Interview zum „Bildungsstreik 2018“

„Bildung ist ein Menschenrecht“

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„Angst darf keine Grundlage für politische Entscheidungen sein“, sagt Sophia Kroidl. Die 17-Jährige ist Sprecherin der Münchner StadtschülerInnenvertretung.

Für Freitag ruft ein breites Organisationsbündnis zum „Bildungsstreik 2018“ auf. Im Interview spricht Sophia Kroidl, Sprecherin der Münchner StadtschülerInnenvertretung, über das Recht auf Bildung.

Der Fall hat das ganze Land nachhaltig bewegt: Ende Mai 2017 wurde ein afghanischer Flüchtling gewaltsam aus einer Nürnberger Berufsschule geholt. Schüler blockierten Polizeiautos, 300 Menschen protestierten gegen seine Abschiebung, es kam zu Tumulten – und zu heftigen Debatten: ob Schule noch ein geschützter Raum für alle Jugendlichen sei. Es zeigte sich, wie sehr die Asylpolitik auch einheimische Jugendliche bewegt – gerade in Verbindung mit der Bildungspolitik. Für morgen ruft ein breites Organisationsbündnis bundesweit zum „Bildungsstreik 2018“ auf. Mit dabei sein dürften viele Schüler und Auszubildende. Die Kundgebung beginnt um 11 Uhr am Geschwister-Scholl-Platz, der Demonstrationszug endet am Max-Joseph-Platz. Wir sprachen mit Sophia Kroidl von der StadtschülerInnenvertretung (SSV) München. Die 17-Jährige besucht das Oskar-von-Miller-Gymnasium.

Warum bestreikt ihr den Unterricht: Geht es um bessere Bildung oder gegen Abschiebungen?

Beides. Wir wollen zeigen, dass wir als Schüler alle gleich sind und gleich behandelt werden wollen – es geht um Solidarität. Die Demonstration organisiert hat Jaba, die „Jugendaktion Bildung statt Abschiebung“, die aus den Protesten letztes Jahr in Nürnberg entstanden ist. Wir als SSV unterstützen die Veranstaltung.

Wie hängen Flüchtlings- und Bildungspolitik für dich zusammen?

Es geht uns generell um bessere Bedingungen für alle Schüler und darum, Ungerechtigkeiten abzuschaffen. Allein die frühe Selektion in der Grundschule: Es ist krass, dass Kinder mit Migrationshintergrund in der vierten Klasse längst nicht so viele Empfehlungen fürs Gymnasium bekommen wie deutsche. Auf meinem Gymnasium ist kein einziger Flüchtling. Schule ist mit am wichtigsten für die Integration: Bildung ist ein Menschenrecht, so wie Nahrung und Wohnung. Ich habe mit einigen Flüchtlingskindern geredet – für die ist das Allerwichtigste, hier bald in die Schule zu kommen.

Wie stehst du zum Asylstreit in der Union?

Ich kann nicht verstehen, wie man Seehofer zum Bundesinnenminister machen konnte. Er stand doch schon vorher für die härteste Linie, und es war klar, dass es mit ihm für keinen Asylbewerber mehr rosig aussehen würde. Manchmal, wenn ich Zeitung lese, erschrecke ich, dass ich in Bayern wohne – dem Bundesland, das diesen Kurs gegen meine Mitmenschen fährt. Es wirkt nicht mehr so, als ob Bildung noch als Menschenrecht gilt. Mit der Demonstration wollen wir zeigen, dass sich an unserer asylfreundlichen Haltung nichts geändert hat.

Hast du auch Mitschüler, die das anders sehen?

Ja klar, manche teilen mein Meinungsbild nicht. Aber das ist völlig okay, darum gehen wir ja auch zur Schule: um zu lernen, uns eine Meinung zu bilden und die von anderen zu akzeptieren.

Hast du eine Idee, wie die Politik mit den Ängsten mancher Einheimischer umgehen sollte?

Ich kann verstehen, dass manche Leute erschrecken, wenn sie Gruppen dunkelhäutiger junger Männer sehen, was sie nicht gewohnt sind. Aber man muss lernen, mit verschiedenen Kulturen umzugehen. Es braucht eine freundliche Asylpolitik. Viele Menschen kommen aus Kriegsgegenden, sie haben eine lebensgefährliche Flucht hinter sich und brauchen Hilfe – das können sich viele Deutsche nicht vorstellen. Ich selbst bin sehr angstfrei, aber ich verstehe, wenn gerade Frauen mehr Angst haben. Trotzdem darf Angst nicht die Grundlage für politische Entscheidungen sein.

Letztes Jahr in Nürnberg: Hättest du auch ein Polizeiauto blockiert?

Ich kann nicht beschwören, wie heldenhaft ich mich verhalten hätte. Aber in der SSV sind wir uns einig: Wenn Unrecht geschieht, dann muss etwas passieren.

Im Mai haben hier 1500 Schüler und Studenten gegen das neue Polizeiaufgabengesetz (PAG) demonstriert. Geht die Jugend wieder mehr auf die Straße?

Meine Erfahrung ist, dass sich binnen kürzester Zeit sehr viele Jugendliche mobilisieren lassen. Gerade wenn es eine so klare Vorlage gibt wie das PAG, dann werden plötzlich viele aktiv. Sie sagen: Hey, dagegen will ich auch protestieren. Die Jugend kommt schon hervor, wenn eine Gruppe den Anfang macht.

Was sagt die Schulleitung, wenn ihr dem Unterricht fernbleibt?

Bei der NoPAG-Demo hat die Schulleitung unseren Streik gebilligt. Auf unsere Entschuldigungen durften wir als Grund „Demo“ schreiben.

Interview: Christine Ulrich

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