Wohnen, Arbeiten, Leben rund um den Knödelplatz

Rundgang durch das neue Werksviertel

Im Werksviertel wird die Zukunft schon jetzt sichtbar: Bei einem Rundgang erleben wir, wie man hier kreativ arbeitet, innovativ wohnt und modern leben kann. 

München - Wie wohnen, wie leben, wie arbeiten und wie bewegen wir uns in der Zukunft fort? Erste Antworten gibt das weithin beachtete Städtebauprojekt „Werksviertel“, das sich im Windschatten des Ostbahnhofes an der Friedenstraße entwickelt. Auf einem 39 Hektar großen Areal entsteht aus einem einst von den Pfanni-Werken, Zündapp, Rhode & Schwarz und Telekom industriell genutzten Bereich über die Zwischennutzung als „Europas größte Partymeile“ (erst Kunstpark, dann Kulturfabrik, heute noch Optimolwerke) nach und nach ein Stadtviertel der Zukunft. Neun verschiedene Eigentümer und die Stadt haben hier ihre Interessen unter einen Hut gebracht.

Professorin Elisabeth Merk, Planungsreferentin der Stadt München: „Dem Werksviertel gelingt heute schon, was die in der Baunutzungsverordnung neu geschaffenen Urbanen Gebiete ermöglichen wollen, nämlich in enger Nachbarschaft vielfältige Nutzungen zusammenzubringen. Durch die Entwicklung aus dem Bestand heraus ergibt sich für das Werksviertel eine faszinierende Mischung von neuen Architekturimpulsen und spannenden stadträumlichen Qualitäten. Wer ins Werksviertel zieht, darf Lebendigkeit erwarten und sollte bereit sein, selbst etwas beizutragen.“

Professorin Elisabeth Merk, Planungsreferenten der Stadt München

Wer das Werksviertel betritt, soll auch künftig die industrielle Vergangenheit des Areals spüren. Das für München traditionelle Ziegelmauerwerk, im Boden eingelassene Eisenbahnschienen, renovierte Industrievordächer und fünf Meter hohe Räume – früher Produktionshallen, heute „Lofts“ – weisen auf die Ursprünge hin. „Bestehendes erhalten, Neues entwickeln ist dem Pfanni-Erben Werner Eckart wichtig“, betont sein Sprecher Markus Wiegand. „Kein Totalabriss mit völliger Neuplanung“ – so lautet deshalb die Philosophie des Werksviertels. Und so wächst still und leise ein neues Viertel im Münchner Osten. Erst vor kurzem – am 20. September – hat der Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt den Bebauungsplan mit Grünordnung für das Werksviertel als Satzung beschlossen. Auf dem 39 Hektar großen Planungsareal entstehen rund 1 150 Wohnungen und zusätzlich zirka 6 700 Arbeitsplätze sowie Einrichtungen für alle Bedürfnisse des täglichen Lebens. Dort wird auch das Konzerthaus München der Philharmonie in den Himmel ragen.

Orange steht für Leben, Gelb für Arbeiten, Grün für Wohnen und Blau für Bewegen. Werksviertel-Sprecher Markus Wiegand an der Modellansicht.


Los geht es beim Container Collective

Kleine schicke Cafés und Läden, Menschen in Liegestühlen, die an ihrem Bier oder Cappuccino nippen, sogar ein Radiosender ist vorhanden … nein, das ist nicht Berlin-Mitte, das ist das Container Collective, das Entrée des Werksviertels. Die „Pop-Up-Anlage“ an der Speicherstraße für Handel, Dienstleistung, Handwerk, Essen und Trinken und Events hat eine mehr als bunte Mischung an Geschäften angezogen. Beispiele sind das Caffe de Janeiro und die Bar of Bel Air. Weiterhin ein Radiosender (Radio 80k), mehrere „Pop-Up-Stores“, eine Cocktailschule, ein Motorradtuner, Bildhauer und vieles mehr.

Eher etwas unscheinbar – der Eingang zum Werksviertel über das Container-Collectiv von der Friedenstraße.


Der Knödelplatz – Veranstaltungsplatz für 3000 Menschen

Geschichte ist hier begehbar: In der Speicherstraße sind alte Eisenbahnschienen eingelassen, auf denen einst die Kartoffel-Produkte das Pfanni-Werk verließen. Heute können auf den Schienen Holztröge mit Nutzpflanzen verschoben werden. „Urban Gardening“ eben – mal etwas anders. So kann ganz nach Bedarf Platz gemacht werden, wenn zum Beispiel auf dem Knödelplatz mit 6 000 Quadratmeter Fläche Platz für bis zu 3 000 Menschen gemacht wird. Der Platz entsteht südlich des WERK 3 in Richtung Rosenheimer Straße.

„Urban Gardening“ mal anders – hier werden Nutzpflanzen gezogen.


WERK 3 – Inspirationen ausleben

Ein paar Schritte weiter ist man am WERK 3. Der mächtige Industriebau aus dem Bestand der Pfanni-Werke ist saniert, seitlich erweitert und sogar um zwei Stockwerke aufgestockt worden. Kleine Details wie die einstigen Industrievordächer erstrahlen in neuem Glanz und nehmen Bezug auf die Geschichte. Und der Clou: Das Dach ist begrünt und dort weiden Schafe. Die darunter bis zu fünf Meter hohen Loftflächen sind heißbegehrt. Eine große Agentur residiert hier mit 350 Mitarbeitern, die Alliance Global Digital Factory und die Munich Re sind in diesem Umfeld ganz bewusst mit ihren Ideenschmieden eingezogen. „Kreative Menschen ziehen eben kreative Menschen an“, so Wiegand.

Mächtig wirkt das Werk 3, dessen Kern tatsächlich ein alter Industriebau ist.


Und in „München Hoch5“ finden sich im fünften Stock Räumlichkeiten zum Feiern und für Präsentationen – ein Blick über die Stadt ist garantiert. Auch das Kunstprojekt des Werksviertels – die „whiteBOX“– ist in dem WERK 3-Gebäude mit Ausstellungsräumlichkeiten, 25 Ateliers und einem großen Gastatelier zu finden. Künstler zahlen 7 Euro / Quadratmeter. Hier geht es darum, der Kunst einen Ausstellungsraum zu bieten, die Kunst zu fördern und die Stadt mit Kunst zu bespielen. Übrigens: „Künstler haben schon lange eine Heimat in den ehemaligen Pfanni-Werken“, betont der Sprecher, „und das soll auch so bleiben“. Ein Beispiel dafür ist der Münchner Graffiti-Künstler Loomit.

Neue künstlerische Einblicke bietet die neue „White Box“ im Werk 3.


Werk 4 - Höhen erklimmen

Unter dem Motto „Höhen erklimmen“ entsteht südlich des WERK 3 auf einem ehemaligen Kartoffelsilo ein 25-stöckiges Hotelgebäude (Steidle Architekten). Die Basis bildet ein modernes 500 Betten-Hostel, auf dem ein Vier-Sterne-“Longstay“-Hotel auf stattelt. „Wir bieten hier also günstige Übernachtungsmöglichkeiten in einem modernen Ambiente, ebenso wie die Möglichkeit, auf längere Zeit in einer gehobenen Umgebung – sogar mit kleiner, eigener Küche – zu wohnen“, so Wiegand. Übrigens: Der Name des WERK 4 stammt von dem mächtigen WERK 4-Silo, das so solide gebaut wurde, dass es noch Jahrzehnte später in dem Bau integriert werden kann. Das Silo wird erhalten, in dem alle Kletterfans künftig auf ihre Kosten kommen werden. Der Entwurf stammt von Johannes Ernst aus dem Münchner Büro Steidle Architekten.

Einst ein Kartoffelsilo! Das Werk 4 ist ein moderner Hostel-/Hotelkomplex mit integrierter Kletterhalle.


WERK 7 – Erlebnisse teilen

Bald geht hier das „Fack ju Göhte“-Musical an den Start. Den Raum dafür bietet eine ehemalige Kartoffelhalle, die sich nun zur multifunktionalen Musical-Halle gewandelt hat. Schon im Januar will der Mieter, das Hamburger Unternehmen Stage Entertainment, die Kino-Reihe „Fack ju Göhte“ als Musical-Uraufführung auf die neue Bühne im ehemaligen Kartoffelspeicher der Pfanniwerke bringen. Stage Entertainment hat die Zwischennutzung der Räumlichkeiten für zehn Jahre beantragt. Innerhalb dieser Zeit soll sich zeigen, wie sich das Werksviertel entwickelt und ob es der richtige Standort für ein weiteres Münchner Musical-Theater ist. n Technikum und TonHalle – wachsen zusammen

Hier geht das „Fack ju Göhte“-Musical an der Start.

„Schon bestens kulturell genutzt“ werden laut Wiegand die Event- und Veranstaltungsgebäude Technikum und TonHalle. Das Technikum, die ehemalige Forschungsabteilung der Pfanni-Werke, wurde komplett entkernt und bietet das Neueste vom Neuen an Veranstaltungstechnik. Im Gegensatz dazu befindet sich die gegenüberliegenden TonHalle noch im unrenovierten Zustand. Sie wird noch fleißig genutzt, soll jedoch noch saniert werden. „Vor allem wird der Haupteingang von der Ost- auf die Westseite verlegt“, erläutert Wiegand, „ so dass Werk 7, Technikum und Tonhalle in direktem Bezug liegen“.

WERK 12 – Besonderheit spüren

Ein architektonisches Aushängeschild des Werksviertels wird das von den Architekten von Jacob van Rijs aus dem holländischen Architektenbüro MVRDV in Zusammenarbeit mit dem Büro N-V-O Nuyken von Oefele entworfene WEK 12. Nicht ohne Grund prangt in Großbuchstaben das Wort „LOFT“ an dem Bau. Die Raumhöhe wird beachtliche 5,5 Meter betragen und die Etagen werden im luftigen „Split-Level“-System zueinander zugeordnet. Erschlossen wird das Gebäude von außen über umlaufende Treppen, nicht wie gewohnt von Innen. Hier ist Platz für Büros, Fitness und Entertainment. Mitte 2019 ist die Eröffnung geplant. „Ursprünglich wollten wir den von diesen Architekten gestalteten revolutionären niederländischen Pavillon von der EXPO 2000 in Hannover auf das Werksviertel verlegen“, so Wiegand. Das sei aber nicht praktikabel gewesen.

Amtliches Loft mit Ausblick! So muss ein Künstleratelier aussehen.


WERK 1 und 14 – Erfindergeist leben

In Blickweite liegt das WERK 1, das Loft-Flächen für ein Gründerzentrum für Internet und digitale Medien offeriert. „Die jungen Erfinder von Morgen können hier auch gleich wohnen“, betont Wiegand, „denn es sind auch Mini-Apartments vorhanden.“ Und falls sich bei den jungen Gründern Nachwuchs ankündigen sollte, ist bereits ein Kindergarten in diesem ehemaligen Industriebau eingeplant. Beim Werk 14 handelt es sich um eine Modernisierung und Aufstockung des Werks 1 ab 2022. Die Mietfläche soll beachtliche 16 500 Quadratmeter betragen.

Diese Sitz- / Liegeflächen und Pflanztröge lassen sich flexibel auf den alten Eisenbahnschienen verschieben.


WERK 17 – Hotel, Einkaufen und Parkplätze

München hätte es ohne Lehm so nicht gegeben. „Berg am Laim oder Laim haben ja noch das Wörtchen Lehm im Namen“, erklärt Wiegand. Der Lehm wurde in Ziegelform gebrannt und als der Baustoff Nummer 1 verwendet. Gleich am heutige OTEC-Haus an der Ecke Grafinger Straße entsteht das Werk 17 in Ziegelbau-Optik (Eröffnung 2020). „Coole Shops und innovative Gastronomie“ sollen hier Einzug halten. Und es sind 300 moderne Hotelzimmer vorgesehen. 300 Tiefgaragen-Stellplätze werden den Parkdruck von der Straße nehmen.

Die Baugrube des Werks 17 ist schon ausgehoben. Dahinter soll künftig der Konzertsaal gebaut werden.


Neues Wohnen im Werksviertel

Ebenfalls in Ziegel-Optik sind die beiden Wohnkomplexe in „Blockrandbebauung“ auf dem Werksviertel geplant. „Für das neue Wohnen schaffen Baustrukturen unmittelbar am Zentralpark eine besonders attraktive und störungsfreie Wohnqualität und eine direkte Verbindung zwischen Wohnnutzung und Erholungsraum“, sagt Ingo Trömer, Pressesprecher des Planungsreferats. Im Quartier werden 30 Prozent von den zirka 1 150 Wohnungen, also in etwa 345 Wohnungen, im geförderten Wohnungsbau entstehen. Die Schulversorgung und die soziale Infrastruktur werden mit einer vierzügigen Grundschule, drei Kinderbetreuungseinrichtungen und einem Begegnungshaus sichergestellt.

Der Fuchs geht um! Kunst wird im Werksviertel großgeschrieben – Graffitis werden hier von „Loomit“ kuratiert.

Bodo-Klaus Eidmann

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