Banden immer dreister

Bettel-Mafia: Jetzt kommen sie schon an die Tische

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Neue Masche: Die Bettlerin (links) schnappt Cynthia S. das Essen vom Tablett.

München - Die Bettler werden in der Innenstadt immer dreister - jetzt gehen sie sogar schon in die Restaurants rein! Der Polizei ist das Problem bekannt - was die Beamten raten:

Was will der denn? Als Cynthia S. (53) genüsslich an ihrem Hähnchenschenkel knabbert, hält ihr plötzlich ein großer, dürrer, dunkelhaariger Mann seine Hand hin. Mit flehender Miene bettelt er im Kentucky Fried Chicken in der Bayerstraße um Geld. Cynthia S. wimmelt ihn ab. Die Rentnerin aus München ist schockiert.

Die Bettler werden in der Innenstadt immer dreister - jetzt gehen sie sogar schon in die Restaurants rein! Keine fünf Minuten später betritt eine junge Frau mit Kopftuch den Fastfood-Imbiss. Auch sie geht von Tisch zu Tisch. Als sie bei Cynthia S. ankommt, bittet sie um Essensreste. Verdutzt nickt die Münchnerin ihr zu. Schnell klaubt die dunkelhaarige Frau die liegengelassenen Pommes und den Salat auf und zieht wieder davon. „Das Essen können sie haben“, sagt die 53-Jährige. „Aber Geld gebe ich nie.“

Cynthia S. trifft sich mit ihren Freundinnen regelmäßig zum Mittagessen hier. Dass die Bettler jetzt auch in die Restaurants reinkommen, ist ihr schon öfters aufgefallen. „Das ist unangenehm, vor allem beim Essen“, erklärt die Rentnerin. „Wir glauben ihnen auch nicht, dass sie so arm sind. Das ist doch das organisierte Verbrechen.“

Die spektakulärsten Verbrechen Münchens

In seiner mehr als 850-jährigen Stadtgeschichte geschah in München schon so manches Verbrechen. Die einen oder anderen waren so bedeutsam oder schwerwiegend, dass sie den Eintrag in die Geschichtsbücher schafften. Wir stellen Ihnen hier einige der spektakulärsten Verbrechen Münchens vor. In das Gefängnis Am Neudeck (Bild) kam dabei auch so mancher Missetäter. © gs
Die Entstehung Münchens soll verschiedenen Quellen nach auf einem Verbrechen basieren. So ließ Heinrich der Löwe im Jahr 1158 die Zollbrücke des Bischofs von Freising bei Oberföhring zerstören, um "bei den Mönchen" eine neue Brücke zu errichten und so am Salzhandel zu verdienen. Rund um die Brücke auf Höhe der heutigen Ludwigsbrücke entstand so München. © Archiv
Im Jahr 1600 will Herzog Maximilian I. ein Exempel statuieren und lässt die völlig unschuldige Familie Pämb auf furchtbare Art und Weise foltern und anschließend bei lebendigem Leib als Hexen verbrennen. Paulus (57) und Anna (59) Pämb, ihre Söhne Gumpprecht (22), Michael (20) und Hans (11) sowie weitere Verdächtige sterben. © dpa
Die erfolglose Schauspielern Adele Spitzeder sucht sich 1872 ein lukratives Nebengeschäft und gründet die "Dachauer Bank". Damit zockt sie Tausende vertrauensseliger Geldanleger ab, das Geld verprasst sie. Der Gesamtschaden der in der Maxvorstadt lebenden Betrügerin: Acht Millionen Gulden. (im Bild Schauspielerin Claudia Bethke als Adele Spitzeder bei "Münchner Tatorte Rundgang")  © Jantz
Der "Maxvorstadt-Würger" Johann Berchtold erdrosselt im Jahr 1896 drei Frauen in der Karlstraße. Einmal geständig, werden ihm auch noch zwei weitere Morde in der Au zur Last gelegt, nachgewiesen werden können sie ihm aber nicht. © Hirschkäfer-Verlag
Am 21. Februar 1919 erschießt Graf Arco auf Valley den ersten bayerischen Ministerpräsidenten und Gründer des Freistaates Bayern, Kurt Eisner. Den Mord in der Prannerstraße begeht Valley, um seine "rechte Gesinnung" zu beweisen. Valley verbringt nur kurze Zeit im Zuchthaus und lebt bis 1945. © dpa
Am 17. August 1919 wird der 17-jährige Josef Apfelböck verhaftet. Er hatte seine Eltern erschossen, weil sie ihm auf die Nerven gegangen waren. Anschließend lebte er wochenlang mit den verwesenden Leichen in einer Wohnung. © gs
Der Aubinger Alchemist Franz Tausend beginnt 1924 seine jahrelangen Betrügereien, indem er vorgaukelt, aus Blei Gold gewinnen zu können. Die Millionen, die ihm Anleger nachschmeißen, steckt er in die eigene Tasche. © gs
Zwischen 1933 und 1945 regieren die Nazis in München. Zwölf Jahre voller Verbrechen und Unterdrückung. © dpa
Einer der schlimmsten Sexualverbrecher der Geschichte Münchens wird 1939 hingerichtet. Dem 33-jährigen Johann Eichhorn (übrigens der Enkel des "Maxvorstadt-Würgers") konnten 90 Vergewaltigungen und fünf bestialische Sexualmorde nachgewiesen werden. Sein Spitzname: Die Bestie von Aubing. © Repro: Haag
1951 kommt die "Pantherbande" vor Gericht. Sie bestand bei ihrer Gründung 1944 aus zahlreichen Jugendlichen, ihr Chef war ein 13-Jähriger. Nach zahlreichen kleineren Delikten schaukelten sich die Verbrechen immer höher, bishin zum Mord. © dpa
1960 sorgt der Fall Vera Brühne für Aufsehen. Die attraktive Lebedame wird verurteilt, weil sie gemeinsam mit ihrem Geliebten den Arzt Otto Praun sowie dessen Haushälterin aus Geldgier ermordet haben soll. Es entwickelt sich einer der aufsehenerregendsten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte. © dpa
Am 10. Februar 1970 geschieht die erste Flugzeugentführung auf deutschem Boden. Der Zwischenfall ereignet sich auf dem Flughafen Riem, wird aber durch den heftigen Widerstand der Bordcrew einer El-Al-Maschine zerschlagen. © gs
Der erste Banküberfall mit Geiselnahme auf deutschem Boden endet am 4. August 1971 in der Prinzregentenstraße tödlich. Einer der Täter, Hans Georg Rammelmayr, sowie eine weibliche Geisel sterben im Kugelhagel. © Archiv
Am 5. September 1972 nehmen palästinensische Terroristen elf israelische Sportler während der Olympischen Spiele als Geisel. Alle elf Sportler, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist sterben. © dpa
14. Dezember 1976: Industriellensohn Richard Oetker wird entführt und kommt nach tagelangem Martyrium, das ihn zum schwer Körperbehinderten macht, für 21 Millionen D-Mark wieder frei. © dpa
1979 kommt Dr. Mord vor Gericht. Er hat sich per Kontaktanzeige seine Opfer gesucht und mindestens drei Frauen brutal ermordet. © gs
Neonazi Gundolf Köhler zündet am 26. September 1980 eine selbsgebastelte Bombe am Haupteingang des Oktoberfests. 13 Menschen sterben, 211 werden verletzt. Ob der Täter alleine handelte oder politische Hintergründe eine Rolle spielten, wird nie geklärt. © dpa
Der Schauspieler Walter Sedlmayr wird am 14. Juli 1990 in seiner Wohnung von seinem Ziehsohn und dessen Halbbruder mit einem Hammer erschlagen. © dpa
22. Januar 1995: Bei der Fahndung nach einem Tankstellenräuber suchen Polizist Markus Jobst (21) und seine Kollegin Margit H. (24) den U-Bahnhof Bonner Platz ab - und laufen dem Killer Boro M. in die Arme. Margit H. überlebt. Markus Jobst aber zögert, schießt nicht - und wird vom Täter auf der Treppe erschossen. Dort legen seine Kollegen noch heute Blumen hin. Der Fall beeindruckte die jungen Polizisten besonders. Einer sagte: „Sowas machen wir oft. Wer denkt daran, dass sowas passieren kann...“ © Grabellus
Juni 1996: Ein Mörder in den eigenen Reihen schockte im Juni 1996 die Beamten der Schwabinger Polizeiinspektion. Der Kontaktbeamte Peter R. (damals 37 Jahre)lockte seine ehemalige Lebensgefährtin Gabriele L. und deren neuen Freund Thilo K. in eine Falle, betäubte beide und schlug ihnen Köpfe und Hände ab. Sein Motiv: 130 000 Mark, die er seiner toten Ex-Freundin stahl. Die Leichen wurden erst Wochen später gefunden. Peter R.  sitzt zur Zeit eine lebenslange Haftstrafe ab. © ap
Münchens schillerndster Paradiesvogel, der Modezar Rudolph Moshammer, wird von dem irakischen Stricher Herish A. (25) im Streit mit einem Kabel erdrosselt. © dpa
Marco Z. (22) ermordet am 22. Juni 2005 seine Ex-Freundin und deren Bekannte. Gemeinsam mit seinem Vater zerstückelt er die Leichen mit einem Samuraischwert und verteilt die Körperteile im Münchner Umland. © dpa
Millionärin Charlotte Böhringer wird am 15. Mai 2006 erschlagen im Penthouse ihres Parkhauses in der Baaderstraße aufgefunden. Ihr Neffe Benedikt T. (32) wird als Täter verurteilt. © Haag
17. September 2009: Der 50-jährige Dominik Brunner wird an der S-Bahn-Station Solln am hellichten Tag von zwei Jugendlichen zu Tode geprügelt, weil er Kinder vor den aggressiven Jugendlichen schützen wollte. Die Täter werden zu knapp zehn bzw. sieben Jahren Haft verurteilt. © dpa
Weitere spannende oder kuriose Fakten über die Landeshauptstadt finden Sie in dem im Hirschkäfer-Verlag erschienenen Buch "Absolut München - Das München-Sammelsurium". © 

Laut einer Mitarbeiterin kommen die Bettler mittlerweile täglich. Vor allem gegen Mittag sei es schlimm. Dem stimmt Dieter Langer zu, Geschäftsführer des Pizza Hut an der Bayerstraße: „In diesem Jahr ist es extrem. Sie schleichen sich an unserer Bedienung vorbei und betteln die Kunden an“, sagt Langer. „Da unsere Gäste sich belästigt fühlen, bitten wir die Bettler zu gehen. Das machen die dann aber problemlos.“

Der Münchner Polizei ist das Problem bekannt. „Das ist eine neue Entwicklung“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Behr. „Vorher haben sie nur auf der Straße und bei den Freischankflächen gebettelt.“ Einige Restaurantbesitzer hätten sich auch schon bei der Polizei beschwert. Zu einer Anzeige sei es aber noch nicht gekommen. Die Polizei rät dringend davon ab, den Geldbeutel zu öffnen. Dadurch würden lediglich die kriminellen Machenschaften im Hintergrund unterstützt. Die Bettler sehen - wenn überhaupt - nur einen winzigen Teil.

Sie kommen aus Osteuropa

Hinter den Bettlern stehen organisierte Banden aus Osteuropa, die ihre mittellosen Landsleute nach München schicken. Hier verdienen sie 40 bis 100 Euro pro Tag. Laut Polizei sind die Männer, Frauen und Kinder überwiegend aus Rumänien und der Slowakei. Alain Langefeld vom Kreisverwaltungsreferat betont allerdings, dass die Bettler vor allem auch aus Bulgarien stammen. „Wir gehen davon aus, dass sie in Sammeltransporten - also fünf bis sieben Leute in einem Wagen - über die Grenze kommen“, erklärt Langefeld. Seit der EU-Osterweiterung dürfen sie dauerhaft nach Deutschland einreisen.

Die meisten von ihnen leben vom Betteln oder von schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs, sind obdachlos oder sehr beengt untergebracht. Polizisten spürten sogar mal ein Waldversteck in Neuperlach auf, in dem eine Gruppe campierte. „Uns ist bekannt, dass es bis zu 15 Erwachsene sind, die an der Bayerstraße um Geld bitten“, sagt -Langefeld. „Wie lange sie in München bleiben, ist uns nicht bekannt.“ Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die Bettler nach etwa zwei bis drei Wochen ihre Zelte abbrechen und in die nächste Stadt weiterziehen.

mhz

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