Personal-Abbau wegen Förderformel

Betreuungs-Schock! Münchner Kitas müssen Erzieher abgeben

+
Weniger Betreuer, gleiche Gebühren: In rund 100 städtischen Krippen und Kindergärten gibt es künftig weniger Erzieher.

Die 2011 eingeführte „Münchner Förderformel“ steht in der Kritik: Sie führt dazu, dass in vielen städtischen Krippen und Kindergärten bis Ende nächsten Jahres Erzieherstellen wegfallen.

München - Der Hintergrund: 2015 wurden alle städtischen Kitas in die Förderformel überführt, bis Ende 2018 sollen alle Einrichtungen in etwa denselben Anstellungsschlüssel haben. Die neue Gerechtigkeit erfordert nun auch, dass jene städtischen Krippen und Kindergärten, die bis dato einen sehr guten Schlüssel haben, sich von Erziehern trennen müssen.

Luise Hofberger (35) ist schockiert. Ihre beiden Söhne besuchen ein städtisches Haus für Kinder in der Innenstadt. „Vergangene Woche wurde uns in einem Schreiben mitgeteilt, dass zum September zwei Vollzeit-Erzieherstellen gestrichen werden“, berichtet sie. Bis April 2018 müssten sogar weitere fünf Erzieherstunden abgebaut werden. Über Jahre habe man in der Kita ein tolles Team aufgebaut – und jetzt sei alles dahin. Für die drei altersgemischten Gruppen des Hauses, in denen je 15 Kinder von 0 bis 6 Jahren betreut werden, gibt es künftig jeweils nur mehr eine Erzieherin, eine Kinderpflegerin und eine Praktikantin. Und: Nicht alle arbeiten Vollzeit.

Weniger Betreuer, gleiche Gebühren: Mutter Luise Hofberger (35) ist sauer.

Infobriefe wie der, den Hofberger in ihrer Kita erhalten hat, gehen derzeit auch in anderen Einrichtungen in München an Eltern heraus. In einer Kita heißt es darin etwa, dass es nach der Förderformel eine neue Personalberechnung gebe. „Aufgrund dieser wurden uns bereits zwei Vollzeit-Erzieherstellen gestrichen.“

Das Bildungsreferat bestätigt, dass „die Berechnung der künftigen Personalausstattung der städtischen Kindertageseinrichtungen“ noch bis Ende 2017 laufe. Und: „Sollte sich bei der Umstellung auf die Münchner Förderformel ergeben, dass in manchen Betreuungseinrichtungen der Anstellungsschlüssel zu hoch ist, soll durch natürliche Fluktuation beim Personal das Ziel-Niveau erreicht werden“, teilt Sprecher Ulrich Lobinger mit.

Wie viele Einrichtungen betroffen sind, sei derzeit noch unklar, sagt Lobinger. In der Stadtratsvorlage vom Oktober 2015 findet sich aber sehr wohl ein Hinweis darauf. „Ein stellenplanmäßiger Abbau muss an etwa 100 Kindertageseinrichtungen durchgeführt werden“, heißt es hier. Da die Berechnung auf dem Stand im Jahr 2013 fußt, sind es inzwischen wohl ein paar Kitas mehr.

Viele Kita-Leitungen sind von der Änderung offenbar auch nicht begeistert

„Das wird auf ein reines Verwahren der Kinder hinauslaufen“, schimpft Hofberger – und das sei ja nun das genaue Gegenteil dessen, was die Stadt mit der Förderformel anstrebe. „An die Grippesaison will ich noch gar nicht denken, wenn dann Personal ausfällt, geht gar nichts mehr.“ De facto sei all das eine Qualitätsminderung, die Gebühren blieben aber natürlich gleich.

Auch wenn viele Kita-Leitungen ähnlich denken: Offen äußern will sich niemand. Aus informierten Kreisen ist zu hören, dass es bei den Gesprächen über die Maßnahme im Bildungsreferat bisweilen laut wurde. Kita-Leitungen sollen in Tränen ausgebrochen, Türen zugeknallt worden sein. Im Referat will man von Zerwürfnissen nichts wissen. Oberstes Ziel sei es, „mögliche Veränderungen im Einvernehmen mit allen Beteiligten zu bewerkstelligen“, betont Lobinger.

Szenen aus einer deutschen Kita. 

Fakt ist: Der Anstellungsschlüssel, also das Verhältnis von Erziehern zu Kindern, das sich nach den Erzieherstunden pro gebuchter Betreuungsstunde errechnet, ist bisher nicht überall gleich. Die Förderformel fordere für jede Kita einen Schlüssel von mindestens 1:10,5, sagt Lobinger. Der Durchschnitt werde künftig aber sogar bei 1:9 liegen, „also deutlich besser als der gesetzliche Mindestanstellungsschlüssel von 1:11.“ So sei eine „bessere Betreuung der Kinder gewährleistet“.

Lesen Sie hier einen Kommentar zum Thema: Keine Angleichung nach unten!

Luise Hofberger sieht das anders. Sie hat erfahren, dass der Personalschwund in ihrer Kita dazu führt, dass „fast alle Schwerpunkte und Ausflüge wegfallen“. Aus dem Bildungsreferat heißt es dagegen: Natürlich seien Ausflüge und Sonderunternehmungen „möglich und werden auch ausdrücklich unterstützt“.

Und noch etwas stiftet Verwirrung. In dem Infobrief einer Kita an die Eltern heißt es, dass beim „Personalschlüssel“ nun „kein Unterschied mehr gemacht wird, ob Krippen- oder Kindergartenkinder“. Das hieße, dass sich um die Kleinsten nicht mehr Erzieher kümmern als um ältere Kinder. Dem widerspricht das Bildungsreferat. Für Kinder unter drei Jahren gelte weiter der doppelte Gewichtungsfaktor. Er führe „bei Krippenkindern zu einer erhöhten Personalausstattung.“

Auch interessant

Meistgelesen

31-Jähriger am ZOB niedergestochen: Neue Details
31-Jähriger am ZOB niedergestochen: Neue Details
Schulterbruch mit fatalen Folgen: Er verklagt eine Münchner Klinik
Schulterbruch mit fatalen Folgen: Er verklagt eine Münchner Klinik
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring
Die Stadt der Zuagroasten: Was Neu-Münchner anzieht
Die Stadt der Zuagroasten: Was Neu-Münchner anzieht

Kommentare