Baustellen, Verlauf, neues S-Bahn-Netz, Anwohner-Ärger

Bau der zweiten Stammstrecke startet - alle Infos auf einen Blick

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So soll der neue S-Bahnhof unter dem Hauptbahnhof aussehen.

Jahrelang diskutiert, jahrelang geplant, jahrelang geschachert – jetzt wird’s ernst! Mittwoch Nachmittag beginnen mit dem ersten Spatenstich die Bauarbeiten für die 2. S-Bahn-Stammstrecke. Hier gibt‘s das volle Info-Paket: Wo sind die Baustellen? Was sagen die Anwohner? Und wie sieht künftig das S-Bahn-Netz aus?

München - Läuft alles nach Plan, dann bedeutet das Großbaustelle bis ins Jahr 2026. Der neue Tunnel wird quasi eine zweite Hauptschlagader für den Münchner Berufsverkehr: So wollen die Bahn-Planer den Verkehrsinfarkt vermeiden. Hunderttausende Pendler sollen davon einmal profitieren – aber nicht alle Bürger jubeln. Denn: Zunächst einmal wird das Mammutprojekt jede Menge Schutt, Lärm und Dreck bringen. Hier erklären wir die Stammstrecke. Wir zeigen Ihnen, wo der neue Tunnel verlaufen wird, wann wo gebaut wird. Wir sprechen mit Anwohnern und liefern Ihnen den Feier-Fahrplan rund um den Spatenstich. Außerdem zeigen wir auf, welche Linien zukünftig durch die neue Strecke fahren werden – und welche Gegenden von Expresslinien profitieren könnten.

So läuft der Bau

Das große Graben beginnt! Die Arbeiten für die drei neuen unterirdischen Stationen am Hauptbahnhof, Marienhof und Ostbahnhof laufen zum Großteil bergmännisch. Also: unterirdisch – und zwar in bis zu 40 Metern Tiefe. Dank dieser extremen Tieflage sollen die Erschütterungen „nahezu gar nicht an der Oberfläche zu spüren sein“, heißt es von Seiten der Bahn. Trotzdem müssen sich die Anwohner während der kommenden neun Jahre auf jede Menge Lärm, Schutt und Dreck einstellen. Denn: Da sind insgesamt rund zwei Millionen Kubikmeter Erde zu bewegen, bevor die neue Röhre fertig ist. Die wohl dreckigste Bauphase wird 2019 losgehen und dann circa zwei Jahre lang andauern. Die frohe Botschaft dabei ist: Die Bahn will für den Erdtransport ein sogenanntes Logistikgleis verlegen, das entlastet die Straße.

Lesen Sie hier: Chefingenieur Markus Kretschmer im Interview - er ist der Herr der zweiten Stammstrecke

Sehen Sie hier das Video vom Spatenstich am 5. April am Marienhof:

Bei den Baustellen – geht es nicht nur um die Röhre und die Bahnhöfe selbst. Auch Rettungsschächte, Rolltreppen, Aufzüge etc. sind anzulegen. Beim Bau der Rettungsschächte sollen vier Monsterbohrer (je zwölf Millionen Euro teuer) zum Einsatz kommen.

Was den Tunnel selbst betrifft: Das maschinelle Verfahren erfolgt unterirdisch. Gigantische Schneideräder mit über acht Metern Durchmesser fräsen sich 11,9 Kilometer weit durch den Untergrund. Zusätzlich wird es auch offene Baustellen auf einer Strecke von rund 1,3 Kilometern geben. Das Kernstück der zweiten Stammstrecke bilden die sieben Röhren-Kilometer zwischen Haupt- und Ostbahnhof südlich der alten Stammstrecke.

Am Leuchtenbergring soll die neue unterirdische Stammstrecke wieder mit der bestehenden verbunden werden. Dafür müssen die alten Gleise neu geordnet und das Bahnhofsgelände umgebaut werden. Die Kosten für das 3,85 Milliarden teure Projekt teilen sich Bund, Freistaat und Stadt. In sechs Jahren soll das Schlimmste überstanden sein. 2026, so sieht es die derzeitige Planung vor, wird der erste Zug durch den neuen Tunnel rauschen.

Sehen Sie hier: 360-Grad-Videos -  So sollen die Bahnhöfe der neuen Stammmstrecke aussehen

Baustelle Laim

Der Umbau des Laimer Bahnhofs erfolgt von Norden nach Süden. Zuerst soll der bisherige Außenbahnsteig durch einen weiter nördlich liegenden Mittelbahnsteig ersetzt werden. Danach sieht die Planung einen Abriss des südlichen Mittelbahnsteigs vor. Außerdem müssen die Gebäude weichen, die östlich und westlich des alten Bahnhofs liegen, um Platz für neue Unterführungen zu schaffen. Baubeginn: 2019.

Baustelle Donnersbergerbrücke

Im Westen graben sich die gigantischen Bagger rund 300 Meter von der Donnersbergerbrücke entfernt in die Tiefe. Die Röhren sollen dann laut Plan 40 Meter unter der Erdoberfläche entstehen. Zum Vergleich: Am Hauptbahnhof verlaufen die S-Bahn-Gleise in 14 Metern Tiefe. Die U-Bahn-Linien U4 und U5 liegen 22 Meter unter der Erde. Die U1 ist genauso wie die U2 in 28 Metern Tiefe angesiedelt.

So werden die Arbeiten laufen.

Baustelle Hauptbahnhof

Obwohl die neue Station größtenteils unterirdisch gebaut wird, braucht es drei oberirdische Schächte, um in die Tiefe zu gelangen. Für den zentralen Zugang wird die Haupthalle in Teilen abgerissen. Betroffen sind einzelne Passagen des nördlichen und südlichen Ladehofes sowie der östliche Teil der Schalterhalle. Der westliche Gebäudeteil soll hingegen erhalten bleiben.

Baustelle Marienhof

Hier wird es zwei offene Baugruben geben. Die erste davon ist für den Haupteingang – von dort aus werden die neuen Bahnsteige und Verbindungstunnel angelegt. Die zweite Grube ist an der Ostseite des Platzes geplant. Hier soll ein Fluchttreppenhaus samt Belüftungsschacht entstehen. Den Lärm sollen vier Meter hohe Wände abfangen. Baustelle von jetzt bis 2026.

Eine Bürgerinitiative plant zum Spatenstich eine Protestaktion. Offiziell wird der Spatenstich mit einem großen Bürgerfest gefeiert. 

Baustelle Maximiliansanlagen

Fast fünf Jahre lang (von ­Frühjahr 2019 bis Frühjahr 2024) wird der unterirdische S-Bahn-Abzweig Praterinsel gebaut. Für den Bau des Rettungsschachts sowie den unterirdischen Abzweig zur alten Stammstrecke muss die alte Sportschulanlage an den Maximiliansanlagen abgerissen werden. Später soll nur noch der besagte Rettungsschacht an das Mammutprojekt erinnern, davor ist das hier aber eine offene Baustelle.

Baustelle Kellerstraße

Aus Sicherheitsgründen muss die Bahn für genügend Notausgänge im Tunnel sorgen. Zwischen Laim und Leuchtenbergring sind acht Rettungsschächte geplant. Diese werden teils in offener, teils in bergmännischer Bauweise errichtet. Zu Komplikationen könnte es vor allem in der Haidhausener Kellerstraße kommen, da die dortige Baustelle die gesamte Kreuzung zur Milchstraße einnehmen wird. Bauzeit: 2019 bis 2022.

Lesen Sie auch: Zweite Stammstrecke - An diesen Stellen in Haidhausen wird gebuddelt

Baustelle Ostbahnhof

Die dritte unterirdische Haltestelle soll in 35 Metern Tiefe unterhalb der kreuzenden U5 entstehen. Die Bauarbeiten werden Mitte 2018 beginnen. Danach werden die Zugangsbauwerke in offener Bauweise an der Erdoberfläche entstehen. Die Bahnsteigabschnitte sollen ab 2021 errichtet werden. Während dieser Zeit soll der gesamte ­Orleansplatz hinter Lärmschutzwänden verschwinden.

Lesen Sie hier: Bürgerversammlung zur Stammstrecke - jetzt gibt es doch einen Ersatztermin

Demo auf dem Marienplatz

Ärger um die 2. Stammstrecke hat’s schon reichlich gegeben – gerade in Haidhausen. Im Februar musste eine Bürgerversammlung wegen Überfüllung abgesagt werden. Und der Zoff geht weiter…

Die Bürgerversammlung musste abgesagt werden.

„Wer will das schon?“, fragt die Haidhausener Bürgerinitiative S-Bahn-Ausbau in Sachen Tunnelprojekt. Jetzt will die Gruppe zusammen mit dem Arbeitskreis Schienenverkehr öffentlich gegen das 3,84 Milliarden schwere Mammutprojekt protestieren. Um ein neues „Stuttgart 21-Debakel“ zu verhindern, fordert die Initiative „eine gründliche Planrevision“ sowie „ein Sofortprogramm für die S-Bahn-Ausbauten auf dem Südring, den Außenstrecken und dem Nordring“. Beginn der Demo ist Mittwoch um 14 Uhr auf dem Marienplatz.

So sieht das S-Bahn-Netz ab 2026 aus

Statt derzeit 950 S-Bahn-Fahrten durch das Herz der Stadt sind zukünftig 1250 möglich. Die 2. Stammstrecke bietet also Platz für zusätzliche Fahrgäste… Die zweite Hoffnung: Gibt es Probleme auf einer der beiden Adern, bricht nicht mehr alles zusammen.

Die (Fahr-)Pläne der Zukunft sind bereits detailliert ausgearbeitet: Unten sehen Sie die Ideen des MVV für das Netz 2026 – die 2. Stammstrecke ist mit eingearbeitet. Die einzelnen S-Bahn-Linien sollen ab 2026 grundsätzlich im 15-Minuten-Takt fahren. Die Linien nach Petershausen (S2), Holzkirchen (S3) und Wolfratshausen (S7) bleiben allerdings beim 20-Minuten-Takt, im Berufsverkehr sollen bei S2 und S3 jedoch alle zehn Minuten S-Bahnen fahren. Bei den anderen Linien fällt der Zehn-Minuten-Takt im Berufsverkehr weg, was Kritiker bemängeln. Am Abend ist laut Johann Niggl, dem Chef der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG), auch ein 30-Minuten-Takt „nicht ausgeschlossen“. Die BEG ist zuständig für die Details der S-Bahnbetriebs.

Ab Laim zukünftig durch die zweite Stammstrecke geleitet werden sollen die S-Bahnen ab Freising (S1) und Tutzing (S6). Das bedeutet auch: Wer etwa von Tutzing aus zum Stachus fahren will, muss in Laim umsteigen. Denn: Die Zweite Stammstrecke fährt den Stachus nicht an.

Zusätzliche Neuerungen sind die Express- und die Regio-S-Bahnen. Die Regio-S-Bahnen sollen stündlich von Augsburg, Buchloe und Landshut aus starten. Sie halten bis Maisach (Strecke S3), Geltendorf (S4) und Freising (S1) stadteinwärts an jedem Bahnhof. Danach werden sie zur so genannten Express-S-Bahn, fahren nur noch ausgewählte Halte an und befahren nach Laim die zweite Stammstrecke. Zusätzliche Express-S-Bahnen kommen nicht von außerhalb, sondern starten direkt in Maisach, Geltendorf und Freising – das ergibt in Summe einen Express-Takt von 30 Minuten. Darüber hinaus sind Express-S-Bahnen auf der Linie S8 ab Herrsching vorgesehen. Übrigens: Ob der Express jeweils auch in der Gegenrichtung – also stadtauswärts – fährt, ist noch unklar.

Das sagen die Anwohner

„Lieber jetzt als in zehn Jahren“

Jane Wetterling.

Ich fahre jeden Tag mit der Bahn von Laim zu meinem Arbeitsplatz am Marienplatz. Ich bin auch jetzt sehr zufrieden mit der Bahn. Aber München wird immer größer, und ein Ausbau wird früher oder später nötig sein. Darum lieber jetzt anfangen zu bauen, als erst in zehn oder fünfzehn Jahren.

Jane Wetterling (34), Rechtsanwaltassistentin

„Entlastung ist bitter nötig“

Christian Brozat-Essen.

Wenn ich die Stammstrecke entlangfahre, kann ich gut beobachten, was los ist. Vor allem am Hauptbahnhof steigen Massen an Menschen ein und aus, sodass teilweise die Waggons wackeln. Der Verkehr muss auf jeden Fall entlastet werden. Deswegen freue ich mich auf die 2. Stammstrecke.

Christian Brozat-Essen (24), Lokführer

„Baustelle statt Naturtraum“

Ingeborg Rauch und Rita Di Vita.

Die zehn Minuten, die man in Zukunft mit der S-Bahn spart, sind für uns kein Grund, die schönsten Flächen der Stadt zu zerstören. Wir sind jeden Tag hier, um mit unseren Hunden spazierenzugehen. Die wirtschaftlichen Interessen der Stadt walzen auch noch die letzten Grashalme platt.

Ingeborg Rauch (65), Rentnerin und Rita Di Vita (57), Verkäuferin

„Redet mit uns Bürgern!“

Eckhard Hölzemann.

Die Haidhausener sind besonders betroffen. Für den Rettungsschacht wird eine riesige Baustelle entstehen. Das ist ein komplexes Projekt mit vielen einander widersprechenden Interessen. Uns ist wichtig, dass wir in die Planungen einbezogen werden. Vor allem die Belastungen für Verkehr und Feinstaub bereiten uns Sorgen.

Eckhard Hölzemann (63), Rentner

„Es geht um unsere Existenz“

Daniel Kaussler.

Die Bauarbeiten sind für uns eine Existenzbedrohung. Der Bauplan für den Orleansplatz sieht nicht vor, dass wir stehen bleiben können – das wäre unser Ruin. Seit 30 Jahren steht hier unser Familienbetrieb. Ich verstehe, dass eine Modernisierung nötig ist, aber wir brauchen eine richtige Alternative. Gibt es keinen Kompromiss?

Daniel Kaussler (34), Blumenhändler

Der Feier-Fahrplan

Auf geht’s, ab geht’s! Zum Start des riesigen Tiefbauprojekts gibt’s ein zweitägiges Bürgerfest am Marienhof. Genau dort, wo im Laufe der nächsten neun Jahre ein neuer S-Bahnhof entstehen soll. Den offiziellen Startschuss geben Ministerpräsident Horst Seehofer (67, CSU), Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (46, CSU), Oberbürgermeister Dieter Reiter (58, SPD) und Bahn-Vorstand Ronald Pofalla (57). Nach ihrem symbolischen Spatenstich gegen 15 Uhr folgt ein Konzertmarathon. Die Wise Guys singen um kurz nach fünf, danach spielt das Eddy Miller Quartett (18.15 Uhr). Für Stimmung sorgt DJ Enrico ab 19.30 Uhr. Am Donnerstag sind Mundakrobat Robeat (14 Uhr) sowie der Jongleur Daniel Hochsteiner (14.20 Uhr) für gute Laune zuständig, Später spielen Ecco DiLorenzo and his Innersoul (15.20 Uhr) und der Hot-Sax-Club (17.30 Uhr). Um 18.30 Uhr stehen dann noch einmal Robeat und Daniel Hochsteiner auf der Bühne. Die CubaBoarischen singen ab 20 Uhr.

Am Marienhof wird am Mittwoch gefeiert.

Untertags bietet die Bahn verschiedene Mitmachaktionen und interessante Gesprächspartner rund ums Thema S-Bahn-Ausbau. Außerdem gewährt die archäologische Staatssammlung Einblicke in die Ausgrabungen am Marienhof. Um den Münchnern den Bau der zweiten Stammstrecke schmackhaft zu machen, ist außerdem eine Schlemmermeile geplant. Das Festgelände ist an beiden Tagen von 14 bis 21 Uhr geöffnet.

2. Stammstrecke: Wo die Stadt überall aufgerissen wird

S. Brenner, R.Weise, D. Walter, L. Polito

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