Bizarrer Streit: Bierdeckel vor Gericht

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In der Kneipe „No Limit“ (Leonrodstraße) gab’s den Zoff um unbezahlte Helle.

München - Ein bizarrer Streit um unbezahlte Rechnungen hat das Münchner Amtsgericht beschäftigt. Hier erfahren Sie, was bei der kuriosen Geschichte herausgekommen ist:

„Geschlossene Gesellschaft wegen Geburtstagsfeier“, steht vor der Eingangstür. Drinnen ist’s schaurig schummrig. Die Umrisse eines Billardtischs blitzen durch die Rauchschwaden. In so einer kleinen Kneipe, wissen wir seit Peter Alexander, fragt dich eigentlich keiner, was du hast oder bist.

Doch, ach, die schöne Schlagerwelt wurde jäh torpediert durch den schnöden Mammon. Denn Anschreibenlassen ist jeder Wirtin Tod, früher oder später, und eben jene Wirtin Maria hatte nach 15 Bierdeckeln Schaum vor dem Mund. Ein früherer Stammgast in ihrer Kneipe No Limit („Keine Grenze“) in der Leonrodstraße weilte dort drei Monate lang auf Pump. Von Oktober bis Dezember 2009, lauter halbe Helle, lauter Striche auf insgesamt 15 Bierdeckeln. Wirtin Maria langte es, sie zog vor Gericht. 136 Euro müsse die durstige Dame zahlen, so stehe es auf den Deckeln. Als Strich-Code, sozusagen. Bierdeckel gelten nach deutschem Recht durchaus als Urkunde. 15 davon waren vor dem Münchner Amtsgericht.

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Das kann nicht sein, meinte die Beklagte. Sie habe maximal 96 Euro in Helle im dunklen Raum investiert. Bei einem Preis von humanen 2,20 Euro pro Bier macht das 43 Bier und ein bisserl Trinkgeld, also umgerechnet pro Deckel knapp drei Striche. Teils steht auf dem Bierfilzl auch noch der Name der Bedienung drauf. Zum Beispiel Rosi.

Allerdings: So ein Bierdeckel ist zwar eine Urkunde, aber auch sehr manipulierbar. Ein paar Stricherl, sagte die Beklagte, können da leicht eingefügt werden. Und daher wollte sie maximal 96 statt 136 Euro oder umgerechnet knapp 62 Helle (ohne Trinkgeld) zahlen.

Ihre Anwältin Petra Lankes: „Der Einwand ist berechtigt, dass man Striche dazumachen kann. Es wurden zwar Zeugen verhört, aber bis in letzter Konsequenz ist so etwas nicht aufzuklären.“ Und wie ging das Fetzen um die Filzl aus? Mit einem Vergleich: Die ehemalige Kundin zahlt 112 Euro. Die Verfahrenskosten betragen übrigens bei so einem Fall etwa 255 Euro. Davon zahlt die Klägerin 38 Prozent, die Beklagte 62 Prozent. Unterm Strich, und diese Rechnung passt gut auf einen Bierdeckel: Die Wirtin hat nach dem Prozess 15,10 Euro Gewinn gemacht, die Beklagte löhnt 270,10 Euro. „Ich glaube, meine Mandantin kann damit leben“, sagte Verteidigerin Lankes. Übrigens: „Das Geld wurde schon bezahlt“, so der Kläger-Anwalt Sven von Kummer von der Kanzlei Cichon. Und so brachte der Arm des Gesetzes Licht ins schaurig schummrige Dunkel eines Bierdeckelstreits.

Matthias Bieber

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