Auch U-Bahn betroffen

Bettelnde Musikanten in der S-Bahn: Bald wie in Berlin?

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Ein Musikant bettelt in der S-Bahn (l.). In einer anderen Linie verlässt ein weiterer Bettler schlagartig mit seinem Akkordeon auf dem Rücken die Bahn.

München - Sie tingeln durch S- und U-Bahnen, spielen Akkordeon oder Gitarre und verlangen Geld. In München sind immer mehr bettelnde Musikanten unterwegs. Die Beschwerden von Fahrgästen nehmen zu.

Keiner weiß so genau, wann er aufgetaucht ist. Doch plötzlich steht er da in der S-Bahn in Richtung Flughafen - der junge Mann mit dem blau-weiß karierten Hemd.

In der Hand: Ein Akkordeon. Damit ausgerüstet tingelt er von Vierersitz zu Vierersitz und spielt. Er bleibt vor den Fahrgästen stehen. Eine Minute, zwei Minuten. Bis ihm eine Frau mittleren Alters genervt ein bisschen Kleingeld in die Hand drückt.

In anderen Großstädten wie Berlin sind sie an der Tagesordnung: Musikanten, die in S- und U-Bahn ihre Instrumente spielen. Und bei den Fahrgästen um Geld bitten. In München gab es diese Form des Bettelns lange Zeit nicht. Doch in letzter Zeit sind immer häufiger Trupps von Musikanten in den Bahnen anzutreffen.

Auch der Akkordeonspieler im weiß-blauen Hemd ist in Begleitung. Eine Tür weiter stehen zwei weitere Männer. Als ein Fahrgast ein Foto von den Musikern machen will, verlassen die Drei an der Donnersbergerbrücke schlagartig die Bahn.

Sie müssen vorsichtig sein. Denn: Das Betteln in den S-Bahnen ist verboten, wie ein Bahn-Sprecher bestätigt. In den Zügen gilt das Hausrecht der Bahn - und das untersagt das Betteln. "Und Musizieren ist nur nach Genehmigung erlaubt", so der Sprecher.

Kinder helfen beim Geldeinsammeln

Offizielle Zahlen, dass die bettelnden Musikanten in den S-Bahnen zunehmen, gibt es nicht. "Aber durch den Kunden-Dialog wissen wir, dass es mehr wird", so der Bahn-Vertreter. "Wir bekommen verstärkt Beschwerden deswegen." Auch Kinder würden oft zum Geldeinsammeln eingesetzt.

Wie viele der bettelnden Musikanten in Banden organisiert sind, ist schwer zu sagen, sagt Wolfgang Hauner von der Bundespolizei. Viele der oft aus extrem armen Verhältnissen in Südosteuropa stammenden Männer und Frauen sind für ihre Tour in den Bahnen gut ausgerüstet. Die meisten haben etwa ein Tagesticket gelöst. Erwischen Bahn-Sicherheitskräfte die bettelnden Musikanten, verweisen sie diese trotzdem aus den Zügen.

Das Problem: Die Musikanten steigen einfach in eine andere Linie wieder ein. "Die Erfahrung, die wir gemacht haben, ist, dass die betroffenen Personen auch bundesweit weiterziehen", sagt Hauner.

Die bettelnden Musiker sind nicht nur in den S-Bahnen , sondern auch in den U- und Trambahnen unterwegs. Bei der MVG hat die Zahl der Beschwerden genauso wie bei der S-Bahn in letzter Zeit spürbar zugenommen, bestätigt Sprecher Michael Solić. Auch in den Bahnen der MVG ist Betteln und unerlaubtes Musizieren verboten. Solić rät den Fahrgästen: "Nichts geben, dann gibt es auch keinen Anreiz zum Betteln."

Vielen Passanten tun die Bettler, die oftmals nicht freiwillig unterwegs sind, schlichtweg leid. Das kann Frater Emmanuel Rotter, Leiter der Obdachlosenhilfe des Münchner Klosters St. Bonifaz, verstehen. Auch wenn es sich mit aggressivem Betteln selbst schwer tut. "Dieses fordernde Betteln ist etwas, das wir in München nicht kennen", sagt er. Sein Tipp: "Ich habe meist eine kopierte Rückseite von der BISS-Zeitung dabei. Dort sind Stellen aufgelistet, bei denen die betroffen Menschen Hilfe finden können."

Dass sich die bettelnden Musikanten zum Problem entwickelt haben, zeigt, dass die MVG, Bahn und Stadt München nun zusammen ein Konzept entwickeln wollen, wie sie ihre Fahrgäste am besten schützen können. "Wir wollen nicht, dass die Berliner Verhältnisse hier einreißen", so der Bahn-Sprecher.

Ramona Weise

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