tz-Serie Bahnhofsviertel

Die letzten Mohikaner im Elektroviertel

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München - In der tz-Serie Bahnhofsviertel stellen wir diesmal zwei kleine Läden vor, die im Windschatten der Elektrogiganten überlebten: das Tonnadel-Paradies Gleich und der Lampen-Werner.

Der Hauptbahnhof – in jeder Stadt der Inbegriff der Hektik, aber auch des pulsierenden Lebens. Normalerweise nicht das Vorzeigefleckerl einer Stadt, aber spannend. So wie das südliche Bahnhofsviertel in München auch. Hier leben heute 70 verschiedene Nationen, die Gegend summt und brummt – und das tat sie schon seit ihrer Geburtsstunde. Das Viertel entwickelte sich in den 50er- und 60er-Jahren zum Münchner Elektroviertel: Um die großen Elektrofirmen wie Fröschl, Hönig und Geiger, Lampen-Kunzelmann oder Schönsteiner, die neben Lampen auch Waschmaschinen und Elektrogroßgeräte verkauften, gruppierten sich später die ersten Elektronikläden wie Radio Riem und Radio Holzinger. Bis auf die reinen Computer-Geschäfte verschwanden die meisten in den 80er-Jahren. Keiner konnte mehr mit den Riesen Saturn oder Media Markt mithalten – bis auf zwei kleine Läden, die im Windschatten der Elektrogiganten mit einem exklusiven Angebot überlebten und sich zwischen Istanbul-Restaurant und Verdi-Markt wohlfühlen:

Das Tonnadel-Paradies Gleich in der Landwehrstraße 48:

In den 70er-Jahren arbeiteten beim Elektro Gleich bis zu 35 Angestelle. Fritz Gleich war der Chef des Großhandelsgeschäftes mit Waschmaschinen, Kühlschränken, Fernsehern und natürlich Schallplatten und Plattenspielern. Das 1919 von seinem Vater Friedrich Gleich gegründete Unternehmen war eines der ersten Geschäfte in München, das sich auf die hochmoderne Musikwiedergabe durch Grammophone (sowohl mit Kurbelaufzug als auch elektrisch betrieben) spezialisiert hatte.

Fritz Gleich war 1955 einer der ersten Münchner Nachkriegs-Faschingsprinzen und verliebte sich so sehr in seine Prinzessin Helga, dass er sie kurz darauf heiratete. Das Paar bekam drei Kinder. 1989 entstand ein Foto mit Fritz Gleich, das um die Welt ging. Damals durfte er als Narrhalla-Präsidiumsmitglied dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger und inzwischen emeritierten Papst Benedikt den Karl-Valentin-Orden um den Hals hängen.

Durch die Konkurrenz der Elektro-Giganten war das alte Geschäft in den 90er-Jahren nicht mehr zu halten, aber sein Sohn Wolfgang hatte eine glänzende Idee: Tonnadeln für alte Schallplattenspieler! Kombiniert mit einem Internetportal residiert er heute im Rückgebäude des alten Geschäftes in seinem „Tonnadel-Paradies“ und vertreibt an die tausend verschiedene Schallplattennadeln für alle Arten von historischen Grammophonen bis zu den letzten hoch entwickelten Plattenspielern. Und damit die alten Platten nicht kratzen, hat er einen einzigartigen Service entwickelt: In seiner „Schallplatten-Waschmaschine“ werden die Rillen in den Platten wieder fast fabrikneu gereinigt. Und das Geschäft brummt: Denn nach der CD-Begeisterung in den 90ern hat in den vergangenen Jahren ein wahrer Ansturm auf diese alte Technik eingesetzt. Vor allem bei der jüngeren Generation ist das Schallplattenhören wieder cool geworden. Daher schaut’s auch gut aus, dass sich Wolfgang Gleichs Traum erfüllt: 2019 will er zwischen Cavasoglu-Markt und Istanbul-Restaurant den 100. Geburtstag seines Traditionsgeschäfts feiern.

DerLampen-Werner in der Landwehrstraße 4:

Rechts neben dem Schaufenster dreht sich der knusprige Dönerspieß des Istanbul-Restaurants. Auf der anderen Seite des Eingangs stehen Dutzende Wasserpfeifen in der Auslage – und mittendrin hängen beim Lampen-Werner in der Landwehrstraße 4 rustikale Lampenschirme über klassischen Stehlampen. Als wäre hier die Zeit seit einem halben Jahrhundert stehen geblieben.

Das Lampenschirm-Geschäft wurde 1946 ein paar Häuser weiter in der Landwehrstraße 27 von der Mutter des tz-Fotografen Heinz Gebhardt gegründet und 1970 an ihre Verkäuferin Fanny Werner übergeben. Deren Söhne Andreas und Januschek produzieren heute wie vor 59 Jahren maßgeschneiderte Lampenschirme aus einfachsten Stoffen bis hin zu teuersten Seiden und edlem Kalbsleder.

Alle großen Beleuchtungsgeschäfte der Landwehrstraße mit ihrer Massenware mussten aufgeben, geblieben und gut im Geschäft sind aber die handgearbeiteten Einzelstücke vom Lampen-Werner. Fanny Werner hatte 1958 mit ihrer Mutter aus der DDR in den goldenen Westen „rübergemacht“, wie man damals sagte, und fing als 16-jähriges Mädchen bei Brigitte Gebhardt als Verkäuferin an: „Die Ansprüche der Kunden waren für mich zunächst unglaublich. Plötzlich wollten einige den Lampenschirm in der Farbe der Tischdecke oder des Vorhangs. Aber wir haben alles gemacht. Genauso wie heute – nur hat der Januschek viel mehr Geduld als ich damals!“

Unter den zahlreichen Promis, die in den 50er-Jahren ihre Wohnung individuell beleuchten wollten, war auch ein Wittelsbacher Herzog aus Kreuth am Tegernsee, der das Lampengeschäft oft als geheimen Rendezvous-Treffpunkt mit einer schönen persischen Prinzessin auswählte. Er wartete immer geduldig und setzte sich meist unter eine Stehlampe, sodass sein Kopf vom Lampenschirm verdeckt wurde. Die anderen Kunden konnten ihn so nur schwer erkennen. Nur Fotograf Heinz Gebhardt sah ihn immer vollständig, denn als siebenjähriger Knirps durfte er der „Hoheit“ immer Kaffee und Kuchen vom Bäcker Bergbauer gegenüber bringen.

Mit der multikulturellen Nachbarschaft verstehen sich die Werners heute bestens. Jeder kennt den anderen, man hilft sich aus, wenn man was braucht. Ob Araber oder Türken – alles liebe Nachbarn. Zum Kundenstamm zählen sie allerdings nicht: Denn in den orientalischen Ländern kennt man keine Lampenschirme. „Die können nur mit leuchtenden Glaskugeln und Neonröhren etwas anfangen“, sagt Januschek Werner. „Dafür kommen genügend Münchner, genauso wie vor 50 Jahren …“

Heinz Gebhardt

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