Giesinger Brauer schwört drauf

Mini-Flasche: Trinkt man Bier bald nur noch so?

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Kurvenstar aus Giesing: Brauerei-Chef Steffen Marx zeigt sein dralles Zwergerl.

München - Groß und schlank? Der Traumkörper einer Bierflasche sieht anders aus. Selbst die traditionellen Brauereien setzen längst auf 0,33-Liter-Flaschen. Jetzt bringt der Giesinger Bräu eine auf den Markt, die von den Idealmaßen noch stärker abweicht: Die kleine Fette.

Traditionalisten waren entsetzt: Vom Untergang des Abendlandes war die Rede, als Augustiner begann, sein Helles in 0,33-Liter-Flaschen abzufüllen. In Preußen-Leber-Menge! Inzwischen ist der Zorn verpufft: Die Flascherl, die Augustiner bereits Ende der 80er-Jahre verschämt und nur auf Gastronomenwunsch einsetzte, sind längst auch im Handel erhältlich. „Gustl“, wird das Zwergerl von seinen Anhängern liebevoll genannt.

„Junge Leute und Szenegastronomen wollen kleine Flaschen. Wir können uns dem nicht entziehen“, erklärt Augustiner-Chef Werner Mayer. Trotzdem bleibe die 0,5-Liter-Flasche das Hauptgebinde der Traditionsbrauerei. „Der klassische bayerische Biertrinker bevorzugt die Halbe.“

Auch der Giesinger Bräu füllt neuerdings in 0,33-Liter-Flaschen ab: „Bier aus kleinen Flaschen schmeckt frischer“, sagt Steffen Marx. Schließlich ist es längst ausgetrunken, wenn Traditionalisten noch an ihrer Halben nuckeln. Zudem werden die Kleinen im Kühlschrank schneller kalt – ein Argument für Durstige. „Man muss auch an die Frauen denken“, sagt Marx, „die haben die Kleinen lieber“.

Beim Design der neuen 0,33-Liter-Flasche haben die Giesinger aber an Männer gedacht – die was zum Anfassen wollen: Ihre Form ist der dicken Euro-Flasche nachempfunden. Die 0,5 Liter-Flasche war bis Ende der 80er-Jahre Standard. Inzwischen ist sie aus Designgründen von der schlanken Vichy-Flasche verdrängt worden, die zum Beispiel Paulaner, Spaten, Hof- und Löwenbräu verwenden. Augustiner und Tegernseer dagegen füllen die Halbe noch in die Euro-Flasche ab – aus Tradition.

Das urbayerische Image, das die Brauereien damit pflegen, greifen die Giesinger Brauer mit ihrer Mini-Euro-Flasche auf: Die dralle Kleine soll den lokalen Charakter der Brauerei unterstreichen. Marx hat sie sich unter dem Namen „Giesinger Euro“ patentieren lassen.

Die Mini-Euro-Flasche passt auch besser zur neuen Halbliter-Flasche der Giesinger Brauerei, einer Euro. Bislang füllten die Giesinger in Bügelflaschen ab. Per Hand, weil sich die Kleinstbrauerei keine Abfüllanlage leisten kann. Dadurch kam Sauerstoff rein, und das Bier hielt nur drei Wochen. Zu kurz für den Getränkehandel, weshalb die Giesinger einen Lohnabfüller suchten. Das sind Brauereien, die auf ihrer Anlage gegen Geld das Bier anderer abfüllen. Jetzt karren die Giesinger ihr Bier zum Fischerbräu im Landkreis Erding. Der könnte zwar auch Bügelflaschen füllen, müsste dafür aber – anders als bei den Euro-Flaschen – umrüsten. Zu teuer für die Giesinger, die schon das regelmäßige Umrüsten zahlen, das für das Abfüllen ihres kleinen Kurvenstars nötig ist.

Auch Hacker-Pschorr brachte gerade sein kleines Helles in den Handel. Bislang gab es das nur in der Gastronomie: „Freilich fragen manche: ,Ja, ist das überhaupt ein Bier?’ Aber für andere ist es genau die richtige Trinkmenge“, sagt Sprecherin Birgit Zacher. Das Hacker-Zwergerl ist eine Bügelflasche. „Wir haben 2007 das ganze Sortiment auf Bügelflaschen umgestellt. Von daher ist es nur konsequent, dieses Format auch für die Kleinen zu wählen.“

Die Brauerei verfügt über eine Multifunktionsanlage. Auf ihr können Bügelflaschen verschiedener Größen, Vichy- und kleine Longneck-Flaschen abgefüllt werden. Das ist praktisch, weil so auch die Flaschen von Paulaner auf der Anlage gefüllt werden können. Das Umrüsten dauert nur eine gute Stunde.

Augustiner und Tegernseer dagegen sind nicht so modern ausgestattet. Ihre Anlagen umzurüsten, wäre ein Kraftakt. Deshalb verwenden sie für ihre kleinen Biere seit Jahrzehnten die schlanke 0,3-Liter-Vichy-Flasche. Die Audrey Hepburn unter den Flaschen ist fast so hoch wie die Euro-Flasche, weshalb das Füllen auch ohne großes Umrüsten möglich ist. Und freilich geht’s auch hier um Tradition. Schließlich ist die kleine Vichy die älteste 0,33-Liter-Flasche auf dem süddeutschen Markt. Älter ist die sogenannte Stubbi, die in den 50er-Jahren entwickelt wurde. Aber die stammt aus Norddeutschland – unpassend für eine bayerische Brauerei.

Sind die kleinen Flaschen ein Symptom für den rückläufigen Bierkonsum? Laut Branchenexperten sind sie die Antwort darauf. Ihre Beliebtheit trage dazu bei, dass die Leute wieder mehr Bier trinken.

Von Bettina Stuhlweissenburg

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