Bewegende Gedenkfeier an die Pogrome

Das "Nie Wieder" ist unser Auftrag

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Alt-OB Hans-Jochen Vogel und Charlotte Knobloch traten gegen das Vergessen ein.

München - Am Wochenende fanden in München zahlreiche Gedenkveranstaltungen zu den November-Pogromen vor 75 Jahren statt.

Wer wegsieht, verharmlost oder schweigt, kann sich bereits mitschuldig an neuerlichen Verbrechen machen.“ Das hat die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, am Samstag im Alten Rathaus in München bei einer Gedenkfeier an die November-Pogrome gegen die Juden vor 75 Jahren den Menschen ins Stammbuch geschrieben. Von hier aus hatte NS-Propagandaminister Joseph Goebbels am Abend des 9. November 1938 nationalsozialistische Schlägertrupps zu den blutigen Ausschreitungen gegen Juden in ganz Deutschland aufgehetzt. Diese gelten als Auftakt zur systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.

Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte die Pogromnacht als Sechsjährige in München miterlebt. „Die Geschichte führt uns die Zerbrechlichkeit von Freiheit und Demokratie vor Augen“, sagte sie.

Nach der Gedenkfeier wurden am Ort der früheren Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße die Namen der 4587 Männer, Frauen und Kinder verlesen, die als Juden von den Nazis verfolgt wurden und dabei zu Tode kamen, darunter auch Knoblochs Großmutter Albertine Neuland. „Einen zweiten und endgültigen Tod stirbt der, an dessen Namen sich keiner mehr erinnert. Und deswegen auch sind diese Lesungen so wichtig“, sagte Münchens Altoberbürgermeister Hans-Jochen Vogel. Trotz herbstlicher Kälte hatten sich am späten Samstagabend Hunderte Menschen an dem Gedenkstein der Synagoge versammelt, darunter auch viele Jugendliche, aber auch Angehörige von Nazi-Opfern sowie Holocaust-Überlebende. Besonders beklemmend waren die Auszüge aus Protokollen von Polizei und Feuerwehr, die zwischendurch vorgetragen wurden. Erst am frühen Morgen ging die Lesung zu Ende.

Der Gründungsdirektor des künftigen NS-Dokumentationszentrums in München, Winfried Nerdinger, wies auf die Bedeutung historischer Orte hin: „Wenn wir die Orte des Nationalsozialismus mit den Verbrechen der Täter und mit dem Leid der Opfer verknüpfen, bleibt beides in der kollektiven Erinnerung lebendig.“

„Es darf in Deutschland nie wieder passieren, das bei Übergriffen und Ausschreitungen Solidarität mit den Tätern statt mit den Opfern an den Tag gelegt wird“, sagte Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). Auch Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) forderte ein Eintreten gegen Ausgrenzung: „Das „Nie Wieder“ ist unser Auftrag“. Der Münchner Kardinal Erzbischof Reinhard Marx erinnerte an den Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der 1943 auf der Fahrt ins Dachauer Konzentrationslager starb. Als einer der wenigen habe er die Verbrechen der Nazis angeprangert. Marx: „Wenn wir die Untaten und ihre Maßlosigkeit schon nicht rückgängig machen können, so können uns doch die Toten mahnen, wachsam zu sein.“

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