Diabetes-Patient bekommt keine Hilfe

Beine amputiert! Aber Kasse sagt: Er ist kein Pflegefall

+
Horst B. (67) versucht, sein Leben mit Handicap so gut wie möglich zu meistern.

München - Horst B. hat nach zwei Amputationen keine Beine mehr und ist auf Hilfe angewiesen. Von der Kasse gibt's leider keine Unterstützung, denn der 67-Jährige bekommt keine Pflegestufe. Warum?

Anita P. (55) macht sich große Sorgen um ihren Bruder Horst B. (67). Wegen einer Diabetes-Erkrankung sind ihm in den vergangenen beiden Jahren beide Unterschenkel amputiert worden. Der Mann aus Neufahrn (Landkreis Freising) versuchte trotzdem, weiterhin alleine klarzukommen.

Doch im Juli stürzte er und zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Nach langem Krankenhaus- und Reha-Aufenthalt ist es für ihn mittlerweile fast unmöglich, in seine Prothesen zu kommen: Seine Beinstümpfe haben sich entzündet.

Nun ist Horst B. fast den ganzen Tag an seine Couch gefesselt. Manchmal hievt er sich mit letzter Kraft in seinen Rollstuhl. Er bräuchte Hilfe: Doch eine Pflegestufe bekommt er nicht!

Denn: Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MdK) hat bei ihm einen Bedarf bei der Grundpflege von 22 Minuten ermittelt und an die AOK-Pflegekasse weitergegeben. Doch für die Pflegestufe 1 wäre eine Mindestzeit von 46 Minuten bei der Grundpflege nötig. „Ich verstehe das einfach nicht, viele Leute mit Pflegestufe haben nur die Hälfte von dem, was ich habe“, sagt Horst B.

Besonders beim An- und Ausziehen, dem Duschen und dem Versorgen seiner Wunden, beim Einkaufen und Putzen der Wohnung bräuchte Horst B. Hilfe. Momentan muss er aber alles aus eigener Tasche bezahlen. Bei einer Rente von 1100 Euro sehr schwierig. Allein die Hälfte geht schon für die Wohnung weg. Dazu kommen Fixkosten wie etwa für Strom und Versicherungen.

Wegen seines schweren Diabetes-Leidens mussten ihm beide Unterschenkel amputiert werden.

Horst B.s kleines Appartement ist zwar in einer Einrichtung des Betreuten Wohnens – dort kostet aber ohne Pflegestufe jede Hilfe extra. Dafür, dass Horst B. jetzt wenigstens einmal pro Woche beim Duschen Unterstützung bekommt, muss er 84 Euro bezahlen! „Horst bräuchte auch dringend Hilfe, seine Wunden an den Stümpfen zu versorgen“, beschreibt seine Schwester Anita P. „Wie soll er das alleine schaffen, dass das heilt?“ Vom Arzt habe er für die wunden Stellen ein großes Heftpflaster in die Hand gedrückt bekommen, sagt Horst B. „Das hat mich nicht wirklich weitergebracht.“
Alleine klarkommen – das ist für Horst B. fast unmöglich. Vor Kurzem ist er ein zweites Mal gestürzt, als er zum Frisör gehen wollte. Eineinhalb Stunden lag er im Keller, bis ihn jemand gefunden hat. „Das sind doch auch Kosten, die der AOK dadurch entstehen, wenn er wieder ins Krankenhaus muss. Wieso wird denn nicht früher geholfen?“, fragt sich seine Schwester.

Die Pflegestufen: Leistungsansprüche der Versicherten im Jahr 2015 in Euro.

Die AOK Freising betont, für die Entscheidung über eine Pflegestufe sei das Gutachten des MdK ausschlaggebend. Von Entzündungen an den Stümpfen sei jedoch im letzten Gutachten nicht die Rede gewesen. Der Kasse liege sehr viel daran, ihre Kunden zu unterstützen, so Bereichsleiter Reiner Kratzl. Deswegen biete sie als einzige Kasse eine örtliche Pflegeberatung an, die Horst B. und seine Schwester noch nicht in Anspruch genommen hätten. „Wir würden einen Hausbesuch unserer Pflegeberaterin vorschlagen: Hier kann nochmals der pflegerische Bedarf etwa bei Hilfsmitteln eruiert werden. So können wir einschätzen, ob eine erneute Begutachtung durch den MDK zu einer Pflegestufe führt“, rät Kratzl.

Anita P. fährt mehrmals die Woche zu ihrem Bruder, um sich um ihn zu kümmern. „Sonst würde keiner nach ihm schauen“, sagt die Münchnerin. Die Hoffnung, dass ihm auch von der Kasse geholfen wird, hat sie aber trotzdem noch nicht aufgegeben: „Warum ist das so ein stures Gesetz, in dem der Mensch nicht so behandelt wird, wie er Hilfe braucht?“

Fehler liegt im System

CLaus Fussek.

Das derzeitige Pflegesystem auf Minutenbasis sei absurd, sagt Pflegeexperte Claus Fussek (62). „Aber das fördern wir seit 20 Jahren – und das wird sich auch mit der nächsten Pflegereform leider nicht grundsätzlich ändern.“ Im Fall von Horst B. bedeute die Doppelamputation der Unterschenkel nicht automatisch die Voraussetzung für eine Pflegestufe. Dafür müsse – laut dem Minutensystem – durchschnittlich eine tägliche Hilfe von mindestens 90 Minuten nötig sein. Hierbei müssen eine Mindestdauer von 46 Minuten auf die Grundpflege entfallen, so der Experte. „Aber irgendeine Form von Hilfe braucht er offensichtlich.“ Die Pflegeberatung der Kassen sei dabei die zentrale und in der Regel gute Anlaufstelle. Letztendlich könne es aber trotzdem immer sein, dass der Patient die Leistungen selbst bezahlen müsse.

Auch interessant

Meistgelesen

Jetzt bestätigt: Dieser Flagship-Store kommt bald in die Innenstadt
Jetzt bestätigt: Dieser Flagship-Store kommt bald in die Innenstadt
Reiter und Herrmann verteidigen zweite Stammstrecke gegen 650 Gegner
Reiter und Herrmann verteidigen zweite Stammstrecke gegen 650 Gegner
FCB-Meisterfeier: Sperrungen, Kontrollen und keine U-Bahn 
FCB-Meisterfeier: Sperrungen, Kontrollen und keine U-Bahn 

Kommentare