So wird den genervten Opfern geholfen

Sie regeln das Chaos, während die Lokführer streiken

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Ina Heimann ist Kundenbetreuerin im Reisezentrum, Andy Retzer (r.) zeigt Hans-Jürgen Albes seinen Zug.

München - Die GDL streikt und nicht nur die Pendler leiden: Denn jetzt müssen die Kollegen der Lokführer ran und Regeln in das Chaos am Münchner Hauptbahnhof bringen.

Die Chaos-Regler der Bahn tun ihr bestes, um die verärgerten Kunden schnell ans Ziel zu bringen. Die tz hat den Gesprächen zwischen Bahn-Mitarbeitern und Pendlern gelauscht.

Beim Bahn-Streik: Er ist der Zahlmeister

Anthony Schwaiger.

Satte 40.000 Euro hat die Bahn im Reisezentrum am Hauptbahnhof ­allein im Mai wieder an Kunden ­zurückbezahlt – Ticket-Rücknahme wegen Streik. Leiter Anthony Schwaiger (51) sagt: „Wir zahlen mehr aus, als wir einnehmen …“ Seit 4.30 Uhr ist er an diesem Tag im Dienst. „Pfingsten kann ich auch vergessen“, sagt er. Noch frustrierender sei: „Viele Mitarbeiter haben Angst um ihren Job, weil die Zahlen so schlecht sind.“

Bahn-Streik: Mit Rotkäppchen finden alle den richtigen Zug

Andy Retzer (r.) und Hans-Jürgen Albes.

Andy Retzer (53) hat sich vor Gleis 18 am Münchner Hauptbahnhof platziert. Mit offenem Blick steht er da. Alleine bleibt Retzer nie lange. Immer wieder sprechen ihn Passanten an, stellen ihre Koffer dabei kurz neben ihm ab. Retzer ist, was man im Bahnjargon ein Rotkäppchen nennt. Seit zwei Jahren hilft der mobile Service-Mitarbeiter den Kunden, den richtigen Zug zu finden. Er ist einer von sechs Angestellten, die am Streik-Mittwoch im Einsatz sind. Personal aufstocken war nicht nötig. „Viele Pendler informieren sich zuverlässig im Internet“, sagt er. Die meisten anderen seien genervt, aber freundlich. Genau wie Hans-Jürgen Albes (73), der ihn fragt, wann der nächste Zug nach Hannover fährt. Dann verschwindet Retzer kurz in dem DB-Info-Glaskasten in der Zug-Halle. „In einer Minute, der nächste in zwei Stunden“, sagt er 30 Sekunden später. Albes pendelt zwischen München und Hannover. Er ist freundlich, aber eigentlich – so wie Retzer es vermutet hatte – stocksauer. „Ich kann den Streik nicht verstehen.“ An Retzer will er seinen Grant aber nicht auslassen. „Das wäre nicht fair.“

So macht dem Bahn-Mitarbeiter sein Job trotz Streik Spaß. „Aber wenn man verbal angegriffen wird und die Polizei holen muss, ist das nicht toll“, sagt der 53-Jährige. Bei Herrn Albes, den er mit Handschlag verabschiedet, ist das zum Glück nicht der Fall.

Nach Rügen? Mit der Bahn geht nix

Der Streik trifft die Pendler hart. Und manche von ihnen besonders. So wie Klaus Praum. Der 65-Jährige hat einen Freund, der auf den Rollstuhl angewiesen ist. „Wir müssen von München nach Rügen“, sagt Praum. „Der Zug fällt aus und wir können wegen des Rollis nicht jeden nehmen.“ In diesem Moment steht er bei Service-Mitarbeiter Igor Mejerovsk (45) am Schalter des Reisezentrums – um seine Tickets zu stornieren. Etwa 20 Minuten hat er gewartet.

Igor Mejerovsk (r.) und Klaus Praum.

Aber er bleibt gelassen. Mejerovsk hört ihm geduldig zu und zahlt das Geld in bar aus. Für den Sprinter, den Praum jetzt mieten muss, wird es nicht reichen. Und die Strapazen der fast 900 Kilometer langen Fahrt wird es nicht wettmachen. Aber Praum ist freundlich zu dem Bahn-Mitarbeiter auf der anderen Seite des Tresens. „Die GDL regt mich maßlos auf, aber der nette Herr im Service kann da nichts dafür.“

Vor allem Stornierungen, aber auch Umbuchungen beschäftigen Igor Mejerovsk momentan. „Wir versuchen unser bestes. Wir wollen ja, dass die Kunden zufrieden sind“, sagt er.

Mejerovsk arbeitet an diesem Tag an einem der zehn geöffneten Schalter. Dort geht es relativ ruhig zu, jeder Kunde muss eine Nummer ziehen. Wer nur auf einen anderen Zug umsteigen will, kann seine Zugbindung bei drei weiteren Mitarbeitern aufheben lassen. So wird der Zustrom schon von vorne herein entzerrt.

Eine Kundenbetreuerin: „GDL lässt uns im Stich“ beim Bahn-Streik

Ina Heimann.

Ina Heimann (24) liebt ihren Job als Kundenbetreuerin im Reisezentrum. Aber zu Streik-Zeiten ist ihre Freude getrübt. ZehneinhalbStunden sitzt Heimann hinter dem Schalter und bearbeitet Umbuchungen – ihre normale Arbeitszeit. „Wir helfen, so gut es geht“, sagt sie. Im Stich gelassen fühlt sie sich von der GDL: „Es wäre schön, wenn sie sich mal hier bei einer Demo zeigen würden. Dann könnten die selbst erklären, warum sie streiken.“

Verena Usleber

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