25.000 Besucher jährlich

Die Volkssternwarte feiert Geburtstag

Im Planetarium bekommt man Führungen durch den nächtlichen Himmel. Jede Stelle der Erde kann zu jeder Tagesoder Jahreszeit simuliert werden.

Vor 70 Jahren öffnete die Volkssternwarte München ihre Türen zum ersten Mal – heute zählt sie jährlich 25.000 Besucher.

München - Als die bayerische Landeshauptstadt 1946 in großen Teilen noch einer zertrümmerten Mondlandschaft ähnelte, zeigte ein Mann besonderen Weitblick. Der Berliner Peter Westphal schaute gerne steil nach oben, in den Himmel. Also meldete der Hobbyastronom einen Betrieb bei den US-Besatzungsbehörden in München an und nannte das Projekt: „Himmelskundlicher Anschauungs- und Führungsdienst.“ Es war die Geburtsstunde der heutigen Münchner Volkssternwarte.

Gründer der Volkssternwarte: Michael Westphal (re.) mit einem unbekannten jungen Sternenfreund.

Westphal erwarb 1947 die Lizenz zum Sterneschauen. Die Münchner, als Kriegstraumatisierte süchtig nach Ablenkung, ließen ihren Blick von Anfang an gerne Richtung Sternenlicht schweifen. Im ersten Jahr kamen bereits 5000 Besucher. Fast jedes Jahr stieg seither ihre Zahl. „Wir haben derzeit etwa 25.000 Besucher pro Jahr“, sagt Benjamin Mirwald (36), der heutige Leiter der Volkssternwarte. Vor allem Kinder seien laut Mirwald für das Planetarium und die Teleskope der Volkssternwarte leicht zu begeistern.

Der Leiter der Volkssternwarte München, Benjamin Mirwald (36), ist studierter Physiker. Die Bilder, die sich einem durch die Teleskope bieten, sind seit eh und je beeindruckend.

Die Münchner Sternenplattform steht nicht zufällig seit 70 Jahren beim Ostbahnhof auf dem Dach eines Hochbunkers der Nazis. Der Bunker hatte dem Krieg getrotzt, verfügte über eine flache Dachebene und war 1947 eines der höchsten Gebäude der Stadt. Damals wie heute eine Art Idealzustand, um dem Himmel nah zu sein. „Dass die Wände und Decken bis zu zwei Meter dick sind, ist ein großer Vorteil“, sagt Mirwald. „So ein massives Gebäude vibriert nicht. Die Bilder, die wir erhalten, sind absolut wackelfrei.“ Dort oben, wo einst die Flakgeschütze der Nazis verankert waren und während des Luftkrieges 128 Millimeter dicke Projektile in den dunklen Himmel schossen, kann man also bis heute wunderbar das Licht der Sterne einfangen. Vor allem nach 1945 war die Situation ideal: Ringsherum lag das Industriegelände am Ostbahnhof brach. Andere Lichter störten nicht. Es war so dunkel, wie es in einer Großstadt nur sein konnte.

Volkssternwarte München, etwa 1970: Einst standen hier die Flakgeschütze der Nazis.

Heute kämpfen Mirwald und seine Kollegen mit Lichtkegeln einer modernen Großstadt, um genau zu sein, mit den nervös flackernden Skybeamern der Discos am Ostbahnhof. Wie Laserschwerter zerschneiden sie die Dunkelheit des Himmels, immer dann, wenn abends eigentlich die Zeit des Sternenschauens beginnt. „Das Farbenspektakel sieht natürlich gut aus, aber unseren Blick in den Himmel trübt es“, sagt Mirwald. „Das bunte Licht legt sich wie ein Schleier auf unseren Blick ins Universum.“

Regelmäßig empfängt Mirwald Neumitglieder in der Volkssternwarte. Er führt sie durch die engen, verwinkelten Kammern: Werkstatt, Vortragsraum, Planetarium und natürlich die Dachterrasse mit drei Teleskopen. Mirwald zeigt heute rund 15 hinzugewonnenen Astronomie-Begeisterten alle Räume, größtenteils Männern. Die Altersspanne ist groß, zwischen 20 und Mitte 60. Mirwald und die Neumitglieder sitzen jetzt in der Stube der Sternwarte, wo ein bunter Schriftzug bogenförmig über der Eingangstüre hängt: „Happy Birthday!“ steht dort. „Hier finden viele Kindergeburtstage statt“, erklärt Mirwald. Die Neumitglieder knabbern Salziges, trinken ein Glas Prosecco und fragen Mirwald alles Mögliche über die Sternwarte. Einer von Ihnen hat eine Idee: „Wir leben doch in einer internationalen Stadt. Wir könnten mehrsprachige Führungen anbieten, auf Türkisch oder Russisch“, sagt er. Mirwald findet die Idee nicht schlecht und verspricht, sich Gedanken darüber zu machen.

Vorbereitung: Mitarbeiter der Sternwarte kurz vor der Sonnenfinsternis 1961.

Etwa 600 Mitglieder zählt die Volkssternwarte derzeit, bei einem jährlichen Mitgliedsbeitrag von 60 Euro. Unter den Neumitgliedern ist auch Franziska Endt (20). Sie studiert Pharmazie und ist dem Verein beigetreten, nachdem sie zu Weihnachten eine Führung geschenkt bekommen hat. Eine Quereinsteigerin, deren Hobbys bislang tanzen und tauchen gewesen sind. „Es geht gar nicht so sehr um die Sterne an sich“, sagt sie. „Eher um die Tatsache, dass man hier lernt, die Erde im Gesamtzusammenhang mit dem Universum zu sehen. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie klein eigentlich unser Planet ist und wie groß das All. Das beschäftigt mich bis heute.“ Endt erhofft sich neue Erkenntnisse. „Ich möchte mich mit Teleskopen besser auskennen. Vielleicht kann ich mir ja in der hauseigenen Werkstatt irgendwann meinen eigenen Teleskop-Spiegel schleifen“, sagt sie.

Satellitenempfang anno 1957: Radio-Amateure versuchen, Sputnik-Signale zu empfangen. Dort, wo die Männer auf dem Dach saßen, steht jetzt das größte Teleskop der Volkssternwarte.

Georg Huber (60) ist auch Neumitglied der Sternenfreunde im Münchner Osten. Den Bankfachmann im Ruhestand interessieren die wissenschaftlichen Vorträge, die Mirwald regelmäßig organisiert, meist über aktuelle kosmologische Erkenntnisse. Huber wird philosophisch. „Woher kommen wir, wohin gehen wir... all die Antworten liegen irgendwo im Universum“, sagt er. „Ich finde, hier wird einem erst klar, wie besonders die Erde ist.“ Mindestens einmal pro Woche möchte Huber vorbeikommen.

Als Leiter der Volkssternwarte ist Mirwald dort natürlich fast jeden Tag. Und blickt man zurück auf seine persönliche Geschichte, wirkt sie sehr geeignet für seinen heutigen Beruf. Mirwald stammt aus Kelheim. Als Kind stieß er in der Bibliothek auf ein Buch. „Ich entdeckte neben vielen seltsamen Ufo-Geschichten den Titel: Safari ins Reich der Sterne“, sagt Mirwald. Darin stand, wo überall auf der Welt Sternwarten stehen und welche Sternbilder existieren. Später trat er in Kelheim einem neu gegründeten Astronomie-Verein bei und veranstaltete mit Gleichgesinnten astronomische Führungen außerhalb der Stadt. Der Verein erregte so viel Aufmerksamkeit, dass die Stadt eine Sternwarte bauen ließ. Später studierte Mirwald Physik und Wissenschaftsgeschichte. Er arbeitete im Deutschen Museum, bevor er 2015 seinen Job in der Volkssternwarte antrat. Die Sternensafari machte er so zu seinem Alltag.

Satellitenempfang anno 1957: Radio-Amateure versuchen, Sputnik-Signale zu empfangen. Dort, wo die Männer auf dem Dach saßen, steht jetzt das größte Teleskop der Volkssternwarte.

Sogar vor dem Schlaf beschäftigt ihn das Universum. Statt Schafe zählt Mirwald Sternenbilder in alphabetischer Reihenfolge. „Bei Q schlafe ich ein“, sagt er.

Die Volkssternwarte an der Rosenheimer Straße 145h ist während der Sommerferien auch samstags geöffnet. Besuchszeiten sind Montag bis Samstag ab 21 Uhr, ab September ab 20 Uhr.

Hüseyin Ince

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