Seit Mittwoch wird gebaut

Zweite Stammstrecke: So geht es weiter - das sagen die Münchner

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Der Startschuss: OB Dieter Reiter, Ministerpräsident Horst Seehofer und weitere Gäste feiern am Marienhof den Baubeginn für die zweite Stammstrecke.

Lange mussten die Münchner warten, nun ist es so weit. Die zweite Stammstrecke wird gebaut. Am Mittwoch war Anstich mit Horst Seehofer und OB Dieter Reiter. Wie es nun weiter geht.

München - Am Mittwoch fiel der Startschuss für die zweite Stammstrecke. Ministerpräsident Seehofer (CSU) nennt den Tag einen „Quantensprung für den öffentlichen Personennahverkehr in Bayern“, OB Reiter (SPD) spricht vom „Herzstück für den weiteren Ausbau des Nahverkehrs“. Wir fassen wir noch einmal zusammen, warum die zweite S-Bahnröhre kommt:

Warum wird gebaut?

Die bisherige Stammstrecke durch die Innenstadt bündelt alle S-Bahn-Linien und ist chronisch überlastet. Die knapp elf Kilometer lange Trasse zwischen Pasing und Ostbahnhof limitiert den Takt – und der ist längst an der Kapazitätsgrenze. Derzeit werden rund 840.000 Fahrgäste pro Tag befördert. Beim Bau vor den Olympischen Spielen 1972 war das Netz für rund 250.000 Passagiere ausgelegt. Außerdem wirken sich Störungen auf der Stammstrecke immer auf das gesamte Netz aus.

Was bewirkt die zweite Röhre?

Der neue Tunnel soll geringere Wartezeiten und mehr Zuverlässigkeit bewirken: Derzeit fahren 30 Züge pro Stunde und Richtung, mit der neuen Röhre sollen es bis zu 54 werden. Legt eine Störung den S-Bahn-Verkehr in der bisherigen Röhre lahm, soll der neue Tunnel dafür sorgen, dass kein Komplett-Chaos die Folge ist. Laut Bahn gehen Gutachter auch davon aus, dass dann mehr Menschen das Auto stehen lassen und jährlich rund 225 Millionen Kilometer weniger gefahren werden. Express-Linien auf verschiedenen Strecken sollen Fahrzeiten verkürzen. Zum Flughafen soll halbstündlich eine Express-S-Bahn verkehren, die vom Marienhof zum Airport etwa 28 Minuten braucht. Bisher dauert die Fahrt ab Hauptbahnhof rund 40 Minuten.

Was kostet das alles?

Einschließlich eines Risikopuffers von rund 650 Millionen Euro soll das Mammutprojekt rund 3,85 Milliarden Euro kosten. Ohne Risiken wie höhere Lohn- oder Materialkosten liegen die Kosten wohl bei knapp 3,18 Milliarden Euro.

Wer zahlt?

Darüber gab es ein jahrelanges Hick-hack. Im Dezember wurde die Finanzierung besiegelt: Gut 1,55 Milliarden Euro übernimmt der Bund, der Freistaat Bayern stemmt rund 1,29 Milliarden Euro und die Landeshauptstadt München rund 160 Millionen Euro. Die Bahn beteiligt sich mit rund 180 Millionen Euro. Sollte es über den Risikozuschlag weitere Mehrkosten geben, sei die Aufteilung geklärt, heißt es beim Verkehrsministerium. Demnach übernimmt der Bund 60 Prozent der förderfähigen Kosten.

Wann ist alles fertig?

Die zehn Kilometer lange neue Stammstrecke entsteht zwischen den Bahnhöfen Laim im Westen und Leuchtenbergring im Osten. Kernstück ist ein sieben Kilometer langer Tunnel mit drei neuen Stationen am Hauptbahnhof, Marienhof und Ostbahnhof. Die Hauptarbeiten beginnen 2018, der Tunnelstich erfolgt 2019. Die ersten Züge sollen Ende 2026 rollen.

Stimmen zum Projekt

Nervig, aber notwendig: Ich sehe die Sache mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Vor allem für die nächste Generation ist die zweite Stammstrecke eine tolle Sache. Ich fahre jeden Tag mit der Bahn zur Arbeit und weiß, wie voll die Züge sind. Da muss wirklich langsam was passieren – auch wenn die Geschäftsleute und Anwohner unter dem Baulärm leiden werden. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es aber noch zu früh, sich aufzuregen. Schlimm wird es wahrscheinlich erst, wenn die Arbeiten beginnen. Ich hoffe, dass die staubige Phase schnell überstanden ist.

Die Verkäuferin des Schuhgeschäfts "Brunate" am Marienhof, Sabina Sokac.

Am Ende wird’s sich auszahlen: Jeder Tritt auf der Stelle ist über kurz oder lang ein Rückschritt. Deshalb finde ich es wichtig, dass die zweite Stammstrecke gebaut wird. Ich selbst bin zwar hauptsächlich mit dem Auto unterwegs, aber ich weiß, dass die Zustände in den S-Bahnen total chaotisch sind. Für die Geschäftsleute werden die nächsten Jahre bestimmt nicht einfach sein. Eine Baustelle ist eine riesige Belastung, aber ich glaube, dass sich die Strapazen im Endeffekt lohnen werden. Ich mag den Marienhof. Der Platz ist perfekt zum Bummeln und Entspannen. Aber seien wir doch mal ehrlich: Eigentlich wird immer irgendwo gebaut.

Gabriela Roth (45), Hotelfachfrau aus Oberhaching.

Angst um Arbeitsplatz: Ob der Kiosk hier stehen bleiben darf, erfahren wir erst Ende dieses Jahres. Ich mache mir wirklich Sorgen um meinen Arbeitsplatz! Der Umsatz ist in den letzten Wochen stark zurückgegangen. Vor allem auf den Getränken bleiben wir sitzen. Aber das ist ja auch kein Wunder: Schließlich haben wir unsere Waren vor allem an Leute verkauft, die sich mittags in die Sonne gesetzt haben. Die Geschäftsleute haben sich mittlerweile wahrscheinlich einen anderen Pausenhof gesucht. Ramiz Bajraktari (57)  Angestellter aus München.

Ramiz Bajraktari (57), Angestellter aus München.

Augen zu und durch! In Schwabing hat die Stadt letztes Jahr 2000 neue Wohnungen hingestellt. München wächst und wächst – und das, obwohl die öffentlichen Verkehrsmittel jetzt schon überlastet sind. Ich bin jahrzehntelang S-Bahn gefahren und habe die Entwicklung live miterlebt. Vor zehn Jahren waren die Abteile noch angenehm gefüllt. Mittlerweile sind die Züge rappelvoll. Deshalb ist die zweite Stammstrecke absolut erforderlich! Die ganzen Einsprüche führen doch zu nichts. Außer dazu, dass meine Steuergelder verplempert werden. Die Baustelle nervt, klar! Aber manchmal muss man einfach in den sauren Apfel beißen.

Hubert Wenzl (68), Rentner aus München.

Existenz-Sorgen:

Der Bau der zweiten Stammstrecke war längst überfällig, keine Frage. Trotzdem mache ich mir Sorgen um meine Existenz. Die Situation ist vor allem für uns Geschäftsleute extrem. Im Sommer klettern die Temperaturen hier zum Teil auf über 35 Grad. Ohne frische Luft ist das kaum auszuhalten. Aber wie sollen wir die Fenster öffnen, wenn es draußen lärmt und staubt? Wir wollen unseren Kunden schließlich ein Wohlfühl-Programm und kein Erdbeben bieten. Wenn ich merke, dass die Kundschaft ausbleibt, muss ich mich schweren Herzens nach einer Alternative umschauen.

Daniela ­Farnhammer (50), ­ Inhaberin von Koiffeur Robert aus München.

Machen statt meckern!

Die Politiker feiern sich schon selber, obwohl sie noch gar nichts getan haben. Hier muss endlich mal was passieren! Ich bin zwar mittlerweile schon pensioniert und fahre nicht mehr allzu oft S-Bahn, aber ich merke trotzdem, dass die Züge heillos überlastet sind. Für die Anwohner ist die Baustelle natürlich ein Graus. Aber von nichts kommt nichts. Ich freue mich auf die neue Stammstrecke – und komme natürlich weiterhin zum Haare schneiden auf den Marienhof.

Am Mittwoch gab es eine Gegendemo am Marienplatz. Dort versammelten sich Bürger, die gegen die zweite Stammstrecke protestierten.

2. Stammstrecke: Wo die Stadt überall aufgerissen wird

Lesen Sie ebenfalls: So wird Münchens zweite S-Bahn-Röhre sowie Zweite Stammstrecke - Alle Infos auf einen Blick. Hier haben wir außerdem zusammengefasst, wie die S-Bahn-Linien ab dem Jahr 2016 fahren sollen.

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