Großes tz-Sommerinterview

Flüchtlinge, Judenhass: Polizeipräsident spricht Klartext

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Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä

München - Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä ist frisch aus dem Urlaub zurück. Bettler, Flüchtlinge, Judenhass, Einbrecher – im großen Sommer-Interview mit der tz spricht er jetzt Klartext:

Gut erholt und heiter gestimmt meldet sich Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä aus dem zweiwöchigen Campingurlaub im Juni in Italien in den Dienst zurück. Bettler, Flüchtlinge, Judenhass, Einbrecher – im großen Sommer-Interview mit der tz spricht er Klartext:

Wie war’s?

Andrä: Herrlich. Camping gefällt mir so gut, weil man den Urlaub selbst gestaltet und nicht gestaltet bekommt.

Haben Sie schon die neue, blaue Uniform?

Die neuen Uniformen für die Polizisten in Bayern.

Andrä: Ich bin nicht Teil des Trageversuchs (lacht). Als ehemaliger Grenzbeauftragter zum Bundesland Salzburg hatte ich schon immer eine gewisse Affinität zur österreichischen Uniform. Als wir noch Anorak mit Strickkragen trugen, hatten die schon Fleece-Jacken, waren immer top-aktuell.

Gefällt Ihnen das Blau?

Andrä: Ich kann mir keine andere Farbkombination vorstellen. Jetzt geht es erst mal ums Material. Der Härtetest ist die Wiesn, weil die Uniform dann häufiger gewaschen und gereinigt werden muss.

Straftaten rund um die Bayernkaserne - "Da spielt auch der Alkohol eine gewisse Rolle"

Wie schätzen Sie die Situation der 2000 Flüchtlinge in der Bayern-Kaserne ein?

Eine Reiterstaffel zeigt nahe der Bayernkaserne Präsenz.

Andrä: Wir haben sehr intensive Gespräche geführt. Wir haben unsere Präsenz erhöht und zum Beispiel die Reiter als Streifen eingesetzt. Wir nehmen die Sorgen und Nöte der Anwohner ernst. Die Wirkung der weiteren neuen Maßnahmen wie Verstärkung des Sicherheitsdienstes und des Betreuungspersonals müssen wir beobachten. Dass wir dort mehr Straftaten registrieren, war fast zwangsläufig zu erwarten, weil die Zahl der Unterzubringenden so extrem gestiegen ist. Da spielt auch der Alkohol eine gewisse Rolle. Aber alle Verantwortlichen sitzen nun an einen Tisch und sind bemüht, die Situation für die Flüchtlinge und die Anwohner akzeptabel zu gestalten.

Es gab zuletzt zahlreiche Nahost-Demos in der Stadt. Wie empfinden Sie die Stimmung?

Wehret den Anfängen, Kundgebung am Platz der Opfer der Nationalsozialisten.

Andrä: Das ist ein sehr emotionales Thema, bei dem die Gefahr besteht, dass Personen sehr stark emotionalisiert werden. Wir konnten einen sehr engen Kontakt mit den Veranstaltern aufbauen, die wir darauf hinweisen, dass antisemitische Äußerungen unter keinen Umständen geduldet werden. So etwas wird strafrechtlich konsequent verfolgt. Das gilt auch für das Thema Asylbewerber und fürs Internet. Da bewährt sich unsere neue Dienststelle für Cyber-Kriminalität. Eine Hetzseite gegen die Asylbewerber bei Facebook wurde nach der Festnahme des Initiators dieser Seite auf Weisung der Polizei gelöscht.

Schwerpunkt der Polizei auf der Wiesn? Die Taschendiebe!

Auf der Wiesn werden die Ordner heuer Namens- oder Nummerschilder tragen. Ist das in Ihrem Sinne?

Andrä: Transparenz ist ein Beitrag, der die Situation entspannen kann. Der Bürger soll wissen, ob er einem Ordner oder einem Polizisten gegenübersteht. Es geht auch um Fortbildungsmaßnahmen zur kommunikativen Konfliktlösung. Es gibt Leute, die eher impulsiv sind und die muss man dann halt auch an der richtigen Stelle einsetzen.

Gibt es Wiesn-Schwerpunkte?

Andrä: Die Taschendiebe. Das Konzept der vergangenen Jahre wird fortgeschrieben. Wir werden wieder Einsatzkräfte anderer Staaten und Bundesländer einsetzen. Sehr hilfreich ist auch die konsequente Linie der Münchner Justiz. Dafür werden wir von Kollegen anderer Städte bewundert.

In Kürze tritt eine neue Verordnung wegen der Bettler in Kraft. Wie reagiert die Polizei?

Ein Bettler im Tal.

Andrä: Wir sehen zwei Gruppen. Nämlich die, die wirklich aus Armut um ihr Essen betteln. Und die, die aggressiv betteln, und andere Personen zum Betteln schicken, die Hunde und Kinder dabei haben oder körperliche Gebrechen zur Schau stellen. Die laufen sogar in die Hotels und betteln Gäste beim Frühstück an. Und am Ende des Tages müssen sie ihr Geld abgeben. Da macht jemand mit dem Leid dieser Menschen Geld. Das ist unerträglich. Die neue Verordnung gibt uns die Möglichkeit, Platzverweise zu erteilen und den Leuten zu signalisieren: München lohnt sich nicht. Bei den Autoscheibenputzern hat’s funktioniert. Die waren schnell wieder weg.

Andrä: "2015 steht uns ein sehr ereignisreiches Jahr bevor"

Gibt es neue Konzepte gegen Einbrüche? 

Ein Einbrecher versucht sein Glück.

Andrä: Einbruchist kein Saisongeschäft mehr. Erfreulich waren in letzter Zeit qualitativ hochwertige Festnahmen. Wir setzen weiterhin auf technische und Verhaltens-Prävention, intensive Spurensicherung und vor allem auf den aufmerksamen Nachbarn, der beim ersten Verdacht sofort die 110 wählt. Der bekommt von uns übrigens später ein Feedback, wenn wir den Täter erwischt haben.

Sie sind seit 2. Juli 2013 im Amt. Was ist Ihnen in den vergangenen 13 Monaten besonders nahe gegangen?

Andrä: Gleich zu Beginn meiner Amtszeit hat ein Kollege (Anmerk. der Red.: ein Planegger Polizist) seine Ex-Lebensgefährtin und sich selbst öffentlich erschossen und damit ein kleines Mädchen zur Vollwaisen gemacht. Solche Sachen gehen einem schon verdammt nahe, weil man sich immer wieder denkt: Warum hat es da keinen anderen Ausweg gegeben? Wir haben dem Kollegen lange vorher wirklich alle erdenkliche Hilfe zukommen lassen. Und trotzdem kommt es zu so einer Eskalation. Das geht an die Nieren. Da wird man sehr nachdenklich.

Und was hat Sie dienstlich beschäftigt?

Andrä: Es waren viele kleine Schritte wie die Reduzierung des Verwaltungsaufwandes. Wir haben das neue Kriminal-Fachdezernat Cybercrime mit 40 Spezialisten eingerichtet. Und natürlich beschäftigt uns der G8-Gipfel im Juni 2015. Dafür stellen wir unser Fachwissen und unsere Fachleute zur Verfügung. Es ist zudem denkbar, dass es am Samstag vor dem Gipfel in München zu einer Demonstration kommen wird. Mit der Sicherheitskonferenz, dem G8-Gipfel und der Wiesn steht uns in 2015 ein sehr ereignisreiches Jahr bevor.

Interview: Dorita Plange, Sebastian Arbinger

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