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Schon wieder ­Steinschlag auf der Rolltreppe

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Chaos an der Rolltreppe im zweiten Untergeschoss. Die Natursteinverkleidungen an der Wand sind weg. Zwei Stück davon dürften sich beim Abbau gelöst haben © Westermann

München - Nach dem Johannes B. (22) im Stachus Untergeschoss von einem acht Kilo schweren Brocken im Gesicht getroffen wurde, ereigneten sich zwei weitere Vorfälle. Wie gefährlich ist die Stachus-Baustelle?

Er ist nicht das einzige Opfer, so viel steht jetzt fest: Am Montagnachmittag wurde der 22-jährige Student Johannes B. im Stachus-Untergeschoss auf der letzten Rolltreppe hinunter zum S-Bahnsteig von einem acht Kilo schweren Bruchstück einer Steinplatte am Kopf getroffen und massiv verletzt. Mittlerweile meldete sich bei der tz ein weiteres Opfer:

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Auf dieser Rolltreppe zwischen dem zweiten und dritten Untergeschoss unter dem Stachus wurde der Student Johannes B. (22) von einem Naturstein-Brocken getroffen. Ein weiterer Brocken traf eine Passantin am Rücken, ein dritter verfehlte einen 30-Jährigen nur knapp. © Westermann

Der Münchner Florian K. (30) wurde keine zehn Stunden später – nämlich in der Nacht zu Dienstag gegen 1 Uhr – kurz vor besagter Rolltreppe von einem zweiten Bruchstück überrascht. Er hatte mehr Glück als Johannes: „Der Stein war etwa 30 Zentimeter lang. Es schlug nur einen Meter neben mir kurz vor der Rolltreppenbrüstung auf. Ich habe mich wahnsinnig erschrocken,“ berichtete er. Florian K. verständigte selbst die Bundespolizei. Auch dieser zweite Fall ist damit dokumentiert. Und es gibt sogar noch einen dritten Fall. Am Donnerstag meldete sich bei der Bundespolizei eine Zeugin, die am Montag nur Minuten vor Johannes‘ schwerem Unfall ebenfalls auf der Rolltreppe von einem Bruchstück in den Rücken getroffen wurde! Weil sie nicht verletzt war, ging sie weiter, ohne die Polizei zu rufen. Sie steht nun jedoch ebenfalls als Zeugin zur Verfügung.

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Platzwunde über dem Auge, am Hinterkopf prangt eine blutige Beule: Johannes B. (22) wurde auf der Rolltreppe im Stachus-Untergeschoss von einem kiloschweren Betonbrocken getroffen. © Jaksch

Am Dienstag machten sich Fachleute im Auftrag des Bauherren – der LBBW Immobilien (Immobilientochter der Landesbank von Baden-Württemberg) – auf die Suche. Sie fanden einen 15 Zentimeter breiten Spalt, der sich vom ersten bis ins dritte Stachus-Untergeschosse zieht und direkt über der letzten Rolltreppe zum S-Bahnsteig endet. Im obersten Geschoss steht ein Gerüst, auf dem Arbeiter die 3,5 Zentimeter dicken Wandplatten entfernten. Ist den Männern eine der enorm schweren Nagelfluh-Steinplatten am Montag entglitten und über zwei Geschosse durchgerutscht? Die Bundespolizei ermittelt. Nach Angaben von Dr. Brigitte Reibenspies – Sprecherin der LBBW Immobilien Stuttgart – sei es keinesfalls klar, wie lang die Platte in dem Spalt hing. Opfer Johannes hörte jedoch kurz bevor er von dem Steinbrocken am Kopf getroffen wurde, „ein Rauschen.“ Das Geräusch der abstürzenden Steinplatte? Die Rolltreppe ist seit Mittwoch wieder in Betrieb und nach Angaben der LBBW wieder sicher.

Von Dorita Plange

Wie gefährlich ist die Stachus-Baustelle?

Rund 160 000 Menschen drängen täglich durch das Stachus-Untergeschoss, das die LBBW derzeit zum Einkaufszentrum umbauen lässt. Sie hat den Bau für 33 Jahre von den Stadtwerken gepachtet. Seit April 2008 wird das 1966 bis 1970 errichtete Bauwerk saniert. Ursprünglich sollte die neuen „Stachus-Passagen“ heuer zu Weihnachten eröffnet werden! Doch die Bauarbeiten werden sich bis kommenden Oktober hinziehen. Schuld daran ist eine Pannenserie, in die sich das Abstürzen von Steintafeln nahtlos einfügt.

So entdeckte man erst im Sommer 2008 beim Umbau Asbest in den Zwischendecken. Die Mieter der Läden waren entsetzt, dass sie Jahrzehnte offenbar Gift eingeatmet hatten, die Stadtwerke (SWM) beruhigten schnell, Luftmessungen hätten keinen Grund zur Sorge ergeben. Doch die Asbest-Sanierungen bedeuteten weitere Verzögerungen und vor allem Mehrkosten, für die die SWM laut Vertrag gerade stehen müssen. Das gilt auch für die Treppen ins Freie: Hier hatte das mit dem Schmelzwasser einsickernde Streusalz den Stahlbeton auf viel größeren Flächen zerfressen, als zunächst vermutet.

Auch in der Tiefgarage waren die Schäden viel größer als erwartet. So waren das von den Stadtwerken beauftragte Ingenieurbüro an den Rampen von rund 700 Quadratmetern zu sanierender Fläche ausgegangen. In Wahrheit musste die vierfache Fläche ausgemeißelt und mit neuem Beton zugegossen werden. Damit die löchrigen Rampen während der Sanierung nicht einstürzen, wurden schwere Stahlstützen eingezogen. Die Mehrkosten, die die SWM tragen müssen, konnten diese am Donnerstag nicht beziffern.

Auch die Beschilderung im Baustellenbereich lässt vor allem für Auswärtige zu wünschen übrig: An der Tramstation fehlt jeder Hinweis auf U- und S-Bahn. Die ausgebauten Rolltreppen werden durch glitschige Stahlstiegen ersetzt. Auch die schon eröffneten Passagen bieten nicht ganz den Hochglanz-Eindruck, den die Bilder des Architekturbüros für die Zeit nach dem Umbau versprachen.

So ist der Terrazzo-Boden in der im Juni eröffneten C-Passage genauso von Rissen zerfurcht wie der in der im Anfang November eröffneten B-Passage. Wieso es zu den Rissen kommt, darüber streiten gerade der Hersteller, die Baufirma und die LBBW. Zur Frage, inwieweit und wann der Boden neu aufgerissen und repariert werden muss LBBW-Sprecherin Dr. Brigitte Reibenspies zugeben: „Das weiß noch keiner.“ Auch die schneeweiß gestrichenen Säulen sorgen für Ärger. Die mattweiße Farbe trägt schon jede Menge Schmutzspuren, ganze Schuhabdrücke sind zu sehen. Reibenspies: „Der matte, helle Ton entspricht dem Entwurf der Architekten. Wir wissen noch nicht, ob wir die Säulen jetzt alle vier Wochen neu streichen werden oder doch einen glänzenden Belag auftragen, der sich abwaschen lässt.“

Johannes Welte

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