Stadtteil-Serie

Viertelbewohner erzählen: So verwandelt sich Berg am Laim 

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Pop Art-Künstler Heinz Burghard lebte früher einige Jahre in Amerika. 

Wie sich München wandelt, welche Traditionen Bestand haben und welche Großprojekte anstehen - das erzählen uns Viertelbewohner in unserer großen Stadtteil-Serie.

München - Berg am Laim entfaltet seinen Charme erst auf den zweiten Blick. Das könnte sich bald ändern: Mit der Entwicklung von zwei großen Stadtteilquartieren purzelt bunte Vielfalt ins Viertel. Kunst und Kultur sind in benachbarten Haidhausen schon lange daheim. Dabei war der Bau des Gasteig vielen Haidhausern ein Dorn im Auge. Dass er jetzt im Herzen des Viertels angekommen ist, zeigt mal wieder, dass aller Anfang schwer ist und Neues erst mal kritisch beäugt wird. Zurecht, in Zeiten von Bauwut und Spekulation. Ein zweiter Blick lohnt auch auf Neuperlach, das dieses Jahr 50-Jähriges gefeiert hat.

Wo die Viertel bunter werden und wo sie einen neuen Anstrich vertragen, lesen Sie hier.

Hier kommt Farbe

Auf dem ehemaligen Pfanni-Gelände am Ostbahnhof entsteht ein Zukunftslabor – und die Vergangenheit lebt weiter. Das hätte auch „Loomit“ damals nie gedacht.

Der Graffiti-Künstler, der mit richtigem Namen Matthias Köhler heißt, hat die Entwicklung des heutigen „Werksviertel“ von Anfang an miterlebt. „Ich kam 1996 aufs Gelände.“ Nachdem Pfanni seine Produktion vom Ostbahnhof weg verlagert hatte, pachtete Kulturmanager Wolfgang Nöth das Fabrikgelände und entwickelte darauf seinen europaweit einzigartigen Kunstpark Ost. „Mit Wolfgang Nöth war das absoluter Punk Rock auf Gabelstaplern. Er hat Wände eingerissen, wie er es gebraucht hat“, sagt Loomit über den Umbau.

Mit Party hatte die Graffiti-Koryphäe aber nicht viel am Hut. „Ich bin eher der Tagmensch, hatte mein Studio in Werk 9, wo auch der Hallenflohmarkt war.“ Es folgten „wilde Jahre“ mit Clubs wie dem „Natraj Temple“ und dem „Ultraschall“. Man habe gewusst: „In vier Jahren wird hier alles abgerissen. Deshalb konnten wir hier alles anmalen.“ Das Erbe der alten Meister – noch heute an den Wänden. „Die Bilder werden nicht kaputt gemacht, sie sind zum Teil 20 Jahre alt. Hier hat zum Beispiel ,Seen‘ gemalt, der aktivste U-Bahn-Sprüher im New York der 70er- und 80er-Jahre.“

Entgegen der Ursprungspläne wurde das Partyareal nicht platt gemacht – Pfanni-Erbe Werner Eckart hatte gesehen, was bei Nöth funktionierte und führte ab 2003 das Areal als Kultfabrik weiter. Aber Eckart hatte eine größere Vision: die Errichtung eines innovativen, urbanen Stadtteilquartiers, in dem der raue Charme der Industrie nach wie vor spürbar ist.

Auch Heinz Burghard (kl. Foto) gehört zu den Urgesteinen im neuen Werksviertel. „Ich bin 2003 in die Kultfabrik gezogen“, erzählt der Pop Art-Künstler, der einige Jahre in Amerika lebte. Jetzt bringt er das New York von Andy Warhol in das neue Kreativquartier am Ostbahnhof. Früher war das hier ein wildes Durcheinander von 40 bis 50 Künstlern. Heute ist es immer noch bunt – aber mit Konzept. Werner Eckart wollte das Flair erhalten. Er möchte, dass die Urgesteine auf dem Gelände bleiben. Deshalb zahlen alle Künstler auch eine vergleichweise niedrige Miete.“

Das Werk 3, in dem auch Burghard und Loomit ihre Ateliers haben, ist das Herzstück des Quartiers. Die ehemalige Pfanni-Produktionsstätte wurde mit zarter Hand aus- und umgebaut. Elemente aus der Zeit, als dort noch Kartoffeln geschält wurden, blieben erhalten: Treppengeländer, Säulen Lastenaufzüge. Neues Leben zog ein: Künstler, Start-ups, Handwerker. Schafe auf dem Dach. In den nächsten Jahren sollen auf dem Areal 1200 Wohnungen, Loft-Büros, Kunst- und Konzerträume – unter anderem die Philharmonie und eine Musical-Halle – Clubs, Werkstätten, Bars und Restaurants, Shops sowie Freizeitstätten und Hotels entstehen. Loomit freut sich, ein Teil davon zu sein. „Ich habe jetzt 4,50 Deckenhöhe – was will man mehr?“

Startrampe für kleine Bands

Neue Szene – alte Bekannte. „Eddy‘s Rock Club“ ist mit dem „Amaricanos“, dem „Latino‘s“ und dem früheren „New York Table Dance“ – jetzt New York Burlesque Club“ – ein Überbleibsel der Kultfabrik. „Wir waren fünfeinhalb Jahre da und haben uns in der Zeit als Rock Club mit Livebühne einen Namen gemacht“, sagt Inhaber Eddy Graf. Als Werner Eckart ihm anbot, im neuen Werk 3 unterzukommen, überlegte der Rocker erst ein paar Wochen – und sagte zu. Eddy‘s Rock Club ist seit 1. Dezember 2016 im Keller des Werk 3 beheimatet. „Noch fehlt die Patina im Club ein bisschen, wie man sagt. Aber das wird.“ Denn obwohl es jetzt am Anfang schwierig sei, werde das Gelände einmal „der Hammer“, da ist sich der 57-Jährige sicher. „Das Viertel befindet sich im Aufbau. Wir müssen nur durchhalten.“ Läden wie Eddy‘s Rock Club gibt es nicht mehr viele in München. „Wir bieten kleinen Bands die Chance, für wenig Geld zu spielen. Viele Locations sind oft zu groß oder zu teuer.“

Der Kultfabrik weint Eddy nicht nach: „In den letzten Jahren hat die Kriminalität doch stark zugenommen.“

Hier gehen die Macher ans Werk

Noch mehr Neues im Osten: „Die Macherei“ heißt der Gebäudekomplex, der jetzt an der Berg-am-Laim-Straße auf dem ehemaligen Gelände des Arzneimittelherstellers Temmler entstehen soll. Auf gut 55 Prozent der rund 64 000 Quadratmeter großen Mietfläche sind Büros für bis zu 2 000 Angestellte geplant. Inmitten der „Macherei“ soll ein Ziegelstein-Gebäude die Ziegelbrennereien erinnern, die früher in Berg am Laim angesiedelt waren.

Geplant sind sechs Gebäude sowie ein Vorplatz. Mehr als die Hälfte des bisher verschlossenen Grundstücks sollen zugänglich gemacht werden – Platz für Geschäfts- und Einzelhandelsflächen, Restaurants, ein Design-Hotel und ein Fitnessstudio.

Für das Vorhaben kooperieren die Immobilien-Investment- und Managementgesellschaft Art-Invest Real Estate und die Immobilien-Planer von Accumulata Immobilien. „,Die Macherei‘ orientiert sich an früheren Industriegebieten wie Brooklyn, die sich in den vergangenen Jahren zu den lebendigsten Bezirken ihrer Stadt entwickelt haben“, sagt Guido Prummer, Vorstandsmitglied der Accumulata Immobilien. Um dies zu erreichen, müssten die Unternehmen auch etwas bieten – das soll nun in Berg am Laim passieren.

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Daniela Schmitt

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