Er sollte Spuren im Gras hinterlassen

Tierquälerei? Kein Elefant im Kindergarten

München - Wo hört Kunst auf und wo fangen Geldverschwendung und Tierquälerei an? Bei einem lebendigen, aus Berlin in eine Münchner Kita gekarrten Elefanten? Das städtische Baureferat jedenfalls lehnt deshalb nun eine Kunstaktion ab.

An der Friedrich-Eckart-Straße soll ab Mitte Juli eine Kita eröffnen, die „Haus für Kinder“ heißt, knapp 100 Zwergerl beherbergt und bereits eine stattliche Behausung bekommen hat. Die Stadt hat den Neubau mit der in Blau und Grün gehaltenen Fassade errichten lassen. Wie üblich werden zwei Prozent der Gesamtkosten für „Kunst am Bau“ ausgegeben. Eine Jury hat über Bewerbungen von zeitgenössischen Künstlern entschieden – und sich für ein Projekt der Fotografinnen Clea Stracke und Verena Seibt entschieden. Es kostet „sicher eine fünfstellige Summe“, wie das Baureferat mitteilte. Das Projekt heißt: „Ein Elefant kommt zu Besuch“.

Eine speziell für Film- und Fotozwecke trainierte Elefantendame aus dem Raum Berlin sollte mit einem Tiertransporter in die Kindertageseinrichtung gebracht werden. Dort sollte der Dickhäuter durch den Gartenbereich laufen und seine Fußspuren im Gras und im noch nassen Zement hinterlassen. Die Fotografinnen sollten ihn in der Umgebung ablichten und die Abzüge in Lebensgröße ins Foyer der Kita hängen.

Sollten. Denn als das Vorhaben öffentlich wurde, liefen Tierschützer Sturm. Judith Brettmeister vom Tierschutzverein München teilte mit, sie finde es bedauerlich, dass hier „mit einer völlig atavistischen Performance unter zur Hilfenahme von einem Wildtier“ Kinder bespaßt werden sollten. Die Künstlerinnen schienen „einem völlig tradierten Bild aus der Zirkuswelt anzuhängen“. Gänzlich verständnislos zeigte sich Brettmeister, früher selbst als Stadträtin in der Kommission „Kunst am Bau“, über die Tatsache, dass „dieses Tierleid von der Stadt München beschlossen und finanziell unterstützt“ werde.

Verwundert zeigte man sich auch im Trägerverein „Förderkreis Jul“ mit Sitz in Weimar, der die Kita im Auftrag der Stadt betreibt. „Das ist nicht auf unserem Mist gewachsen“, sagte die zuständige Bereichsleitein Renate Lehmann. „Eigentlich dachte ich, dass die Kinder bei der Aktion irgendwie eingebunden sein würden, dass der Elefant zum Beispiel die Schlüssel übergibt.“ Doch das hätte zu viel Stress für das Tier bedeutet. Es sollte nur um fünf Uhr morgens seine Fotosession absolvieren, zu einer Zeit, in der auch wenige Autos auf der Straße Lärm machen. Ob es sich rentiere, dafür ein Wildtier quer durch Deutschland zu transportieren? Lehmann formulierte es vorsichtig: „Nicht alles, was schön ist, ist auch sinnvoll.“

Am Dienstag ruderte das Baureferat dann zurück. „Gemeinsam mit den Künstlerinnen“ habe man sich entschieden, das Konzept nicht wie geplant zu realisieren. Das Amt betonte einmal mehr, der Elefant sei „für Film- und Fotozwecke speziell ausgebildet“. Er sollte „in Abstimmung mit den zuständigen Behörden (KVR, Veterinäramt) artgerecht transportiert und vor Ort fotografiert werden“. Die Aktion und die damit einhergehenden Einwände des künftigen Trägers der Einrichtung und von Vertretern des Tierschutzes hätten aber „aktuell Anlass“ gegeben, „die Umsetzung des Konzeptes nochmals zu überdenken und abzusagen“.

Johannes Löhr

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa / Symbolbild

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