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Bei uns muss sich keiner für seine Armut rechtfertigen!

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Harald Scheiderer (47) mit seiner Hündin Gipsy. Er arbeitet ehrenamtlich für die Münchner Tiertafel,  kennt die Sorgen und Nöte der bedürftigen Tierhalter.
Harald Scheiderer (47) mit seiner Hündin Gipsy. Er arbeitet ehrenamtlich für die Münchner Tiertafel, kennt die Sorgen und Nöte der bedürftigen Tierhalter. © Michael Westermann

Als die Münchner Tiertafel am 23. Januar zum ersten Mal die Ausgabestelle in der Balanstraße öffnete, standen die Ersten schon zwei Stunden vorher vor der Tür.

40 waren es am ersten Tag. Mittlerweile ist die Kundenkartei auf 180 Bedürftige angewachsen, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Haustiere zu ernähren. Menschen wie Susanne K. (51), die von nur 160 Euro im Monat leben muss und in größter Verzweiflung ihre Hündin Senta (14) und Kater Whity (5) aussetzte (tz berichtete ausführlich). Der Tierschutzverein hat für sie und andere in Not geratene Tierhalter bei der Stadtsparkasse ein Spendenkonto eingerichtet: Tierschutzverein München, Konto: 113 103 253 BLZ: 7015000; Stichwort: Senta und Whity.

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Die tz sprach mit Harald Scheiderer (47). Er arbeitet ehrenamtlich bei der Tiertafel mit und kennt die Sorgen und Nöte verarmter Tierbesitzer:

tz: Was sind das für Menschen, die jede Woche zu Ihnen kommen? Scheiderer: Die Altersgruppe reicht von 18 Jahren aufwärts bis ins hohe Seniorenalter. Viele sind arbeitslos, krank oder leben von kleinen Renten. Die meisten sind schon etwas älter, also von 50 Jahren aufwärts. Sie kommen aus dem ganzen Stadtgebiet und auch aus dem S-Bahn-Bereich wie Neuried oder Germering. Von Woche zu Woche werden es mehr. Die Tafel für Menschen versorgt in München 16 000 Bedürftige. Wenn nur jeder Zehnte ein Haustier hätte, da kann man sich leicht ausrechnen, was das für uns bedeuten könnte.

Schämen sich manche für ihre Bedürftigkeit?Nein. Die Hemmschwelle ist sehr niedrig. Bei uns muss sich niemand rechtfertigen für seine Armut. Wir benötigen zur Kontrolle lediglich die Rentenbescheinigung oder die Hartz-IV-Bestätigung. Dann ist schon alles erledigt. Einige kommen sogar sehr gern zu uns. Viele sind ziemlich einsam. Bei uns lernen sie Gleichgesinnte kennen. Denn Tiere verbinden. Da ist immer mal Gelegenheit für einen kleinen Ratsch.

Was bekommen Tierhalter bei Ihnen geschenkt?Vor allem Katzen- und Hundefutter, manchmal gibt es auch was für Nagetiere. Wir geben die Ration für maximal drei Tiere für drei bis vier Tage mit. Wir wollen den Haltern bewusst nicht die Eigenverantwortlichkeit für die Tiere abnehmen. Unser Angebot ist nur eine Hilfestellung, keine Vollpension. Oft haben wir auch Spielzeug, Leinen, Halsbänder, Körbchen oder Katzenklos. Das meiste ist gebraucht, aber immer tiptop sauber. Es stammt ja fast alles aus Spenden von Tierhaltern – oft von Leuten, deren Tiere gestorben sind.

Gibt es auch Medizin?Es gibt Mittel für die Entwurmung und Parasitenprophylaxe. Doch das Thema ist heikel wegen der Apotheken- bzw, Rezeptpflicht. Wir vermitteln Adressen von Tierärzten, die Ratenzahlung akzeptieren.

Geht Ihnen das Schicksal Ihrer Kunden manchmal zu Herzen?Wenn ich einen kranken Menschen sehe, der unter Schmerzen sein Gehwagerl vor sich herschiebt – das tut mir sehr leid. Aber es gibt auch Schönes. Die Leute bringen Bilder ihrer Tiere mit. Die hängen wir alle auf. Neulich schenkte uns eine alte Dame zwei Flaschen Wein. Rührend war das.

Wünsche für die Zukunft?Wir hätten gern noch ehrenamtliche Kollegen und neue Räume. Ebenerdig, bezahlbar, öffentlich gut erreichbar. Derzeit hausen wir in einer Tiefgarage. Das ist schwierig mit den schweren Paletten.

Die Tiertafel in der Balanstraße 238 (Hotel Winhart) öffnet jeden Mittwoch von 13 bis 16 Uhr. Weitere Infos unter Tel. 0 89 / 72 93 99 64.

Spendenkonto: Tiertafel Deutschland e.V.; Konto: 37 77 28 52, BLZ: 120 700 24, Deutsche Bank, Stichwort: Spende München.

dop

Quelle: tz

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