AC/DC-Legende Malcolm Young ist tot

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Großbaustelle Knödelfabrik

Münchens größte Werkstadt: Das neue Viertel hinterm Ostbahnhof 

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Münchens größte Werkstadt: Der Plan für das Werksviertel auf dem alten Pfanni-Gelände steht.

Das Werksviertel ist Münchens spannendste Baustelle, ein Zukunftslabor. Es geht um die Frage: Wie wollen wir leben? Ende September entscheidet der Stadtrat über den Bauantrag, gefeiert wird jetzt schon.

München - In den kommenden zehn Tagen steigt eine Party auf dem Gelände. Denn bald sollen die Bagger anrollen. Anfang 2018 soll es los gehen. In zehn oder fünfzehn Jahren soll alles fertig sein. Einen Überblick über das neue Viertel gleich hinterm Ostbahnhof finden Sie hier.

  • Neues Ostbahnhof-Viertel so groß wie die Wiesn
  • 1200 Wohnungen und 12.600 Arbeitsplätze
  • Ein Gelände mit Geschichte

Vielleicht beginnt Münchens Zukunft hier, gleich hinter dem Ostbahnhof. Ein neues Viertel entsteht, 2,5 Kilometer entfernt vom Marienplatz, eine Fläche so groß wie die Theresienwiese. Im neuen Werksviertel, wo Pfanni früher Knödel formte und später die Kultfabrik schepperte, sollen bald 3000 Menschen wohnen – und 12.600 arbeiten. Wie wird das funktionieren?

Wohnen - Wer hier leben wird

Johannes Ernst, der Architekt des Werksviertels, erläuterte das Konzept des neuen Viertels gegenüber dem Tagesspiegel: „Vom Konzern bis zur Nähstube, vom Wohnungseigentümer bis zum Mieter, der nicht so viel zahlen kann – hier wird alles da sein.“

Bei Pfanni-Erbe Werner Eckart klingt das ähnlich: Menschen „mit jedem Geldbeutel“ sollen hier gerne leben. 3000 Menschen werden hier wohnen, und trotzdem soll es ruhig bleiben, sie sollen sich entspannen können. Deshalb gibt es große Innenhöfe und Grünflächen. Die Appartments sind rund um einen Park angeordnet, das soll die Bewohner vor Lärm schützen.

Jede Wohnung soll eine Dachterrasse, einen Garten oder eine Loggia als „grünes Wohnzimmer“ bekommen. Die Eigentümer sagen, das Viertel „soll Heimat werden für Familien und Alleinstehende, für Jung und Alt“. 30 Prozent der 1200 Wohnungen werden daher gefördert. Stadtbaurätin Elisabeth Merk spricht von einem „städtebaulichen Vorzeigeprojekt“: „Wir gewinnen Wohnraum für alle Bevölkerungsschichten, attraktive Arbeitsplätze und überdies auch wertvolle Grünflächen.“

Lesen Sie auch: Werksviertel - hier soll der größte Wohnturm der Stadt entstehen

Leben - Geschäfte, Kino & viele Konzerte

Im Herzen des neuen Viertels steht der neue Konzertsaal. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zieht ein. Geplant ist ein großer Saal mit 1800 Plätzen und ein kleinerer mit 800. Im Jahr 2021 soll das Konzerthaus fertig sein. Rund herum drängen sich weitere Kultureinrichtungen: Tonhalle, Theater, Kino, die Nachtkantine, das Hotel „Moxy“ (150 Zimmer), Fitnesscenter, Kletterhalle, Einkaufsmöglichkeiten. Das „Werksviertel-Mitte“ wird das Zentrum und der Marktplatz des neuen Viertels. Schwerpunkt: Kunst und Musik.

Die Gastronomen kaufen bei Hamberger ein, die Bewohner können sich im Nahversorgungszentrum Plaza auf 5000 Quadratemeter eindecken: Hauptmieter Vinzenz Murr vermietet Geschäftsflächen für Supermarkt, Discounter, Drogerie und Einzelhandel.

Eine Grundschule wird gebaut, hier werden einmal bis zu 400 Kinder zur Schule gehen – spätestens 2023 sollen sie starten. Außerdem sind drei Kindertagesstätten geplant.

 „Hier ist niemand aus auf’s schnelle Geld“, sagt auch Andreas Mohrs. Er verkauft selbstgemachte Schokolade in einem Laden in Werk 3, eigentlich ist er Pilot bei einer großen Fluggesellschaft, fliegt den A340 oder A350. „Wir zahlen den Kakaobauern in Kolumbien faire Preise.“ Die Gewinne investiere er in Schulprojekte und faire Arbeitsbedingungen. Gerade schaffe er 200 Esel an,um sie in Kolumbien als „Schulbusse“ einzusetzen.

Andreas Mohrs fliegt normalerweise einen Airbus, im Viertel verkauft er in Werk 3 fair gehandelte Schokolade und sagt: „Wir sind hier nicht auf schnelles Geld aus.“

Einer der Gründe, warum er ins Viertel gekommen ist, heißt: Werner Eckart. „Er denkt ähnlich wie ich“, sagt Mohrs, er wolle langfristig entwickeln. „Eckart gibt jungen Künstlern die Chance, sich hier zu entwickeln.“ Das Zauberwort sei Querfinanzierung: Die großen Unternehmen zahlen viel mehr Miete als Künstler – „und subventionieren sie damit, sozusagen“. Außerdem könne er sich hier einbringen: „Meine Ideen, und so das ganze Projekt mitgestalten“.

Hauptmieter des 5000 Quadratmeter großen Nahversorgungszentrums Plaza ist Vinzenz Murr – dazu gibt es Supermärkte und Discounter

Arbeiten - fast 7000 neue Jobs

Wo früher Maschinen stampften, soll in Zukunft viel Platz sein „Handwerker, Hirnwerker und Lebenswerker“. Einen erinnert das Viertel und Atmosphäre schon jetzt an das New York von Andy Wahrhol: „Ich wurde Teil der Andy-Warhol-Familie, konnte dort kostenlos wohnen und Kunst schaffen“, sagt Pop-Art-Künstler Heinz Burghard. Er sitzt in seinem Atelier in Werk 3, seit fast 15 Jahren ist er auf dem Gelände. „Als Künstler zahle ich einen ziemlich niedrigen Mietpreis. Werner Eckart möchte, dass Urgesteine wie ich hier am Gelände bleiben.“

Er fühlt sich wohl auf der Baustelle. Außerdem: Es gebe nur wenige große Unternehmer und viele kleine. „Alle Mieter formen den Ort. Wobei: Hier sagen wir nicht Mieter, wir sagen Siedler.“ Das ist die Idee des Viertels: Hier sollen Künstler malen und leben können, sollen Familien, Geschäftsleute und Musikfans sich vertragen – auf einer Fläche, dichter besiedelt als die Altstadt. In zehn, fünfzehn Jahren wird alles fertig sein. Insgesamt sollen 1,5 Milliarden Euro investiert werden.

Künstler und Urgestein: Heinz Burghard im Atelier.

„Das Werksviertel ist spannend!“, resümiert Silvia Weinig vom Startup WeWash. Im Werk 1 seien die Türen stets offen, jeder quatsche mit jedem. „Schlagwort: Sharing-Economy!“ Die alten Werkshallen werden nicht abgerissen, sondern aufgemöbelt. Rund ein Viertel des riesigen Areals ist für neue Gewerbeflächen vorgesehen. Lange war hier Industriebrache – jetzt soll ein großer Gegenentwurf her zur funktionalisierten Stadt. Arbeiten – ja. Aber auch: Wohnen, Leben und viel Kultur.

Silvia Weinig hilft beim Startup WeWash in Werk 1 mit, Waschmaschinen fit zu machen fürs 21. Jahrhundert – mit Internet und Handy-App.

Die Geschichte des Geländes

Pfanni produzierte hier Knödel und Kartoffelbrei.

Den Kunstpark Ost gab es von 1996 bis 2003, danach hieß die Feiermeile Kultfabrik. Davor produzierte Pfanni hier Knödel und Kartoffelbrei – einige Hallen sollen erhalten bleiben.

1904: Das Industriegebiet wird geplant. Besiedelt wird es großteils erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Große Firmen ziehen her: Rohde und Schwarz, Spedition Rhenania, Pfanni und die IVG.

1970: Betriebe ziehen weg.

1996: Pfanni verlagert die Produktion nach Mecklenburg-Vorpommern. „Hallenmogul“ Wolfgang Nöth pachtet und errichtet den Kunstpark Ost: 30 Diskos, dazu Lokale, Spielhallen, Ateliers und Kleinunternehmer.

2001: Die Stadt lobt fürs Areal einen Ideenwettbewerb aus.

2003: Der Kunstpark Ost wird aufgelöst, einige Clubs wandern ab, andere bleiben. Das Gelände heißt fortan Kultfabrik. Nebenan entstehen die Optimolwerke.

2010: Aufstellungsbeschluss Bebauungsplan.

2012: Geburt der Marke „Werksviertel“.

2015: Nach langer Debatte im Dezember die Entscheidung: Der Konzertsaal geht ans Werksviertel. Eröffnung: ca. 2022.

2017: Am 20. September entscheidet der Stadtrat über den Bebauungsplan.

2018: Geplanter Baustart im Frühjahr.

„Fast wie in New York City!“

Werner Eckart, Pfanni-Erbe und Besitzer, will, dass alles zusammenpasst, ergänzt und harmoniert. Ich hatte eine Vorstellung – aber jetzt ist es noch schöner geworden! Die Container am Eingang etwa: gestapelt, angemalt, miteinander verbunden – genial! Mich erinnert das Werksviertel an New York. 1996/97 war ich dort. Ich wurde Teil der Andy-Warhol-Familie, konnte dort kostenlos wohnen und Kunst schaffen. In New York gibt es das Fleischer-Viertel. Die Metzgereien wurden irgendwann ausgelagert, das Viertel wurde zu einem sehr schicken Ort umgebaut. Werner Eckart war übrigens auch in New York, hat dort studiert. Als Künstler zahle ich einen ziemlich niedrigen Mietpreis. Werner Eckart möchte, dass Urgesteine wie ich hier am Gelände bleiben.

Was gebaut wird, finde ich sensationell. Die neue Konzerthalle! Das neue Hotel – 80 Meter hoch! Es gibt viele kleine und nur wenige große Unternehmer. Ein schönes Miteinander. Alle formen den Ort. Die Mieter sind weniger Mieter, sie werden hier Siedler genannt. Die Wohnungen sind so konzipiert, dass sozial Schwächere sie sich leisten können.

Steckbrief

Größe: 390 290 Quadratmeter, 39 Hektar (entspricht etwa 55 Fußballfeldern)

Nettobauland: 292 917 Quadratmeter

Bewohner: 3000

Einwohner pro Hektar: 77

(damit zehn mehr als Altstadt-Lehel)

Wohnungen: 1200

(30 Prozent gefördert)

Arbeitsplätze: 12 600

(derzeit 5900)

Grün- und Freifläche: 7 Hektar

Eigentümer: Acht Unternehmen ­(Telekom, Hamberger Großmarkt, Officefirst, Maltz,  

Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung (MGS), OTEC, Rohde und Schwarz) und die Stadt München

Klavier statt Knödel auf dem alten Pfanni-Gelände, so lautete das Motto 2015. Die Entscheidung einen neuen Konzertsaal in München zu bauen war gefallen. Nach der Begeisterung gibt es schon einen Dämpfer: Das Konzertsaal-Projekt verzögert sich um mehrere Monate.

Darum sollte jeder Münchner unsere Stadtviertel-Seiten auf Facebook kennen 

Welches ist Ihr Münchner Viertel? Sendling? Ramersdorf? Moosach? Das Westend? Wir haben Facebook-Seiten gegründet, auf denen wir alles Wichtige, Aufregende und Schöne und Ihre Liebe zu diesem einen Viertel mit Ihnen teilen. Hier entlang zur Liste.

Von Tobias Scharnagl

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