Schon 600 Versuche in München

Enkeltrick: Betrüger gehen jetzt anders vor

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Achtung; Enkeltrick: Ältere Menschen sollten misstrauisch sein, wenn sich der Gesprächspartner nicht sofort zu erkennen gibt.

München - Sie setzen auf die Gutgläubigkeit älterer Damen. Mit dem sogenannten Enkeltrick wollen Betrüger an die Ersparnisse kommen. Mittlerweile haben die "falschen Verwandten" ihr Vorgehen geändert.

Sie werden immer aktiver und dreister! Gemeine Enkeltrickbetrüger haben allein im laufenden Jahr (Stand 1. November) 16 Münchner Senioren eiskalt abgezockt. Der Schaden ist enorm: mehr als eine halbe Million Euro – so viel wie im gesamten Jahr zuvor.

Mindestens 600 Mal haben die dreisten Betrüger bei älteren Münchnern angerufen und versucht, an Bargeld oder Schmuck zu gelangen. Doch die aufmerksamen Senioren legten den Hörer rechtzeitig auf. Wegen der hohen Zahlen startet die Münchner Polizei gemeinsam mit der HypoVereinsbank eine große Präventionskampagne. „Wir müssen alle Bürger noch mehr für dieses Thema sensibilisieren“, sagt Polizeivizepräsident Werner Feiler. Das Motto der Aufklärungsaktion, die unter anderem mit Plakaten in allen U-Bahnhöfen unterstützt wird: „Betrüger sind mit allen Wassern gewaschen. Wir lassen Sie nicht im Regen stehen“. Die tz zeigt die neuesten Variationen des Enkeltricks und hat mit einem Opfer sowie einem Polizei-Experten über die perfiden Maschen der Betrüger geredet.

Falsche Nichte ruft 87-Jährige an

Maria S. (87, Name geändert) ist eine von 528 Münchnern, die im Jahr 2014 von einer Betrügerin angerufen wurde. „Liebe Maria, rate mal, wer dran ist?“, säuselte die Frau am 12. November ins Telefon. Die 87-Jährige dachte an ihre Nichte und fragte: „Bist du es, Annette?“ Jetzt saß die Rentnerin in der Falle. „Ja, genau. Ich bin es. Die Annette.“

Und

Auszeichnung für Kundenberater Scherübl (r.)

„Annette“ brauchte dringend viel Geld. „Ich bin gerade in München beim Notar und will mir eine Wohnung kaufen“, sprach die falsche Nichte. Sie ließ die 87-Jährige mit ihren Fragen nicht zum Nachdenken kommen. „Sie war richtig frech. Das war gar nicht Annettes Art.“ Irgendwann verspricht Maria S. bei ihrer HypoVereinsbank-Filiale 120.000 Euro zu holen.

In der Bank traf sie jedoch auf den Kundenberater Markus Scherübl (37). Die hohe Summe machte den Banker stutzig, einfühlsam fragte er Maria S., warum sie so viel Geld brauche. „Mir war dann klar, da stecken Betrüger dahinter.“ Schnell wurde die Polizei informiert. Zivilbeamte konnten wenig später einen Polen (18) festnehmen, der das Geld bei Maria S. abholen wollte. Der Mann ist inzwischen zu drei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt worden.

Der "Überfall" der falschen Handwerker

Dieser Trick ist leider sehr schlüssig, und wahrlich nicht nur Senioren fallen darauf herein: Falsche Handwerker (Dachdecker, Stromableser, Hausmeister, Wasserwerker etc.) stehen unangemeldet vor der Tür und täuschen drohende Wasserrohrbrüche oder andere Schäden an Haus und Wohnung vor.

Die Opfer werden mit sinnlosen Hilfsdiensten beschäftigt, während der (oder die) Täter in Ruhe die Wohnung durchsuchen. So musste eine Rentnerin kürzlich im Keller über 100-mal mit einem Hammer auf ein Rohr schlagen. Und eine andere hochbetagte Seniorin stand eine Dreiviertelstunde lang mit dem aufgedrehten Duschkopf neben ihrer Badewanne, bis ihr die Arme lahm wurden. Da war der Täter mit ihrem Schmuck längst über alle Berge.

Alte Variante des Enkel-Tricks

„Rate mal, wer hier ist...“ – so beginnen viele Trickbetrüger ihren ersten Telefonkontakt. Ahnungslose Senioren lassen sich auf diese Ratespielchen ein und nennen Namen vom Enkel, der Nichte oder der Freundin. Und schon klappt die Falle zu. Die liebe Anverwandte braucht nämlich kurzfristig Geld (für das Auto, ein Geschenk, den Wohnungskauf) und baut Zeitdruck auf. Zur Geldabholung erscheinen angekündigte Boten – und weg ist das Ersparte.

Neue Variante des Enkel-Tricks

In letzter Zeit schalteten sich des Öfteren falsche Polizisten in den laufenden Betrug ein. Dabei geht es den Tätern darum, die Opfer in Sicherheit zu wiegen und daran zu hindern, den Notruf 110 zu wählen. Unmittelbar nach dem ersten Anruf meldet sich ein angeblicher Kripobeamter, der das Betrugsopfer bittet, sich zum Schein auf die Geldübergabe einzulassen. Man müsse die Täter fangen, es könne nichts passieren. Auch in diesen Fällen ist das Geld weg.

Interview: "Anrufer sind extra geschult"

Herr Helfrich, wie kann es sein, dass immer wieder ältere Bürger Opfer dieser Enkeltrickbetrüger werden?

Arno Helfrich, Chef des Kommissariats für Opferschutz und Prävention: Die Anrufer, ob männlich oder weiblich, sind rhetorisch äußerst fit. Sie werden sogar extra geschult, auf möglichst viele Gesprächsverläufe flexibel reagieren zu können.

Wie schaffen es die Betrüger, ihre Opfern glauben zu machen, sie würden mit Enkeln, Bekannten oder anderen Verwandten sprechen? 

Helfrich: Durch ihre geschickten Fragen gelangen die Täter an den Namen eines engen Verwandten. Damit können sie dann arbeiten. Sie haben verschiedenste Strategien im Repertoire, um eine vertrauliche Atmosphäre herzustellen. Dann setzen die Betrüger die Opfer mit Fragen und Forderungen unter Druck. Meist geben sie Notlagen vor.

Wie kann ich mich vor diesen Machenschaften schützen?

Helfrich: Geld immer persönlich übergeben und keinem Boten! Und wenn sich jemand als Polizist ausgibt, fragen Sie beim Notruf 110 nach, ob es diesen Herrn gibt.

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