Spielsucht bringt ihr drei Jahre Knast ein

Beamtin prellt Stadt um 430.000 Euro

+
Silvia J. (links) veruntreute 400.000 Euro – auch Freundin Maren L. (unter einer Jacke verborgen) ­kassierte mit.

München - Sozialreferats-Sachbearbeiterin Silvia J. (52) hat drei Jahre lang Gelder aus Sozialleistungen auf Umwegen für sich selbst angewiesen. Das Landgericht München bestrafte sie am Montag dafür.

Beim gemeinsamen Frühstück im Amt scherzten die Kollegen noch: „Überweise das Geld nicht vom eigenen Account und nicht auf dein Privatkonto.“ So stellten sich die Beamten den perfekten Betrug vor. Die Verwaltungsfachwirtin setzte ihn aber in die Tat um! Die Beamtin muss drei Jahre und vier Monate ins Gefängnis!

Unter Tränen gibt sie im Prozess 177 Fälle von gewerbsmäßiger Untreue zu. „Es tut mir leid, ich habe die Kontrolle verloren“, sagt Silvia J., die seit 1979 bei der Landeshauptstadt angestellt war. Zuletzt war sie als Sachbearbeiterin im Sozialbürgerhaus Ramersdorf/Perlach für die Grundsicherung zuständig – jeden Monat betreute sie 150 Sozial-Fälle, zahlte öffentliche Gelder in Höhe von 200.000 Euro aus. Ab Oktober 2010 aber auch an sich selbst!

Denn nach der Scheidung von ihrem Mann entwickelte die Beamtin eine Glücksspielsucht. „Abends nach der Arbeit bin ich sofort ins Casino nach Bad Wiessee gefahren, auch im Dienst habe ich stundenlang im Internet gespielt“, sagt Silvia J. Regelmäßig verzockte sie ihr Beamtengehalt von monatlich 2200 Euro netto. Als sie klamm war, überwies sie im Oktober 2010 erstmals 2634,18 Euro auf das Konto ihrer neuen Lebensgefährtin Maren L. (43), die es für sie abhob. Absender: das Kassen- und Steueramt!

„Ich habe die Kennung einer Kollegin genutzt, als sie nicht im Raum war. Es war nicht schwer“, sagt Silvia J. Und sie machte immer weiter! Über das Computersystem des Amts überwies sie regelmäßig offizielle Zahlungen an fünf bereits verstorbene Leistungsempfänger. Sie selbst eröffnete ein neues Konto – dorthin floss das ganze Geld. Zudem zahlte J. Sonderleistungen an tatsächliche Empfänger, gab aber ihr eigenes Konto oder das von Maren L. an.

Kaum zu glauben: Erst nach mehr als drei Jahren flog der Betrug im Januar 2014 auf – bis dahin hatte Silvia J. laut Staatsanwaltschaft bereits 438.207,36 Euro veruntreut. „Intern gab es öfter Probleme mit der Software – meine Änderungen in den Akten wurden scheinbar nicht überprüft“, sagt J. „Jährlich führte eine Sondergruppe zwar auch Routine-Kontrollen durch, aber die betrafen nur jeden zehnten Fall und wurden vorher angekündigt. Das Risiko nahm ich in Kauf.“ Seit Oktober 2011 besaß sie zudem eine erweiterte Befugnis – damit durfte sie die Geldbeträge bei Bedarf sogar selbstständig anordnen.

„Mir tut das alles sehr leid“, sagt Silvia J. „Ich habe mein Leben versaut.“ Bislang hielt Maren L. trotz Haft weiter zu ihr. Auch sie wurde am Montag aber wegen 18 Beihilfe-Fällen zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. „Ich habe Silvias Sucht unterschätzt“, sagt sie.

Internet im Büro: Stadt setzt auf Vertrauen

Der Richter wunderte sich, wieso niemandem auffiel, dass Silvia J. in der Arbeitszeit im Internet zockte. Die Antwort: Weil keine Seiten von der Stadt vorgesperrt werden und Kontrollen nur in Verdachtsfällen stattfinden. Laut Rathaus-Sprecher Matthias Kristlbauer dürfen die Mitarbeiter während der Arbeitszeit 15 Minuten täglich privat surfen. „In der Mittagspause ist eine weitere halbe Stunde erlaubt.“

Außerdem sind laut interner Dienstanweisung rechts- oder sittenwidrige Seiten tabu. Sperren für bestimmte Seiten wären aufwändig. Kristlbauer: „Bislang fahren wir mit dem Vertrauen ganz gut. Der jetzige Fall ist die absolute Ausnahme.“

A. Thieme/Welte

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn: Verkehrslage auf der S7 normalisiert sich
S-Bahn: Verkehrslage auf der S7 normalisiert sich
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Heizkraftwerk Nord sorgt für Zoff im Rathaus
Heizkraftwerk Nord sorgt für Zoff im Rathaus
Münchner kassiert Knöllchen, während er Erste Hilfe leistet
Münchner kassiert Knöllchen, während er Erste Hilfe leistet

Kommentare