entwurfs für den neuen Münchner Hauptbahnhof.

Wie bei einem Kamm sind die Gebäudemodule hinter dem Empfangsgebäude angesiedelt

Das war eine Premiere im Münchner Rathaus! Zumindest kann sich CSU-Planungssprecher Walter Zöller, der seit fast 40 Jahren im Stadtrat sitzt, an nichts Vergleichbares erinnern: Das gesamte 80-köpfige Gremium hat einen Gast ausgebuht! Am Mittwoch kam Bahn-Boss André Zeug zu dieser zweifelhaften Ehre. Er war aus Berlin angereist, um den Münchnern den Bahn-eigenen Entwurf für einen (teilweise) ­neuen Hauptbahnhof schmackhaft zu machen.

Das ist ihm gründlich misslungen: Der „funktionale Zweckbau“ hielt für keinen der enttäuschten Redner den Vergleich mit dem Sieger­entwurf aus dem Wettbewerb (Auer + Weber) stand. Dazu kommen Mängel in der Erschließung der U- und S-Bahngeschosse. Als der Vorstandsvorsitzende der DB Station&Service AG nach der knappen Vorstellung des Projekts auch noch die Fragen der Stadträte nicht beantwortete, sondern fand, es sei „sinnvoller, wenn man heute hier einen Schlussstrich zieht“, schallte ihm die Unmuts­bezeugung unüberhörbar entgegen.

Walter Zöller eröff­nete „enttäuscht bis entsetzt“ das Gefecht. Es sei ein Skandal, dass die Bahn sich „still und leise“ vom preisgekrönten Entwurf entferne und jetzt „ein völlig beliebiges Gebäude hinstellen will“. Das Argument Wirtschaftlichkeit lässt er nicht gelten, zumal Zeug nicht einmal die prognostizierten Kosten für das Konzept verraten wollte. Im später verteilten Pressetext wird der Preis mit 300 Millionen Euro beziffert. Auer + Weber halten ihren eigenen reduzierten Entwurf durchaus für konkurrenzfähig, heißt es in der Vorlage von Stadtbaurätin Elisabeth Merk. Zöller sieht den Grund für die Bahnplanung in Eigenregie in den Erfahrungen mit dem Lehrter Bahnhof (Berlin), wo sich die Bahn wegen eigenmächtiger Veränderungen einen Urheberrechtsstreit mit Architekt Meinhard von Gerkan einhandelte. „Jetzt wollen sie nicht mehr mit freien Architekten arbeiten.“

Eine Klage könnte der Bahn auch in München blühen, so die Warnung von SPD-Chef Alexander Reissl: „Dann wird’s auf jeden Fall teurer.“ Zu Verzögerungen komme es auch. Die Stadt selbst habe den Anspruch, die Gestalt aller wichtigen Bauvorhaben durch einen Wettbewerb zu ermitteln. Das sagte Zeug auch zu, und da könne sich ja Auer + Weber ebenfalls beteiligen.

Quer durch den Stadtrat appellierten die Sprecher, den Weg zurück zum „überragenden Siegerentwurf“ nicht zu verbauen. Richard Quaas (CSU): „Es gibt selten eine so einhellige Haltung des Stadtrats, das sollte der DB zu denken gegeben.“ Sie solle sich auch auf ihre frühere Zuverlässigkeit besinnen, die in den letzten Jahrzehnten abhanden gekommen sei.

Auch fühle sich München vernachlässigt: In Leipzig, Berlin, Dresden und Stuttgart würden großartige Bahnhöfe geplant und gebaut, die bayerische Landeshauptstadt werde mit „Kaufhausarchitektur der 80er-Jahre abgespeist“.

Barbara Wimmer

So sieht's im Stellwerk Ost aus

So sieht's im Stellwerk Ost aus

Die schier unendliche Bummel-Planung

Seit zehn Jahren wird am Hauptbahnhof-Neubau herumgeplant, kurz zuvor war „München 21“ gestorben. 2005 schließlich lobte die Bahn einen Architektenwettbewerb aus, der auch die Flügelbahnhöfe einschloss. Gewonnen wurde er 2006 vom Münchner Büro Auer + Weber. Der Kostenrahmen lag bei ca. 600 Millionen Euro. Weil das zu teuer war, reduzierten die Architekten. Der letzte Entwurf hätte ca. 275 Millionen netto gekostet. Das interessierte die Bahn aber nicht mehr. Er sei kein Freund von Architektenwettbewerben, so André Zeug zur Presse. Es könne ja nie so gebaut werde, wie es die Idealvorstellung vorspiegele.

An der Eigenplanung lobt er die Modul-Bauweise: Jedes Teilstück kann unabhängig voneinander realisiert werden. Erst das Ostgebäude, dann der Kern unter der Empfangshalle mit Zugang zur 2. Stammstrecke, etc. Die Funktionalität der unterirdischen Erschließung bekommt von Stadtbaurätin und Stadtrat die Note mangelhaft. Und die äußere Gestalt gefällt auch niemandem.

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn: Technische Störung auf der S7, Verspätungen und Teilausfälle
S-Bahn: Technische Störung auf der S7, Verspätungen und Teilausfälle
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Münchens größte Werkstadt: Das neue Viertel hinterm Ostbahnhof 
Münchens größte Werkstadt: Das neue Viertel hinterm Ostbahnhof 
Kita-Finder wird verbessert: Das ändert sich für Eltern
Kita-Finder wird verbessert: Das ändert sich für Eltern

Kommentare