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Paar erfährt per Mail, warum es Wohnung in München doch nicht bekommt: „Im 21. Jahrhundert schon unglaublich“

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Von: Lukas Schierlinger

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Pärchen, das Wohnungsabsage bekommen hat.
Hatten sich schon sehr über die Wohnungszusage gefreut: Dedis Mbeka-Male und Freundin Eva. © privat

Seit einem halben Jahr läuft die Suche nach einer Wohnung in München. Das Paar scheint schon am Ziel, dann zieht der Vermieter seine Zusage plötzlich zurück.

München - „Große Motivation, bei einer weiteren Besichtigung dabei zu sein, hatte ich wirklich nicht.“ Dedis Mbeka-Male gibt es unumwunden zu. Zu oft waren die Bemühungen gescheitert. Seit etwa einem halben Jahr sucht der 31-Jährige mit Freundin Eva nach einer gemeinsamen Wohnung in München. Etwa 50 Absagen hagelte es. „Man kann es wirklich vergessen“, klingt Mbeka-Male, der in der Nähe von Pfaffenhofen an der Ilm lebt, am Telefon konsterniert. Mitte November schien das Paar endlich am Ziel.

Wohnung in München verzweifelt gesucht: Auf Durchbruch folgt böses Erwachen

Eva nahm ohne ihren Freund, der auch aus beruflichen Gründen verhindert war, an einer Wohnungsbesichtigung in Berg am Laim teil. Diese lief so gut, dass das Vermieter-Paar schon wenige Tage später zu einem zweiten Gespräch lud. Mbeka-Male war da erneut im Büro gebunden, berichtet aber: „Das Kaffeekränzchen mit meiner Freundin ist sehr gefällig verlaufen.“ Dass bereits während des Gesprächs der „afrikanisch klingende Nachname“ des 31-Jährigen thematisiert wurde, habe das Paar nicht weiter beschäftigt. Die Vermieter hätten ausdrücklich verneint, dass dies ein Problem darstelle. Mbeka-Male hat Wurzeln in der Demokratischen Republik Kongo, lebt aber seit seinem dritten Lebensjahr in Deutschland. Am Ende des Kaffeekränzchens sei ein unmissverständlicher Satz gefallen: „Ja, wir bieten Ihnen die Wohnung zur Miete an.“

Das Paar konnte sein Glück kaum fassen. „Wir haben sofort Pläne geschmiedet und angefangen, alles Nötige für einen Umzug (der Anfang 2022 vonstattengehen sollte, d.Red.) in die Wege zu leiten“, denkt Mbeka-Male zurück. Das böse Erwachen folgte am nächsten Morgen.

München: Vermieter zieht Wohnungszusage plötzlich zurück - „Partner-Konstellation außerhalb der Norm“

In einer E-Mail zog das Vermieter-Paar die Wohnungszusage plötzlich zurück. „Nach unserem Gespräch gestern Abend haben meine Frau und ich nochmals über die Vergabe der Wohnung diskutiert. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, aus verschiedenen Gründen nicht an Sie und Ihren Freund zu vermieten“, heißt es in dem Schreiben, das tz.de vorliegt. Auf ihre enttäuschte Nachfrage erhält die Freundin eine ausführliche Begründung.

„Sie fragen nach einem Tipp für zukünftige Bewerbungen, dazu rate ich Ihnen folgendes: Sie befinden sich in einer Partner-Konstellation außerhalb der Norm. Einem Vermieter sollte deshalb Gelegenheit gegeben werden, sich damit in verschiedener Hinsicht auseinanderzusetzen“, ist der E-Mail zu entnehmen. Im weiteren Verlauf schreibt der Vermieter von möglichen „kulturellen und sonstigen Vorbehalten“. Man könne diese durch Gespräche in einem „manchmal eher mittel- oder gar längerfristiger Prozess“ abbauen. Mbeka-Male ist immer noch geschockt.

„Soll ich mein Gesicht weiß anmalen, um eine Wohnung in München zu finden?“

Vor allem der Vorwurf, man lebe in einer Partnerschaft „außerhalb der Norm“, stimmt ihn traurig: „Schwarz auf Weiß habe ich das so noch nie vernommen.“ Dass sein Nachname bei der Wohnungssuche in München ein Hindernis sein könnte, hatte Mbeka-Male schon zuvor beschäftigt. Es ist das erste Mal, dass ein Vermieter sein Gefühl offiziell bestätigt. Der 31-Jährige bleibt konsterniert zurück: „Der Nachname sagt doch nichts über eine Person aus. Es ist schon unglaublich, dass wir uns im 21. Jahrhundert noch mit so etwas beschäftigen müssen. Soll ich mein Gesicht weiß anmalen, um eine Wohnung in München zu finden?“

Dedis an der Isar
Dedis Mbeka-Male lebt seit seinem 3. Lebensjahr in Deutschland. © privat

tz.de hat den Vermieter mit dessen Ausführungen konfrontiert. „Das Scheitern der Vermietung lag nicht daran, dass der Freund von Frau H. Ausländer ist, sondern daran, dass ich mit einer Bewerberin, die nicht offen und ehrlich ist, keinen Mietvertrag abschließen will“, schreibt er auf Anfrage. Der Rentner klagt, dass Mbeka-Male bei beiden Gesprächen nicht vor Ort gewesen sei und seine Freundin ein persönliches Kennenlernen „zu keinem Zeitpunkt“ angeboten habe. Der Partner sei bis kurz vor Abschluss des Vertrages anonym geblieben.

Mieterverein ordnet Fall ein: „Rassistisches Stereotyp“

In diesem Punkt gehen die Schilderungen auseinander. „Im Zuge des zweiten Termins habe ich definitiv nachgefragt, ob Dedis für ein persönliches Kennenlernen vorbeikommen soll“, sagt Eva. Sie werde schon die richtige Wahl getroffen haben mit ihrem Freund, habe die Vermieterseite entgegnet.

Das Vermieter-Paar geht davon aus, dass der Betroffene aufgrund seiner ethnischen Herkunft oder auch seiner Hautfarbe Anlass zu kulturellen Vorbehalten gibt.

Volker Rastätter (Mieterverein München)

Volker Rastätter rät dem Paar, rechtliche Schritte einzuleiten. Der Geschäftsführer des Mietervereins München sieht im Zuge der E-Mail-Erläuterung einen Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, der Schadensersatz nach sich ziehen könnte. „Sollten die Nachrichten des Vermieter-Paares tatsächlich so geschrieben worden sein, deutet die Erwähnung von ‚kulturellen und sonstigen Vorbehalten‘ und einer ‚Partner-Konstellation außerhalb der Norm‘ stark auf ein rassistisches Stereotyp hin. Das Vermieter-Paar geht davon aus, dass der Betroffene aufgrund seiner ethnischen Herkunft oder auch seiner Hautfarbe Anlass zu kulturellen Vorbehalten gibt“, lässt sich Rastätter zitieren. Auch die Bereitschaft, etwaige Vorurteile durch ein Kennenlernen aus der Welt zu schaffen, ändere daran nichts.

Mbeka-Male stellt klar, dass es ihm gar nicht darum gehe, den Vermieter an den Pranger zu stellen. „Es soll nur jeder mitbekommen, was auf dem Wohnungsmarkt so getrieben wird. Offenbar zählt auch in Bayern ein Handschlag nichts mehr.“ Die Suche geht für das Paar nun weiter. Auch wenn die jüngste Episode Mbeka-Males Motivation nicht gerade beflügelt hat.

Sie haben einen Wohnungstipp für das Paar? Schicken Sie gerne eine E-Mail an lukas.schierlinger@merkur.de, der Autor stellt dann den Kontakt her. Mbeka-Male skizziert die groben Anforderungen: „Eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Raum München, in U-Bahn-Nähe, etwa 60 Quadratmeter, bis 1.100 Euro.“

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