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Letzte Ruhe im Leintuch: München führt erste Bestattungen ohne Sarg durch - so laufen sie ab

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Von: Cornelia Schramm

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Sarglos zur letzten Ruhe: Mit einem 80 Kilogramm schweren Dummy (siehe Bild) haben Friedhofsarbeiter monatelang für Bestattungen ohne Sarg geübt – jetzt fanden die ersten drei Beerdigungen am Westfriedhof statt.
Sarglos zur letzten Ruhe: Mit einem 80 Kilogramm schweren Dummy (siehe Bild) haben Friedhofsarbeiter monatelang für Bestattungen ohne Sarg geübt – jetzt fanden die ersten drei Beerdigungen am Westfriedhof statt. © Marcus Schlaf

Seit 1. April gelten für Bestatter in Bayern neue Regeln. Gerade für Muslime sind die bahnbrechend: Sie können sich fortan im Tuch und ohne Sarg beerdigen lassen. Auf dem Westfriedhof haben bereits drei dieser Bestattungen stattgefunden – nach jahrelangem Proben.

Westfriedhof - Der Leichnam ist beerdigt, der Sarg rollt zurück zur Leichenhalle. Ein seltsamer Anblick war das am Montag auf dem Westfriedhof, aber kein Versehen. Immerhin sind in Bayern seit 1. April Beerdigungen auch ohne Sarg erlaubt. Nur in Leinentücher gewickelt wird der Tote dabei in die Erde gelegt, auf einem Tragetuch hinabgelassen und das Grab dann verfüllt. Für Muslime Tradition. Für die Münchner Friedhofsverwaltung aber neu und eine Herausforderung. Ein in Tücher gewickelter Leichnam unterscheidet sich doch von einem soliden Holzsarg.

„Die Abläufe haben wir mit einem Dummy geprobt“, sagt Kristin Englerth, seit 2019 Projektleiterin für sargloses Bestatten in München. Wie senken wir die 80 Kilogramm schwere und 1,75 Meter große Puppe in das Grab ab, ohne dass sie kippt? Wann reißen die Leintücher, in die sie gewickelt ist oder das Tragetuch, auf dem sie erliegt? Fragen, die Englerth durch Tüfteln am Material und viele Testläufe beantworten musste, bevor die erste Beerdigung ohne Sarg stattfand.

Münchner Westfriedhof: Die ersten drei Bestattungen ohne Sarg haben schon stattgefunden

Mittlerweile sind am Westfriedhof schon drei Menschen ohne Sarg bestattet worden. Wobei: Ganz ohne Sarg geht auch das nicht. Der Bestatter bringt den Leichnam in einem Leihsarg zum Friedhof. Die Friedhofsarbeiter heben ihn dann samt Tragetuch heraus. „Das hat Schlaufen, durch die die Tragegurte gefädelt sind. So wird der Leichnam dann kontaktlos über dem Grab auf dem Längsschussriegel abgelegt und nach dessen Entfernen hinabgelassen“, sagt Englerth. „Die Grabsohle ist nach links hin abgeschrägt. Muslime etwa werden traditionell auf dem Rücken liegend, auf die rechte Schulter gedreht und mit Blick nach Südosten gen Mekka beerdigt.“

Die Tücher sind aus Leinen und verrotten.
Die Tücher sind aus Leinen und verrotten. © Marcus Schlaf

Für viele Münchner muslimischen Glaubens ist das ein wichtiges Thema. Weil eine sarglose Beerdigung bei uns bisher nicht möglich war, wurden immer wieder Leichen von München beispielsweise in die Türkei ausgeflogen und dort dem Ritus entsprechend bestattet.

Bayern: Sarglose Bestattungen sind fortan auch für Nicht-Muslime möglich

Aber auch Nicht-Muslime können sich in München ab sofort so beerdigen lassen. „Ein Holzbrett wird so über den Leichnam gelegt, dass zwischen ihm und dem Boden ein Luftraum entsteht“, sagt Englerth. Das sei wichtig für den Verwesungsprozess in feuchten, lehmhaltigen Böden und imitiere den Hohlraum, den es sonst im Sarg gebe. Das Leintuch verrotte.

Sobald das Brett im Grab liegt, unterscheidet sich die Zeremonie nicht mehr großartig von jener mit Sarg. Denn dann können Angehörige das Grab mit Erde oder Blumen füllen. „Ob mit oder ohne Sarg, die Kosten für das Grab sind in etwa die gleichen“, sagt Englerth. Das Ablassen des Leichnams und des Bretts sei je nach Dauer der Rituale aber zeitaufwendiger und würde in Rechnung gestellt. In München dürfen nun grundsätzlich auf jedem Friedhof sarglose Beerdigungen stattfinden. Muslimische Grabfelder befinden sich aber nur auf dem West-, Süd- und Waldfriedhof. (sco)

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