Deutschstunde einmal anders

Ehrenamt: Marianne Ach (73) unterrichtet Flüchtlinge

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Die pensionierte Realschullehrerin Marianne Ach (73) bringt den Flüchtlingen in der Neumarkter Straße Deutsch bei. Kleines Bild oben: Die Notizen einer jungen Frau aus Eritrea.

München - Seit zehn Jahren gibt die pensionierte Realschullehrerin Marianne Ach ehrenamtlich Deutschunterricht für Flüchtlinge. Neuerdings gibt es eine Internet-Seite für Helfer.

Was Tischdecke auf Englisch heißt, muss Marianne Ach (73) nachschlagen. Die Erklärung, was eine Tischdecke ist, scheinen ihrer 20 Schüler nicht verstanden zu haben. „Die Tischdecke“, steht an der Tafel. „Die Tischdecke“ sprechen alle nach. „Ich möchte Begeisterung und Liebe für die deutsche Sprache wecken und unsere Kultur vermitteln. Da gehört die Tischdecke dazu“, sagt Marianne Ach. Seit zehn Jahren gibt die pensionierte Realschullehrerin ehrenamtlich Deutschunterricht für Flüchtlinge. Seit der Eröffnung Mitte März in der Gemeinschaftsunterkunft Neumarkter Straße jeden Dienstag und Mittwoch von 14 bis 15.30 Uhr.

Dort leben rund 90 Asylbewerber, der Deutschunterricht ist freiwillig. Um 14 Uhr sind zwei junge Frauen aus Eritrea da. Sonst niemand. Marianne Ach zieht los, klopft an die Zimmertüren. „Professor“, begrüßt sie ein junger Mann. Er muss nur rasch etwas erledigen, dann kommt er zum Unterricht. In der Gemeinschaftsküche wird Marianne Ach von jungen Frauen und ihren Kindern singend begrüßt: Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch? Wenn sie ihr Geschirr aufgeräumt haben, kommen auch sie. Heute werden sie ein neues Lied lernen: Der Hahn ist tot.

Um 15 Uhr ist der letzte Schüler beim Unterricht, ein blinder Mann aus dem Senegal. Er war beim Arzt. Der Senegalese spricht nur Französisch, ein junger Mann aus Palästina dolmetscht für ihn. Marianne Ach nimmt heute das Zimmer und das Haus durch. Viel Wert legt sie auf die Artikel. „Der Tisch“, sagt sie. „Der Tisch“ wiederholen ihre Schüler brav. Nur eine fällt aus der Reihe. „Tis, Tis, Tis“ ruft Rebecca. Das Mädchen ist 19 Monate alt, ihre Eltern kommen aus Nigeria. Rebecca wurde auf der Flucht geboren.

„Der Tisch“, schreiben die Schüler in ihre Hefte. Marianne Ach mag keine Blätter und Blöcke, deshalb bekommt jeder ein Heft und einen Bleistift. „Ich will in diesen eineinhalb Stunden Ordnung schaffen. Wir schreiben in ein Heft, wiederholen alles, singen, am Ende gibt es Lutscher. In diesem kleinen Kosmos gibt es keine Gefahr“, sagt Ach. Dass kaum einer pünktlich zu ihrem Unterricht kommt – mei. Dass während dem Unterricht die Kinder spielen und lärmen – mei. Dass einige Schüler nicht lesen und schreiben können – mei. Doch einmal hat ihr ein Afghane die tiefen Schnitte in seiner Haut gezeigt. Ein andermal hat sie mit Kindersoldaten gesprochen. Das bringt auch Marianne Ach an ihre Grenzen.

Diesen Ring hat eine Frau aus Pakistan Marianne Ach als Dank geschenkt.

Viele Ehrenamtler haben falsche Vorstellungen von der Arbeit mit Flüchtlingen. „Ich will mit süßen afrikanischen Kindern spielen“, hat eine gesagt, die es gut meint. Und dann zu den 70 Prozent Ehrenamtlern gehörte, die abgesprungen sind. Das Engagement der Ehrenamtlichen wird neuerdings auf einer Internetseite gebündelt. Egal ob Geld- oder Sachspenden, Deutschunterricht oder Basketball spielen, Infos gibt’s auf www.willkommen-in-muenchen.de „Wir brauchen zuverlässige Menschen, die eine realistische Vorstellungen von der Arbeit mit Flüchtlingen haben“, sagt Ehrenamts-Koordinatorin Julia Helmbrecht. Gesucht werden Vereine, die Flüchtlinge in ihre Vereinsarbeit integrieren, aber auch Paten, die Familien betreuen. Den Helfern wird geraten, keine enge Bindung mit den Flüchtlingen einzugehen. Diesen Monat hat ein Flüchtling seine Patin in der Nacht auf dem Handy angerufen und gedroht, sich das Leben zu nehmen, wenn er nicht zu seiner Familie darf.

„Es ist schlimm, wenn plötzlich ein Schüler nicht mehr in den Unterricht kommt, weil er in eine andere Unterkunft verlegt wurde“, sagt Marianne Ach. Mit einigen ihrer Schüler hat sie noch E-Mailkontakt. Ein Lehrer, der aus Syrien flüchten musste, hat ihr eine Zeit lang assistiert. Ein Frau aus Pakistan hat ihr einen Ring zum Abschied geschenkt. „Danke“ hat Marianne Ach gesagt. „Danke“ hat die Frau aus Pakistan gesagt. Marianne Ach hat ihr das wichtige Wort beigebracht.

Jasmin Menrad

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