tz-Reporter macht den Test

Betteln in München: Wer wie viel gibt

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Kaum beachtet: Als Bettler verkleidet sitzt tz-Redakteur Markus Christandl vor den Luxusgeschäften in der Maximilianstraße.

München - Markus Christandl (50), tz-Redakteur, setzte sich einen Tag als Bettler verkleidet an verschiedene Orte in München. Wie fühlt es sich an, wenn man andere Menschen um Almosen bitten muss? Und wer gibt wie viel?

Betteln – für manche Menschen der letzte Ausweg, wenn es sonst keine Perspektive gibt. Doch wie fühlt es sich an, wenn man andere Menschen um Almosen bitten muss? Und wie reagieren die Passanten, wenn vor ihnen ein Bedürftiger auf der Straße sitzt? Für die Serie Stadt der Gegensätze haben wir ein ungewöhnliches Experiment gewagt.

Markus Christandl (50), tz-Redakteur im Bayernteil, setzte sich einen Tag als Bettler verkleidet an verschiedene Orte in München – begleitet von Reporterin Christina Meyer und Fotograf Sigi Jantz. Seine Requisiten: ein Schild mit der Aufschrift „Unverschuldet in Not geraten. Danke!“, ein Pappkarton gegen die Kälte und eine Schüssel für Kleingeld. Jeweils eine Stunde lang saß Christandl auf der Maximilianstraße, an der Münchner Freiheit und vor dem Einkaufszentrum PEP in Neuperlach Süd. Hier erzählt er, was er dort erlebt hat und wie es ihm erging.

Maximilianstraße

Die erste Station des Tages: Maximilianstraße. Am Boden, unten, nicht auf Augenhöhe. Wer sich aufs Trottoir setzt, bekommt plötzlich die Perspektive eines unsichtbaren Nichts. Stiefel und Schuhe laufen vor mir vorbei, hell- und dunkelbraun, schwarz, tannengrün mit Hirschmotiv. Alle bemerkenswert sauber geputzt. Der Schritt der Leute ist stramm, einige nehmen schnell das Handy aus der Tasche und lenken sich von mir ab. Ich werde kaum wahrgenommen, ich bin Luft.

Eine Society-Lady, was übersetzt in Gesellschaftsdame weniger spektakulär klingt, schaut sich neben mir die Auslage eines Juweliers an, telefoniert entspannt. Ein Zehnerl hat sie heute nicht. Auch ein bekannter Schauspieler rennt Arm in Arm mit seiner Begleitung vorbei. Einer hat mich jedoch sofort wahrgenommen, noch in der ersten Minute. Wie aus dem Nichts steht plötzlich ein stämmiger Mann mit Dackel und einer Frage vor mir: „Woher kommst du?“- „München, du?“ -„Slowakei“ höre ich noch, da dreht er sich schon wieder zufrieden weg. Sein Dackel pinkelt noch schnell auf den Gehsteig. Beide lassen mich ratlos zurück: Wer war das? Ein Aufseher der Bettelmafia?

Sonst geht fast nix auf dem Boulevard. Eine alte Dame wirft mir einen Euro rein, eine Vorbeihetzende ein Fuffzgerl und eine Frau 20 Cent. Dafür kommt nach 20 Minuten der Mitarbeiter der Boutique heraus, vor der ich sitze. Er bittet mich höflich, ein paar Meter weiterzugehen. Man habe nichts dagegen dass ich hier säße, man wolle auch nicht unfreundlich sein, aber … Gerade jetzt, wo die Sonne ein wenig durchblinzelt und der Wind von hinten nicht mehr so pfeift.

Aber auch ein paar Meter weiter bin ich nicht willkommen. Zwei Herren im Anzug kommen aus dem nächsten Geschäft. Man will mich unbedingt vor der Auslage weghaben. Diesmal nicht ganz so freundlich: „Sonst holen wir die Polizei.“ Ich erkläre etwas von „öffentlichem Platz“ und bleibe sitzen. War wahrscheinlich nur eine Drohung.

Anja Niejaki.

Die Zeit vergeht kaum, ich lenke mich mit Kopfrechnen ab. Gegenüber berichtet der Zeitungskasten über den misslungenen Kauf der Hypo-Alpe-Adria-Bank und einen Verlust für den bayerischen Steuerzahler von mindestens 3,4 Milliarden Euro. Bei meiner derzeitigen Ausbeute von 1,70 Euro müsste ich hier zwei Milliarden Stunden ununterbrochen sitzen, keine schöne Aussicht. Mit fast 400.000 Jahren hört sich das auch nicht besser an. Ergebnis: 1,70 Euro.
"Ich gebe immer etwas": Anja Niejaki (47) wechselte extra die Straßenseite in der Maximilianstraße, um unserem Reporter 20 Cent in seine Schüssel zu werfen. „Die Gesellschaft muss zusammenhalten“, erklärt die Angestellte aus Planegg. „Wenn ich Bettler sehe, gebe ich in der Regel immer was.“ Schließlich könne es jedem passieren, dass er in eine Notlage gerät: „Man weiß nie, was einen selbst mal erwartet.“

Münchner Freiheit

Mein zweiter Standort: die Münchner Freiheit, vor einem Lüftungsschacht an der Bushaltestelle. Ich bin überrascht: Plötzlich gibt es hier Menschen auf Augenhöhe, Kinder! Das ist mir vorher gar nicht aufgefallen. Offenbar ist gerade Schule aus. An den Händen ihrer Mütter marschieren die Kleinen vorbei, schauen mal frech, mal verstohlen, schüchtern und auch verschmitzt, doch oft traurig auf mich. Es klingelt in meiner Schüssel, mehrere Frauen werfen binnen Minuten mehr Münzen hinein, als ich in einer Stunde auf der Maximilianstraße bekommen habe.

Ein Knirps kommt auf mich zu, blickt mir mit seinen dunkelbraunen Augen tief in die Seele und schenkt mir eine Münze. Kurz später höre ich von rechts ein freches Lachen. Ein vielleicht zehn Jahre altes Mädchen mit einem Schulranzen auf dem Rücken. Alles geht so schnell, sie wirft mir 20 Cent in die Schüssel und rennt direkt zur gerade eintreffenden Tram. Sie ist ganz alleine unterwegs! Ich bin gerührt.

Ein paar Minuten später kniet plötzlich ein dezent gekleideter Mann mit zwei Semmeltüten vor mir und beugt sich herunter: „Ich hoffe, Ihnen schmeckt, was ich für Sie ausgesucht habe. Ich wünsche Ihnen alles denkbar Gute.“ Was für eine noble Geste! In den Tüten liegen ein Salami-Bagel (alleine der kostet 3,90 Euro, wie ich später herausfinde), und eine Schnittlauch-Butterbreze. Mein Fazit für die Münchner Freiheit: Es gibt in München viele nette und gütige Menschen, vom Kind bis zu den Älteren. Ergebnis: 4,85 Euro, ein Bagel und eine Breze.

Jantz

Ein Gespräch und ein Essen: Beeindruckend: Extra für unseren Reporter ging Alexander Rock (54) an der Münchner Freiheit in den nächsten Coffeeshop und kaufte ihm einen belegten Bagel und eine Butterbreze. „Wenn ich Zeit habe, nehme ich die Menschen auch mit, damit sie sich selbst etwas aussuchen können, und unterhalte mich mit ihnen“, sagt der Geschäftsmann aus Nürnberg. „Mir geht es gut, deshalb ist es mir ein Bedürfnis, Gutes zu tun.“ Er schenkt Bettlern bewusst lieber Essen. „Damit sie das Geld nicht für Alkohol ausgeben.“ Als Unternehmer weiß er: „Mit einem kleinen Geschäft kann es schnell auf- und abgehen.“

"Ich war selbst mal arm": Bettina Deeg (42) und Söhnchen Darrell (6) gaben unserem tz-Redakteur einen Euro. „Das ist selbstverständlich für mich. Ich war selbst chronisch krank und habe lange von Sozialhilfe gelebt“, sagt die Münchnerin. „Es kann so schnell gehen, dass man auf Hilfe angewiesen ist.“ Vor kurzem hat die Jura-Studentin viel geerbt: „Jetzt fühle ich mich solidarisch und spende viel, zum Beispiel an Hospizorganisationen.“

Neuperlach-Süd

Der tz-Reporter vor dem Einkaufszentrum PEP in Neuperlach Süd.

Vor dem PEP in Neuperlach Süd muss ich meinen zerfledderten Pappkarton loben: Überraschend gut schützt er vor der Kälte von unten. An mir vorbei hasten die Menschen zur U-Bahn. Zwei Buben kommen aus dem PEP auf mich zu – schon liegt eine Münze in meiner Schüssel. Ein paar Minuten später reicht mir eine Frau mit ansteckender Fröhlichkeit eine Tüte mit einer Breze. „Ich habe sie nicht angefasst“, versichert sie und gibt mir auch noch zwei Euro. Es klingelt oft in meiner Schüssel. Eine ältere Frau bleibt stehen und liest laut mein Schild vor: „Unverschuldet.“ Pause. „In Not.“ Pause. „Geraten.“ Was denn passiert sei, will sie wissen. Ich erfinde etwas von wegen „Versicherung verweigert sich und dann haben mich ein paar säumige Kunden in die Pleite getrieben. Geht halt schnell.“ Die Dame schaut kurz hoch und meint: „Mei, dann miassat ja hoib Neuperlach aufm Boden sitzen.“ Geld gibt es nicht – aber immerhin hat sie mich wahrgenommen. Ergebnis: 3,91 Euro und eine Breze.
Taschengeld-Spende: Vor allem die Kinder waren großzügig! Florian (11) und Moucharaf (10) zwackten 10 Cent von ihrem Taschengeld ab. „Wenn man den Armen hilft, bekommt man eine Belohnung von Gott“, sagt Moucharaf. Ein Bub (15) warf sogar 50 Cent in die Schüssel, dabei kriegt er selbst nur 2,50 Euro Taschengeld in der Woche. „Ich wohne in einem Haus und habe etwas zu essen. Er hat nichts – da muss man helfen.“

Mehr Mitgefühl: Sara Gran (40) gab unserem Reporter zwei Euro und eine frische Butterbreze. „Ich stamme selbst aus Eritrea, einem armen Land in Afrika. Es ist unsere Verantwortung zu helfen.“ Die Marketing-Fachfrau arbeitet ehrenamtlich mit Kindern. Ihr Appell: „Ein bisschen mehr Mitgefühl würde die Welt so viel schöner machen.“

Fazit

Drei Stunden saß unser tz-Reporter in den Straßen, bekam insgesamt 10,46 Euro, einen Bagel und zwei Brezen. Doch viel beeindruckender waren die unterschiedlichen Reaktionen der Passanten. Natürlich konnte das tz-Team in der kurzen Zeit nur einen ganz kleinen Eindruck in das Leben auf der Straße gewinnen, doch der ist nachhaltig.

Bemerkenswert war vor allem die Offenheit und Großzügigkeit der vielen Kinder, die ihm ohne zu zögern eine Münze in sein Schälchen geworfen haben – obwohl sie oft ohne Eltern unterwegs waren oder selbst kaum Taschengeld bekommen. Überraschend auch Reaktionen wie die vom Geschäftsmann aus Nürnberg, der sich sogar für ein Pläuschchen Zeit nahm. Viele Menschen haben sich ehrlich für die Geschichte unseres Bettlers interessiert!

Auf der anderen Seite war unser Reporter für viele unsichtbar und unerwünscht. Ausgerechnet in der noblen Maximilianstraße kam der geringste Betrag zusammen – 1,70 Euro. Dagegen 4,85 Euro an der Münchner Freiheit, 3,91 Euro in Neuperlach Süd. Offenbar sind nicht immer die am spendabelsten, die am meisten besitzen.

Reporter Markus Christandl hat das Experiment vor allem eins gezeigt: „Wichtig ist, dass man von anderen Menschen wahrgenommen wird – und wenn es nur mit einem Blick ist.“ Das Geld, das unser Reporter bekommen hat, spenden wir an das Städtische Obdachlosenheim in der Pilgersheimer Straße.

Die Lage in München: Wo gebettelt werden darf – und wo nicht

Eine Bettlerin mit Kopftuch und Kind in der Münchner Bayerstraße.

Bettler gehören immer mehr zum Gesicht der Stadt München. „Früher waren es fast nur arbeitslose Deutsche,“ sagt Robert Röske, Leiter der zivilen Altstadtgruppe der Polizei. „Seit der EU-Osterweiterung 2006 steigt die Zahl in München kontinuierlich – und die deutschen Bettler sind mittlerweile in der Minderheit.“

Prinzipiell gilt: Demutsbetteln wird geduldet – aber nur außerhalb der Fußgängerbereiche im Zentrum. Dazu gehört ­etwa auch die Schützenstraße am Hauptbahnhof. „Wenn Bettler aber an Personen zerren oder sich in den Weg stellen, hat das ein Bußgeld zur Folge“, sagt Daniela Schlegl vom Kreisverwaltungsreferat.

Das größte Problem: Bettelbanden, die gewerbsmäßig organisiert und illegal sind. Röske von der Polizei: „Sie stammen aus Slowenien und Rumänien, verstärkt auch aus Bulgarien. Die mittellosen Menschen werden unter falschen Versprechungen hergeschickt und gezwungen, täglich bis zu 100 Euro für sie zu erbetteln.“ Wie viele bandenmäßig und wie viele privat betteln, ist auch für Experten wie Röske kaum auszumachen. „Wir können nur sagen, dass sich meist 50 bis 60 Bettler an wechselnden Orten in der Altsstadt und am Bahnhof aufhalten – deutsche, ausländische und organisierte.“

...und er sammelt Flaschen

Hans V. (60) in der Maximilianstraße.

An diesem kalten Februartag hat Hans V. (60) gerade mal fünf Euro in vier Stunden gemacht. Der Münchner sammelt seit einem Jahr Pfandflaschen von der Straße. „Das Geschäft läuft schlecht, es gibt immer mehr Sammler.“ Vor allem Osteuropäer würden vermehrt durchs Zentrum ziehen. „Im Sommer übernachten ganze Gruppen an der Isar, um zuzuschlagen, wenn die Grillfeiern vorbei sind. Da ist morgens nichts mehr übrig.“ Aber auch Anzugträger seien aktiv. „Die kommen mit Rollkoffer und durchwühlen blitzschnell Mülleimer, um nicht entdeckt zu werden.“

Der arbeitslose Kfz-Mechaniker bekommt Hartz IV. An einem sehr guten Tag, so sagt Hans V., verdiene er mit Pfand bis zu 20 Euro. „Aber nur im Sommer, im Winter sitzen alle nur in Cafés.“ An das mühsame Herumlaufen hat sich Hans V. gewöhnt. „Aber manchmal werde ich blöd angesprochen, ich sollte doch arbeiten gehen. Ich würde nichts lieber tun als das, aber in meinem Alter kriegst du doch keinen Job mehr.“

MC, CMY, NBA

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