München 2040 - Die Stadt der Zukunft

Werksviertel und Co.: Wo in unserer Stadt die Zukunft wohnt

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Auf dem ehemaligen Industrieareal, auf dem einst Pfanni, Zündapp, Rhode & Schwarz und die Optimol-Ölwerke beheimatet waren, sollen die Menschen künftig „arbeiten und leben und gleichzeitig einen Platz für Erholung finden“.

München, Stadt der Gemütlichkeit und reicher Tradition. Aber auch: München, die Zukunftsschmiede! Wo wird die Stadt 2040 stehen? Mit dieser Frage beschäftigen wir uns in unserer großen Serie. Diesmal: wo und wie die Münchner künftig wohnen.

Wohnen und Arbeiten rücken näher zusammen. Weil lange Wege eine zusätzliche ­Belastung für den Verkehr und die vielen Pendler sind, setzen Stadtplaner immer öfter darauf, beides am selben Ort zu verbinden. Zum Beispiel im Werksviertel hinter dem Ostbahnhof, in dem gerade fleißig gebaut wird. Rund 1150 Wohnungen sind dort geplant, neben großen Flächen für Büros und Gewerbe.

Auf dem ehemaligen Indus­trieareal, auf dem einst Pfanni, Zündapp, Rhode & Schwarz und die Optimol-Ölwerke beheimatet waren, sollen die Menschen künftig „arbeiten und ­leben und gleichzeitig einen Platz für Erholung finden“, sagt Andreas Grömling, Sprecher des neu entstehenden Quartiers. Die Stadtviertel der Zukunft sollen genau das: den Bewohnern die gesamte Bandbreite von Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Nahversorgung bieten. Eine „Stadt in der Stadt“ sozusagen, die aber dennoch gut an den Nahverkehr angebunden ist. Wer hier künftig wohnt, „findet alles vor, was er zum täglichen Leben braucht“, macht Grömling klar.

Eigentümer des Areals sind der Elektronikkonzern Rhode & Schwarz, der Großhändler Hamberger, Pfanni-Erbe Werner Eckart, der Immobilienprofi Officefirst, der Grünwalder Vermögensverwalter Rock Capital, der Schmierstoffhersteller Optimol, die Stadt München, die Stadtwerke und die Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung. Sie verfügen über 39 Hektar – das ist mehr als die Fläche von 53 Fußballfeldern – mit 600 000 Quadratmetern Nutzfläche. Gemeinsam wagen sie ein urbanes Experiment, das so noch nie da gewesen ist in München.

Am Eingang zum Werksviertel stehen derzeit Container mit Bars, Galerien und Geschäften - bis sie den Neubauten.

Im Werksviertel sollen neben dem neuen Konzertsaal auch Hotels, Restaurants und Cafés entstehen. Sportangebote wird es ebenso geben wie weitere ­Flächen für Kultur und eine neue Grundschule. Bestehende Strukturen, etwa alte Industriehallen, und Neubauten sollen sich ergänzen. „Das Werks­viertel ist der heutigen Zeit einen Herzschlag voraus“, sagt Grömling. Wer hierher ziehe, dürfe „Lebendigkeit erwarten und sollte bereit sein, selbst etwas beizutragen“, sagt Stadtbaurätin Elisabeth Merk (parteilos).

Das findet auch Ivana Bilz (36), die bei der Eventfabrik München, direkt am Eingang zur großen Baustelle, als „Art Director“ arbeitet. Mit ihrem Mann und dem fünfjährigen Sohn will die Münchnerin hier sobald wie möglich auch wohnen. „Es ist einfach toll hier, es herrscht Aufbruchsstimmung, es gibt jetzt schon ein gutes ­Miteinander von allen, die hier arbeiten“, schwärmt Bilz.

„Was hier entsteht, ist einzigartig“, glaubt sie. Andere Neubauviertel seien aus der Retorte ­entstanden. „Da fehlt dann das Leben.“ Künftig werde ihr Sohn hier zur Schule gehen, und rund um ihre Wohnung gebe es alles, was die Familie brauche. Bisher lebt Bilz in Ramersdorf. In der Zukunft sind die Wege überall hin dann kurz. „Ich freue mich schon drauf, so nah an meinem Arbeitsplatz zu leben“, sagt sie.

Innovativ, kreativ, bunt: So wird das neue Viertel. Start-ups bekommen hier ein Zuhause. Familien finden alles vor, was sie brauchen. Und auch für Künstler und Musiker soll das Viertel, das einst den „Kunstpark Ost“ und die „Optimolwerke“ beheimatete, Anlaufpunkt bleiben.

Dass hier etwas Besonderes entsteht, lässt sich bereits jetzt sagen. Ein Blickfang im neuen Viertel steht ja schon: Die Medienbrücke, ein Gebäude aus Glas und Stahl, das zum Teil in der Luft schwebt und aussieht, als sei ein Hochhaus einfach umgekippt.

Nachbarn sind die neue Familie

Single-Haushalte sind weit verbreitet in München – bei Jung und Alt. Insgesamt leben 54 Prozent allein. Doch es gibt auch viele, die es anders haben möchten: gemeinsam statt ­einsam! Und ein ganz neuer Trend geht über das Dasein mit dem eigenen Partner oder der Familie hinaus: das Mehrgenerationen-Wohnen. In München gibt es bereits mehrere solche Projekte. Wir stellen das Prinzip vor und ­erklären, ob es tatsächlich ein Lebensmodell für die Zukunft sein kann. 

„Wohnen, mitmachen, versorgen, vernetzen“: So heißt etwa das Motto des Mehr­ge­nerationenwohnens am Reinmarplatz in Gern. Seit 2015 sind die insgesamt 126 Wohnungen bezogen. 76 davon wurden von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewofag, 50 von der Genossenschaft Wogeno gebaut. Hier leben Singles, Familien und Senioren. „Die Förderung von Selbstbestimmung und Lebensqualität war bei der Entwicklung des Projekts ein zentrales Ziel“, betont Klaus-Michael Dengler, Sprecher der Gewofag-Geschäftsführung. „Aus unserer täglichen Arbeit wissen wir, dass es vor allem für ältere Menschen einen ­großen Bedarf an neuen, zeitgemäßen Wohnformen gibt.“ Sie bräuchten ein unterstützendes Umfeld. Aber auch ­Familien wünschten sich „Austausch und gegenseitige Hilfe“, sagt Dengler.

Drei Generationen leben im Quartier am Reinmarplatz in Gern zusammen - und helfen einander. Seit 2015 sind die 126 Wohnungen von Gewofag und Wogeno bezogen.

Das Konzept des Mehr­generationenwohnens besteht aus mehreren Bausteinen: So gibt es neben einem Kinder­tageszentrum auch ein Be­gegnungszentrum. Hier werden auch gegenseitige Unterstützungsangebote vermittelt, etwa Hilfe bei Einkäufen, Nachhilfeunterricht oder Babysitting.

Und: In der Anlage gibt es einen Standort von „Wohnen im Viertel“, dem Angebot der Gewofag für ältere Menschen, die auf Hilfe und Pflege angewiesen sind. In zehn Wohnungen leben Senioren, die im Notfall oder bei dauerhafter Pflegebedürftigkeit von einem Pflegedienst betreut werden. „Dazu gibt es eine Pflegewohnung für kürzere Aufenthalte, zum Beispiel nach einem Krankenhausaufenthalt“, sagt Gewofag-Sprecher Frank de Gasperi.

Heute machen die Bewohner am Reinmarplatz nicht einfach die Tür zu ihrer Wohnung hinter sich zu. Sie gestalten ihr Zusammenleben aktiv und helfen sich gegenseitig. Wenn es laufe wie hier, dann könne „eine funktionierende Nachbarschaft in der urbanen Gesellschaft traditionelle Familienstrukturen ersetzen“, sagt de Gasperi.

Das Modell Mehrgenerationenwohnen ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Es steht und fällt mit dem Engagement der Bewohner. Das sieht auch Josef Bura, Vorsitzender des Forums für gemeinschaft­liches Wohnen, so: „Wie das Zusammenleben funktioniert, hängt davon ab, wie sich die Menschen darauf einlassen.“

Fluch und Segen: Das smarte Haus

Einige der kleinen Alltagshelfer gibt es in Münchner Haushalten bereits. Saug­roboter zum ­Beispiel oder die Licht- und Jalousie-Steuerung mittels Smartphone-App. Künftig werden unzählige intelligente Technologien dazukommen, die den Menschen das Leben in der eigenen Wohnung erleichtern.

All diese Technologien werden unter dem Stichwort „Smart Home“ zusammengefasst: Die Haustür, die sich mittels Smartphone öffnen lässt, oder der Briefkasten, der eine Nachricht sendet, sobald ein

Brief ankommt. Die sprachgesteuerte Espressomaschine oder der sich selbst organisierende Kühlschrank, der sich meldet, wenn bestimmte Lebensmittel zur Neige gehen, und selbst eine Einkaufsliste erstellt.

Die Vision der Entwickler: Die gesamte Wohnumgebung im „Smart Home“ soll sich den Bedürfnissen und Gewohnheiten der Bewohner anpassen. Die Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos.

Die Trendforscherin Oona Horx-Strathern vom Frankfurter Zukunftsinstitut (www.horx.com) sieht die Möglichkeiten skeptisch. „Wenn wir etwas schaffen, leuchten die Neuronen in unserem Kopf“, sagt sie. Dopamin wird ausgeschüttet, Zufriedenheit stellt sich ein. „Der Widerstand, ­eine Herausforderung etwa beim Kochen zu meistern, hilft der mensch­lichen Entwicklung. Dadurch wachsen wir. Und wenn die Technologie alles macht, fehlt uns das.“

Horx-Strathern plädiert dafür, die Technik wachsam zu betrachten und mit klarem Verstand zu unterteilen: In Dinge, die unser Leben wirklich ver­bessern. Und in solche, die von uns ein zusätzliches Maß an Aufmerksamkeit verlangen. „Viele dieser Geräte, etwa ein intelligenter Kühlschrank, brauchen Aufmerksamkeit.“ Das lenke ab von unserer ursprüng­lichen Funktion zu Hause. „Der Funktion, mit unseren Partnern und der Familie zu kommunizieren statt mit Geräten.“ Die intelligenten Geräte sind zwar manchmal nützlich, haben aber auch ein nicht zu unterschätzendes Suchtpotenzial.

Ist das „Smart Home“ also ein Irrweg? „Nein“, sagt Horx-Stra­thern. Die Technologie habe durchaus Vorteile. Zum Beispiel in den Bereichen der Energieeinsparung oder der Sicherheit. So gibt es etwa bereits den „Smart Meter“, einen intelligenten Stromzähler, der elektrische Geräte automatisch an- und ausschalten kann, etwa um Tageszeiten zu nutzen, in denen der Strom günstiger ist. Oder das smarte Heizungs-Thermostat, das sich automatisch ausschaltet, wenn niemand zu Hause ist – und ­wieder heizt, sobald sich ein Bewohner dem Haus nähert. Und es gibt smarte Sicherheitslösungen, die etwa darüber informieren, wenn sich jemand an Fenster oder Tür zu schaffen macht – oder wenn der Keller voll Wasser läuft.

Wenn aber am Ende alles die Technologie übernimmt, fehlt dem Menschen etwas. „Das bedeutet eine freiwillige Entmachtung“, sagt Horx-Strathern. Man müsse stets im Hinterkopf haben, „dass wir noch am Anfang stehen.“ Die Menschen hätten „noch nicht die richtigen Sozialtechniken erlernt“, um mit den smarten Geräten entsprechend umzugehen.

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