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Impfpflicht? Nein danke! Kündigungswelle in Bayerns Kliniken und Heimen - „Dann haben wir ein Problem“

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Von: Sascha Karowski, Armin Geier

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Eine Frau wird geimpft.
Eine Corona-Impfung wird verabreicht. © Moritz Frankenberg/dpa

Mit der nahenden Corona-Impfpflicht wächst die Sorge vor einem drohenden Personalmangel in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Zurecht? Betroffene äußern sich.

München – Am 16. März ist wohl Stich-Tag für die Pflege. Dann könnte auch in Bayern* eine Corona*-Impfpflicht gelten. Wie? Das ist unklar. Gesundheitsminister Klaus Holetschek sagte am Dienstag (1. Januar), dass ein bayerischer Sonderweg nicht auszuschließen sei. Was immer das heißen mag. Sollte die Impfpflicht kommen, befürchten Kliniken, Heime und ambulante Pflegedienste schwerwiegende Konsequenzen.

Wie die Agentur für Arbeit am Dienstag (1. Februar) mitteilte, haben sich allein in Bayern im Dezember und im Januar bereits 4109 Mitarbeiter der Pflegebranche arbeitssuchend gemeldet. Das seien 171 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum vor einem Jahr. Ob dies nur an der drohenden Impfpflicht* liegt, ist derweil nicht klar, denn die Branche ächzt unter der Pandemie. Mitarbeiter sind überlastet und vielfach am Ende ihrer Kräfte. Münchens Kliniken, Heime und ambulante Dienste rechnen aber mit weiteren Kündigungen.

Bayern: Verursacht Impfpflicht Kündigungswelle in Kliniken und Heimen? Experten warnen

Politiker in München* jedenfalls sind alarmiert, ÖDP-Fraktions-Chef Tobias Ruff hat am 1. Februar eine Anfrage gestellt. OB Dieter Reiter* (SPD) soll erklären, wie sich die Stadt auf die Impfpflicht vorbereitet und mit wie vielen Kündigungen zu rechnen ist. „Experten des Deutschen Pflegerats warnen vor Betreuungsproblemen, da in der Branche ohnehin ein Personalmangel bestehe und jede drohende Kündigung die Versorgungslage weiter verschärfe“, sagt Ruff.

Beim Personal der Münchner Krankenhäuser beträgt die Impfquote mindestens 90 Prozent. Die München Klinik will noch vor der Impfpflicht eine 100-Prozent-Quote erreichen. „Dazu gibt es im Februar noch einmal verstärkt spezielle Informations- und Gesprächsangebote, um individuellen Ängsten beispielsweise wegen vorliegender Vorerkrankungen zu begegnen“, sagt eine Sprecherin.

Ähnlich ist das Vorgehen Rechts der Isar: „Aktuell verschaffen wir uns einen Überblick über die Beweggründe von Mitarbeitenden und bieten unter anderem individuelle Beratungsgespräche mit Vorgesetzten und Ärzten an“, sagt eine Sprecherin auf Anfrage unserer Zeitung. Sollte es bis zum Eintreten der Impfpflicht nicht gelingen, alle Mitarbeiter zu überzeugen, sei man gesetzlich verpflichtet, die Betroffenen an die zuständige untere Gesundheitsbehörde zu melden. „Diese entscheidet dann über das weitere Vorgehen und die zu veranlassenden Maßnahmen.“

Corona-Impflicht: Vom Pflegedienstleiter bis zum Heimchef – das sagen die Betroffenen

Dem will Petra Wolge zuvorkommen. Die 57-Jährige ist seit 30 Jahren Kinderkrankenschwester. Jetzt hat sie sich dazu entschlossen, ihren Job zu kündigen. „Ich habe das Gefühl, dass von Pflegekräften während der Pandemie immer erwartet wurde, dass wir funktionieren. Gleichzeitig hat sich an den Rahmenbedingungen nichts verbessert.“ Durch die Impfpflicht fühle sie sich jetzt unter Druck gesetzt. Ihr sei klar, dass es vielleicht irrational ist: Es gebe schließlich Studien, die sagen, dass der Impfstoff sicher ist. „Aber ich habe einfach ein bisschen Angst davor.“

Seit 25 Jahren ist Armin Heil nun schon in der Pflege tätig. „Aber so eine Situation wie jetzt habe ich noch nie erlebt“, sagt der Chef der ambulanten Krankenpflege in Tutzing. „Eine Impfpflicht würde den absoluten Kollaps bringen.“ Schon jetzt gebe es kaum Fachkräfte in der Altenpflege, der Stress durch Corona setze alle noch weiter unter Druck. „Ich habe derzeit sechs Fachkräfte in Quarantäne. Wenn mir jetzt noch welche kündigen, weil die Impfpflicht kommt, dann sehe ich schwarz.“ Armin Heil ist sich sicher, dass dann insgesamt rund zehn Prozent der Fachkräfte dem anstrengenden Beruf den Rücken kehren würden. „Dieser Gesetzes-Plan muss daher dringend verschoben werden.“

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Corona-Impfpflicht in Gesundheitsberufen - „Dann haben wir ein Problem“

Ingrid Greif glaubt nicht, dass sehr viele Mitarbeiter wegen der Impfpflicht gehen* werden. Die 56-Jährige ist Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats der städtischen Krankenhäuser und arbeitet seit fast 33 Jahren als Krankenschwester. „Es wird eine kleine Gruppe sein, die von der Impfpflicht betroffen sein wird.“ Dennoch: Sollte das Gesundheitsamt dann beschließen, dass diese Mitarbeiter gehen müssten, „dann haben wir ein Problem“. Die Personaldecke sei schließlich ohnehin schon dünn. Sie weiß aber auch, dass einige Kollegen noch auf den neuen Impfstoff warten.

Der Chef der Münchenstift, Sigi Benker, sei klar für eine Impfpflicht – allerdings für alle. „Das hätte ich korrekter gefunden als jetzt eine Impfpflicht nur für Pflegepersonal.“ Gleichwohl habe er kein Verständnis für Altenpfleger, die zwar erlebt haben, was Corona anrichten kann, sich aber nicht impfen lassen. Insgesamt sei etwa 97 Prozent der Belegschaft geimpft oder genesen*. „Dennoch bleiben circa fünf Mitarbeitende pro Haus übrig, die sich nicht impfen lassen wollen und das Unternehmen wohl verlassen werden.“ Benker schätzt, dass insgesamt etwa 45 bis 50 Angestellte gehen werden. Insgesamt hat die Münchenstift über 2000 Mitarbeitende. *tz.de und Merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

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