Die tz sprach mit drei BISS-Verkäufern

Ich stehe mit 80 zwölf Stunden pro Tag im Bahnhof

München - Die Straßenzeitung BISS feierte am Freitag ihren 20. Geburtstag - eine echte Institution in München. Die tz sprach mit drei Verkäufern.

Ihre Verkäufer sind aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. BISS steht für „Bürger in sozialen Schwierigkeiten“ und feierte jetzt 20. Geburtstag. Seit 17. Oktober 1993 entwickelte sich die Obdachlosenzeitung zu einem mittelständischen Unternehmen mit 100 Verkäufern, 47 Festangestellten und über 10 000 Unterstützern. „Sie alle sind die Säulen von BISS“, sagt BISS-Geschäftsführerin Hildegard Denninger (65) bei der Festveranstaltung im Alten Rathaus.

Alt-OB Hans-Jochen Vogel (87, SPD) sagt in seinem Grußwort: „BISS ist für mich etwas Besonderes, es ist ein echtes Münchner Wahrzeichen.“ Es geht um viel mehr als den bloßen Zeitungsverkauf. Die Verkäufer erwirtschaften einen Teil ihres Einkommens selbst. Ergänzt mit den Spenden durch Patenschaften, können sie für sich sorgen.

BISS hilft auch bei Wohnungsausstattung, Schuldnerberatung und weiteren Zuwendungen. Festredner Siegfried Benker (56), Chef von Münchenstift: „BISS spielt unter Deutschlands Sozialprojekten in der obersten Liga.“ Bisher wurden 7,5 Millionen Exemplare verkauft. Benker sagt unter großem Applaus: „Wer BISS besitzt, ist Teil des sozialen Gewissens dieser Stadt. Denn der Teufel trägt bekanntlich Prada, aber die Schickeria Münchens trägt BISS.“

Stefan Wandel

Die Stehauf-Frau

Ich stehe mit meinen 80 Jahren von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends im Zwischengeschoss des Hauptbahnhofs. Ich habe immer hart gearbeitet – und dennoch nur eine kleine Rente. Abends bin ich natürlich müde vom langen Stehen. Am Samstag, wenn ich mehr Zeit habe, koche ich für meinen Sohn und mich gern Sauerkrautwickel mit Hackfleisch und Reis – serbische Küche halt. Früher habe ich auch ­genäht. Heute kürze ich höchstens eine Hose für meinen Sohn.

Miladinka Milenkovic (80), Standplatz: Hauptbahnhof

Der Gasteig-Mann

Ich staune an meinem Standplatz immer wieder über meine grundverschiedenen Käufer. Vom Jugendlichen, der mir auf die Schulter klopft, bis zum eleganten Ehepaar nach dem Konzertbesuch. Drei Jahre schlief ich im Freien und lebte vom Flaschenpfand. Jetzt darf ich wieder ein normales Leben führen. Seit 2012 habe ich eine kleine Wohnung. Ich freute mich wie ein Kind auf Weihnachten!

Wolfgang Räuschl (54), ­Standplatz: Am Gasteig

Das Urgestein

Ich verkaufe die BISS genauso lange, wie es sie gibt. Als ich 1993 mit 56 Jahren zu BISS kam, war ich laut Arbeitsamt „nicht mehr vermittelbar“. Die Straßenzeitung war gerade einen Monat alt. Von der ersten Ausgabe besitze ich heute noch ein Exemplar. Seit 1998 gibt es Festangestellte, ich war einer der drei ersten. Die Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit. Sie bewundern es, wie ich in meinem Alter noch diese Arbeit mache und nie krank war.

Tibor Adamec (76), Standpunkt: Marienplatz

Moshammer war gleich mit dabei

Modeschöpfer Rudolph Moshammer war wohl der schillerndste Unterstützer der Straßenzeitung. Als Erster übernahm er 1998 für drei festangestellte Verkäufer eine Patenschaft. BISS-Chefin Hildegard Denninger „überfiel“ ihn einfach in der Maximilianstraße und überzeugte ihn von ihrem Konzept. Ab da stockte Moshammer das Gehalt der drei mit jährlich 30 000 DM auf. Sein Verein Licht für Menschen ohne Obdach führt dies seit seinem Tod 2005 fort.

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Rubriklistenbild: © Jantz

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