Endstation S-Bahnhof

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Ohne fremde Hilfe kommt Clarissa Jung (32) mit dem Kinderwagen nicht die Treppe hoch.

München - Noch immer sind nicht alle Bahnhöfe in München barrierefrei – unbezwingbar vor allem für Rollstuhlfahrer, Mütter mit Kinderwägen und ältere Menschen. Wie am S-Bahnhof Leuchtenbergring.

Clarissa Jung (32) schiebt den vollbepackten Kinderwagen vor sich her, über ihrer Schulter baumeln zwei schwere Einkaufstüten. Jetzt ab nach Hause! Doch im S-Bahnhof Leuchtenberg­ring steht sie vor 45 Treppenstufen – ohne fremde Hilfe ist die junge Mama aufgeschmissen. Rolltreppe oder Lift? Fehlanzeige! Noch immer sind nicht alle Bahnhöfe in München barrierefrei – unbezwingbar vor allem für Rollstuhlfahrer, Mütter mit Kinderwägen und ältere Menschen. Wie am S-Bahnhof Leuchtenbergring. „Hier komme ich nie hoch!“ Clarissa Jung schüttelt resigniert den Kopf, Söhnchen Sean (5 Monate) schlummert selig im Wagen. Die junge Mama muss Passanten um Hilfe bitten – alleine kann sie den schweren Kinderwagen nicht nach oben schleppen. Dabei fahren am Leuchtenbergring vier S-Bahnen – unter anderem die häufig frequentierte Flughafen-Linie S 8.

Eine Übersicht der barrierefreien Bahnhöfe gibt es unter www.mvv-online.de. Ob Rolltreppen und ­Aufzüge funktionieren, steht auf www.mvg-zoom.de.

Laut Münchner Verkehrsverbund (MVV) sind zur Zeit etwa 73 Prozent der 138 S-Bahn-Stationen barrierefrei erreichbar. „Der Ärger der Passagiere ist verständlich. Die Barrierefreiheit der Bahnhöfe steht ganz oben auf unserer Tagesordnung“, erklärt ein Sprecher der Bahn. Allerdings sei die Umrüstung ein millionenschweres Programm: „Deshalb können wir nicht in großen Sprüngen vorangehen. Wir investieren bayernweit bereits jedes Jahr 30 Millionen Euro in den barrierefreien Ausbau. Unser Ziel ist es, im Laufe der Jahre alle Bahnhöfe im Gesamtnetz umzurüsten.“

Behindertenbeauftragter Oswald Utz.

Momentan werden unter anderem die Bahnhöfe Pasing und Westkreuz barrierefrei umgebaut. Der Bahnsprecher verspricht: „An den Bahnhöfen Donnersbergerbrücke und Mittersendling wird 2012 mit dem Bau eines Lifts begonnen, 2014 sollen sie in Betrieb gehen.“ Für die Bahnhöfe Leuchtenbergring und St.-Martin-Straße gebe es allerdings noch keine konkreten Pläne – sie würden frühestens 2013 überhaupt in die Überlegungen einbezogen. „Wenn das in dem Tempo weitergeht, frage ich mich, ob wir den Ausbau überhaupt noch erleben werden“, schimpft Oswald Utz, der Behindertenbeauftragte der Stadt. „München ist eine Metropole – und trotzdem haben wir solche Zustände an den Bahnhöfen. Die Bahn sollte mal ihr Konzept überdenken. Gerade Menschen mit Behinderungen sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen!“

St.-Martin-Straße

Auch am S-Bahnhof St.-Martin-Straße führen nur Stufen zu beiden Ausgängen. Rosemarie Landgraf (74) kommt gerade vom Ostfriedhof, der nur ein paar Meter entfernt liegt. „Es ist schade, dass es hier weder einen Aufzug noch eine Rolltreppe gibt“, sagt die Rentnerin. „Schließlich steigen hier viele ältere Menschen aus und ein, die den Friedhof besuchen.“ Ändern wird sich an dem Zustand so schnell nichts. Ein Bahnsprecher: „Wir versuchen, den Bahnhof 2013 in den neuen Planungen unterzubringen. Ob das klappt, können wir aber nicht versprechen.“

Donnersbergerbrücke

An der Stammstrecke sind die S-Bahnhöfe zwar alle mit Lift oder Rolltreppen ausgerüstet. An der Donnersbergerbrücke allerdings gibt es nur Rolltreppen – die fahren von beiden Bahnsteigen nur nach oben. „Als die Rolltreppe gebaut wurde, gab es die Technik des Richtungswechsels noch nicht“, sagt der Bahnsprecher. Wer runter will, muss die Treppe nehmen. Dabei liegt der S-Bahnhof mitten auf der Stammstrecke. „Ich muss hier immer umsteigen, wenn ich mit der BOB ­fahre“, sagt Rentnerin Vera Rödl (86). „Das Treppensteigen ist für mich sehr beschwerlich – ich habe einen Gehstock und kann nicht richtig laufen.“ Erst 2014 sollen hier Aufzüge fahren.

Mittersendling

An der Haltestelle Mittersendling das gleiche Bild: Auch hier ist der Bahnsteig nur über Treppen zu erreichen. Wer im Rollstuhl sitzt, schweres Gepäck hat oder mit Kinderwagen unterwegs ist, steht vor 34 unüberwindbaren Stufen. „Wir beginnen hier im nächsten Jahr mit dem barriere­freien Ausbau“, verspricht der Bahnsprecher. Bis der neue Lift in Betrieb genommen wird, dauert es allerdings noch bis 2014.

Christina Schmelzer

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