Konzept der Malteser

Bei Silviahemmet sind die Gäste König

+
Im Heim "Silviahemmet" sind die Gäste König.

München - In der Malteser Tagesstätte nach Silviahemmet in Berg am Laim ist es wichtig, dass sich die Patienten wie zu Hause fühlen. Das erklärt Referentin Sabine Rube in der tz.

Der schwedische Begriff ­„Hemmet“ steht für Zuhause – und für familiäre Betreuungs­einrichtungen, in denen sich demente Patienten tatsächlich wie zu ­Hause fühlen können. Worte wie Würde, Lebensqualität und Miteinander fallen immer wieder, wenn Sabine Rube vom Alltag in der Malteser Tagesstätte nach ­Silviahemmet in Berg am Laim erzählt.

Rube ist Referentin für Demenzarbeit in der Erzdiözese München und Freising. Die Expertin des katholischen Hilfsdienstes hat den Tagestreff 2013 nach schwedischem Vorbild aufgebaut. Zuvor war die Malteserin am Sitz der Königlichen Stiftung in Stockholm mehrfach speziell geschult worden war. In der tz erklärt Sabine Rube, wie Silvias Leitlinien in München täglich mit Leben erfüllt werden.

Die Philosophie:  Getreu der Vorgabe der Königin ist hier nicht die Krankheit König, sondern jeder einzelne Mensch. „Wir orientieren uns daran, was der Mensch noch kann, und nicht an seinen Defiziten. Das gibt ihm ein ganz anderes Lebensgefühl“, erläutert Rube.

Diese Grundeinstellung kristallisiert sich oft schon bei der Wortwahl heraus: „Wir nennen die Besucher unserer Tagesstätte Gäste, nicht Patienten.“ Und ihre Angehörigen werden nicht als potenzielle Störenfriede oder nörglerische Besserwisser gesehen, sondern gelten als willkommene Partner. Der Teamgedanke steht im Vordergrund – aber nicht in Form einer kollektiven Beschäftigungstherapie. „Wir wollen erreichen, dass jeder Gast seinen Wünschen und Fähigkeiten entsprechend in unseren gemeinsamen Tagesablauf eingebunden ist.“

Die Gäste: In der Malteser-Tagesstätte in der Michaeliburgstraße 16 werden maximal acht Gäste betreut. Es sind allesamt Menschen mit beginnender Demenz, die zwar noch selbstständig sind, aber ein gewisses Maß an Betreuung und Zuwendung benötigen. Manche kommen nur einmal pro Woche, andere mehrmals oder sogar täglich. „Etwa dann, wenn ihre Ehepartner noch berufstätig sind“, erläutert Rube. Die Gäste kommen solange in den Tagestreff, bis sie pflegebedürftig werden. „Diese Versorgung können wir leider nicht leisten.“

Die Betreuer: Um die acht Gäste kümmern sich vier Mitarbeiter. „Alle sind nach dem Silviahemmet-Konzept ausgebildet beziehungsweise geschult und trainiert“, berichtet Rube.

Der Alltag: Der Tag beginnt um 9 Uhr mit einem gemeinsamen Frühstück. „Später machen wir einen Spaziergang durch den nahen Ostpark. Wir gehen immer etwa eine halbe Stunde, bei jedem Wetter.“ Auch das Mittagessen wird gemeinsam zubereitet. Jeder bekommt eine Aufgabe. Der eine schneidet das Gemüse, der andere deckt den Tisch, ein Dritter liest anderen aus der Zeitung vor. Am Nachmittag geht’s schon mal gemeinsam zum Garteln, es werden Blumenkästen gerichtet oder wie jetzt im Herbst Laubhaufen zusammengerecht. Rube: „Wir legen Wert auf Aktivität und Ansprache. Das ist für die dementen Menschen viel erfüllender und sinnstiffender, als sie nur vorm Fernseher zu parken. Und es entschleunigt auch das Fortschreiten der Erkrankung.“

Das Hintergrundwissen: Jeder Mitarbeiter ist darauf geschult, die Symptome von Demenzerkrankung zu erkennen und einordnen zu können. Mit diesem Hintergrundwissen gehen die Mitarbeiter auch alltägliche Probleme überlegt an. Ein Beispiel: Ein Gast verhält sich plötzlich aggressiv – ein typisches Symptom bei Demenz. Tritt es auf, werden die Gäste nicht nur ruhiggestellt oder in ein Zimmer abgeschoben. „Wir versuchen herauszufinden, woran es liegt: Ist es ihm zu laut? Ist irgendetwas in seiner Umgebung anders als sonst? Macht ihm irgendetwas Angst?“

Die Kosten: Der Tagessatz beträgt 59 Euro. Die staatliche Unterstüzung für Patienten mit beginnender Demenz – sie werden meist in Pflegestufe 0 eingruppiert – ist vergleichsweise bescheiden. So bekommen die Angehörigen monatlich zwischen 104 und 208 Euro erstattet. Je nach Häufigkeit der Besuche im Tagestreff müssen die Betroffenen oft aus eigener Tasche draufzahlen.

Die Angehörigen: Ihnen bieten die Malteser regelmäßig Schulungen zum Thema Demenz an. Sie lernen dabei auch das spezielle Silviahemmet-Konzept zur Betreuung der Erkrankten kennen. Im vergangenen Jahr hat ein Team um Organisatorin Sabine Rube erstmals eine Urlaubsreise für demente Menschen und ihre Ehepartner angeboten. „Wir haben mit vier Paaren eine schöne Woche in Südtirol verbracht.“

Die weiteren Angebote: Für alle Menschen, die das Konzept der Malteser nach Silviahemmet kennenlernen möchten, gibt es jeden Dienstag von 14 bis 17 Uhr ein offenes Treffen: das Cafè ­Malta im Pfarrsaal der Pfarrei St. Michael in der Clemens-August-Straße 2. Im Jahr 2016 soll in Solln eine zweite Tagesstätte entstehen.

Entlastung für die Familien

Seit über sechs Jahren versorgt Petra M. nun ihren dementen Ehemann Siegfried (81) zu Hause. Liebevoll, aufopfernd, rund um die Uhr. Aber manchmal kann die Münchnerin einfach nicht mehr. „Man hat ja keinen Lebensrhythmus“, erzählt die 75-Jährige. „Kaum Schlaf. Keine Freizeit. Trotzdem würde ich meinen Mann nie ins Heim geben. Ich tue es ja gerne.“

So wie Petra M. geht es Millionen von Menschen in Deutschland. Gut 70 Prozent aller Pflegebedürftigen (derzeit sind es knapp 2,7 Millionen) werden in den eigenen vier Wänden betreut – von Angehörigen, den Ehepartnern. Aber das Versorgen, der Dauerstress macht viele krank. Wie eine DAK-Studie zeigt, leiden 55 Prozent aller pflegenden Angehörigen an psychischen Störungen. So kämpfen 19 Prozent beispielsweise mit leichten Depressionen. Auch Panikattacken oder Schlafstörungen sind weit verbreitet. Aber nicht nur die Seele leidet, auch der Körper: Bei gut 16 Prozent der Pflegenden wurden Muskel-Skelett-Erkrankungen diagnostiziert . Das dauernde Heben, die ständigen Arbeiten im Haushalt fordern ihren Tribut. Übrigens: Pflege ist weiblich. Die DAK-Studie zeigt, dass zu 90 Prozent Frauen diese wichtige Arbeit auf sich nehmen.

Was also tun, um die Pflegenden zu entlasten? Hier zählen Experten eben auf die Tagespflege. „Es müssen endlich mehr gute Einrichtungen entstehen, damit die Angehörigen auch mal Zeit haben, einen Tag durchatmen zu können – und wissen, dass der Liebste perfekt versorgt wird“, erklärt Pflegekritiker Claus Fussek. Das Programm der Malteser sei hier auch für beginnende Demenz-Betroffene eine sehr große und effektive Hilfe. „Seien wir ehrlich: Ohne all die Angehörigen wäre das Pflege-System sowieso längst zusammengebrochen“, stellt Claus Fussek klar.

Armin Geier/Andreas Beez

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

31-Jähriger am ZOB niedergestochen: Neue Details
31-Jähriger am ZOB niedergestochen: Neue Details
Frau will Wespennest abfackeln - Balkon brennt völlig aus
Frau will Wespennest abfackeln - Balkon brennt völlig aus
Attacke am Effnerplatz: Chaoten werfen Flasche auf Busfahrer
Attacke am Effnerplatz: Chaoten werfen Flasche auf Busfahrer
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit

Kommentare