Bettel-Mafia: Die brutale Wahrheit

München - Heute startet in München der erste große Prozess gegen die Statthalter der Bettel-Mafia. Ihre Opfer leben wie Sklaven, die die Drahtzieher reich machen.

Sie stehen in Demuts-Haltung und abgerissenen Klamotten am Straßenrand, sie erheischen Mitleid mit einer Behinderung oder mit angeblich hungernden Kindern in der Heimat. So kennt man die Bettler in der Fußgängerzone und in der Nähe des Hauptbahnhofs. Heute startet in München der erste große Prozess gegen die Statthalter der Bettel-Mafia. Ihre Opfer leben wie Sklaven, die die Drahtzieher reich machen.

Drei Männer sind wegen schwerer räuberischer Erpressung und schweren Menschenhandels angeklagt. Sie sollen den Bettlern mit Schlägen und Todesdrohungen die gesamten Einnahmen bis auf jämmerliche fünf Euro täglich abgenommen haben!

Die drei Angeklagten (26, 31 und 33) stammen aus dem Bereich der rumänischen Stadt Brasov (ehemals Kronstadt), wo auch die Bettler rekrutiert wurden. Diese wurden mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt. Die 400 Euro Kosten für die Fahrt nach München wurde ihnen als „Kredit“ vorgestreckt.

Untergebracht wurden sie in einem illegalen Zeltlager im Wald unweit des Bavaria-Filmgeländes. Sie hausten dort unter unwürdigen Bedingungen. Jeden Morgen fuhren sie mit der Tram in die Stadt, wo ihre Standplätze eingeteilt wurden.

Laut Anklage wurden die Bettler nicht nur gezwungen, die Fahrtkosten abzuarbeiten. Die Opfer seien von den Angeklagten unter Androhung von Schlägen weiter gezwungen worden, ihre ganzen Einkünfte abzuliefern. Diese schätzt die Staatsanwaltschaft vorsichtig auf 20 bis 80 Euro pro Tag.

Parierten die Bettler nicht, griffen die Angeklagten zu brutalen Mitteln: Ein Opfer wurde gewürgt. Wer seine Schulden nicht zahlen konnte, dem wurde gedroht, man werde ihn an einen Baum fesseln und verprügeln!

Das den Bettlern abgepresste Geld schafften die drei Täter laut Anklage per Western Union (Das Unternehmen versendet weltweit Bargeld gegen Gebühr, die Empfänger bleiben anonym) nach Rumänien. Wer die Hintermänner dort sind, konnte nicht ermittelt werden.

Rechtsanwalt Uwe Paschertz, Verteidiger des 26-Jährigen Andras I., hältdie Angeklagten für kleine Rädchen in diesem System: „Das sind selbst arme Leute, die in ihrer Heimat nichts zu verlieren haben.“ Um nicht die ganzen Zeugen aus Rumänien anreisen zu lassen (falls eine Ladung überhaupt zustellbar ist), wird es wahrscheinlich eine „Verständigung“ vor Gericht geben: Die Angeklagten legen ein teilweises Geständnis ab, kriegen dafür eine kürzere Haftstrafe und werden in absehbarer Zeit in ihre Heimat abgeschoben.

Bettel-Banden aus Osteuropa sind in ganz Europa aktiv. Meistens ziehen sie von Stadt zu Stadt. Wobei zumindest die Chefs genau wissen, wo sich die Bettelei lohnt und wo es Ärger mit den Behörden geben kann. Sie wissen genau, dass sie in Bahnhöfen, in U-Bahn-Zwischengeschossen oder etwa auf Kirchengelände gegen das Hausrecht verstoßen. Auf die früher beliebten Karten mit Lügengeschichten („Mein Kind ist an Leukämie erkrankt...“) verzichten die Täter, weil dies den Tatbestand des Betruges erfüllt. Man will ja keinen Ärger mit der Justiz.

Diesen gibt es freilich trotzdem, wenn die Ermittler hinter die Kulissen blicken können: Hier handelt es sich immer um organisierten Menschenhandel! Auch die Behörden in Wien ließen im vergangenen Sommer eine rumänische Bande auffliegen, die den Bettlern das Geld abknöpfte. Wer weniger als 80 Euro täglich ablieferte, bekam Schläge. 16 Verdächtige wurden nach Rumänien ausgeliefert, wo ihnen der Prozess gemacht werden soll.

E. Unfried

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