Straßen, Tunnel, Fernwärme - muss das sein?

Baustellen-Wahnsinn: Die halbe Stadt ist dicht

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Die Laimer Unterführung ist komplett gesperrt.

München - Derzeit stehen vor allem die Münchner im Westen auf der Bremse: Mehr als ein Dutzend großer Baustellen blockiert den Verkehr – vor allem auf wichtigen Hauptstraßen.

Gerade hat Richard Bartl (59) wieder eine Beschwerde bekommen: Ein Bürger will ganz hinterfotzig wissen, wo es in der Stadt überhaupt noch einen Fleck von 500 Quadratmetern ohne Baustelle gibt. Wo denn? Bartl hat sich die Zeit genommen und erklärt auf mehr als einer DIN A4-Seite seine Arbeit. Der Vermessungsingenieur im Baureferat ist seit 20 Jahren der Baustellenkoordinator der Stadt. Derzeit stehen vor allem die Münchner im Westen auf der Bremse: Mehr als ein Dutzend großer Baustellen blockiert den Verkehr, wie die tz-Übersicht zeigt – vor allem auf wichtigen Hauptstraßen! Stau, Stop & Go und Sperrungen statt freie Fahrt in der Ferienzeit …

Der Koordinator leugnet das gar nicht: „Die Belastung ist grenzwertig, aber noch verträglich.“ Mit einer Ausnahme: Die Laimer Unterführung hat Bartls Baustellen-Plan durchkreuzt. Erst vor wenigen Wochen hat er erfahren, dass die Stadtwerke sofort eine kaputte Fernwärmeleitung reparieren müssen, die erst sechs Jahre alt ist! „Eine Notmaßnahme“, sagt Bartl. „Ich hätte da so nicht geplant.“

Die Folgen sind gravierend: Eine wichtige Nord-Süd-Verbindung entfällt – zumal Donnersbergerbrücke und Offenbachstraße in Pasing stark beeinträchtigt sind. Wollen Autofahrer die Behinderungen an den Einfallstraßen umfahren, stoßen sie spätestens bei der Überquerung der Bahnlinie auf Barrieren. „Ohne die Laimer Unterführung wäre die Situation nicht tragisch“, sagt Bartl. „Sonst stehe ich zu jeder einzelnen Maßnahme.“ In der tz erklärt der Koordinator jede einzelne Baustelle.

Die Ferienzeit ist schon lange die wichtigste Bauzeit: Da reduziert sich der Verkehr um 15 bis 20 Prozent. Baustellen in der Nähe von Schulen werden in den Sommer verlegt, damit die Schüler nicht gefährdet werden. Müssen Busse Umleitungenfahren, geschieht dies in den Ferien am erträglichsten. Pünktlich zur Wiesn muss alles fertig sein, nicht nur wegen des Oktoberfests. Im Herbst ist der Verkehr so dicht wie zu keiner anderen Jahreszeit. Da gehen alle arbeiten, während im Frühjahr manche noch Skifahren oder schon im Oster-Urlaub sind.

Der ADAC Südbayern ist einverstanden. „Wir sind froh, wenn Straßen instandgehalten werden“, sagt der verkehrspolitische Sprecher Alexander Kreipl. Er kennt Koordinator Bartl: „Ein ganz erfahrener Mann, der seine Sache so gut wie möglich im Griff hat.“

Aber warum müssen es heuer so viele Ferien-Staustellen sein? Koordinator Bartl verteilt die Baustellen nicht nur räumlich in der Stadt, sondern auch zeitlich. Beispiel Verdistraße: Die Einfallroute muss unbedingt heuer fertig sein, weil Bartl schon weiß, dass im nächsten Jahr die andere wichtige Einfallstrecke dicht sein wird – die Landsberger Straße. „Da möchte ich in der Verdistraße keine Baustelle haben …“, sagt Bartl. Und noch etwas: Dann wird auch der Trappentreutunnel saniert.

Für Olympia: Anfang der 70er war war hier die größte Baustelle Europas

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Die Baustellen im Überblick

Verdistraße

Verdistraße: Das Nadelöhr im Norden: Die Erneuerung einer Wasserleitung und ein neuer Belag wurden schon ein Jahr verschoben. Dazu kommt der Abriss der Fußgängerunterführungen. Jeweils eine von zwei Spuren ist gesperrt. Die Baustelle muss erst recht sein, weil im nächsten Jahr die Landsberger Straße dicht sein wird!

Pasing Zentrum: Wer hier im Stau steht, ist selber schuld - oder hat sein Navi nicht aktualisiert. Auf der neuen Nordumgehung geht es schneller.

Laimer Unterführung: Der Nackenschlag für Autofahrer: Hier ist eine wichtige Nord-Süd-Verbindung dicht. „Eine Fernwärme-Notmaßnahme der Stadtwerke“, sagt Koordinator Bartl. „Ich hätte das so nicht geplant.“

Wintrichring

Wintrichring: Der Umbau der Kreuzung zur Allacher Straße dauert ohnehin eine ganze Saison. Eine Spur fällt weg, die Autos fahren im Kreisel. Durch die Idee konnte die Bauzeit von zwei auf ein Jahr verkürzt werden.

Dachauer Straße: Die Stadtwerke verlegen eine Fernkälteleitung zwischen ihrer Zentrale und Dantebad. Stadtauswärts ist nur eine von zwei Spuren frei.

Rotkreuzplatz: Das Pflaster zwischen Winthir- und Nymphenburger Straße wird erneuert. Weil der 62er-Bus umgeleitet wird, muss das in den Ferien geschehen.

Donnersbergerbrücke: Das Stau-Chaos geht vorerst zu Ende. „Heuer schaffen wir es zur Wiesn“, sagt Bartl. Dann steht die Brücke wie neu da.

Westendstraße: Die Brücke über die Lindauer Autobahn wird erneuert. Bis Mitte 2014 wird der Verkehr auf der A 96 verschwenkt, auf der Brücke gibt es jeweils nur eine Spur.

Luise-Kiesselbach-Platz Tunnel 2: Hier fahren die Autos noch bis 2015 Slalom. „Wir sind schon sehr weit“, sagt Bartl. „Sogar der Innenausbau hat schon begonnen.“

Albert-Roßhaupter-Straße: Bis 2015 wird die Straße komplett umgebaut: Heuer ab Harras, nächstes Frühjahr muss die Kreuzung zur Hansastraße gemacht sein, weil danach in der parallelen Plinganserstraße ein neuer Radweg gebaut wird.

Garmischer Straße Tunnel 1: In den Ferien werkelt die Stadt hier schon am Endausbau - zwei von drei Spuren frei! Bartl sagt: „Wenn es überhaupt möglich ist, auf der Garmischer eine Spur zu zwicken, dann in dieser Zeit.“

Kapuzinerstraße

Kapuzinerstraße: Der Stadtrat hat einen neuen Radweg beschlossen, das Baureferat macht die Straße gleich mit. Zur Wiesn gibt es wieder alle Spuren - da müssen die Lieferanten durch!

David Costanzo

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