Ungewöhnliche Plakat-Aktion

BISS: Das sind die Schicksale der Verkäufer

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Frank Schmidt arbeitet seit 14 Jahren als BISS-Verkäufer.

München - Ab dieser Woche hängen in München überall Plakate, auf denen genau verraten wird, was BISS-Verkäufern in ihrem Leben passiert ist. Die tz hat mit drei von ihnen gesprochen.

Jeder Münchner kennt sie: die BISS-Verkäufer. Sie stehen immer am gleichen Standort, halten ihre Zeitung in den Händen – und lächeln freundlich. Und man weiß: Hier ist jemand, dem es einmal echt schlecht ging – der sich aber aus dem Schatten herausgekämpft hat. Da zollt wohl jeder Respekt, kauft eine Zeitung (oder auch nicht) und zieht des Weges. Welchen Schicksalsschlag der Verkäufer verkraften musste, erfährt man nie. Klar, Privatsache! Aber genau das ändert sich jetzt …

Die Münchner Stadtzeitung BISS (Bürger in sozialen Schwierigkeiten) hat sich nämlich für ihre neue Werbekampagne etwas ganz Ungewöhnliches überlegt: Ab dieser Woche hängen in München überall Plakate, die BISS-Verkäufer zeigen – und auf denen genau verraten wird, was diesen in ihrem Leben passiert ist: Da steht beispielsweise der gebürtige Hamburger Frank Schmidt vor einer Mauer, die er erfolgreich durchbrochen hat. Im Hintergrund kreisen Pleitegeier. Und unten links wird genau beschrieben, wie der einstmals Obdachlose in seine missliche Lage geriet. „Wir wollten einfach, dass jedes Plakat genau das Leben dieses Verkäufers beschreibt“, erklärt Geschäftsführerin Karin Lohr. „Unser Ziel war es, den Münchnern diese Menschen noch näher zu bringen.“

Das ist zweifelsohne gelungen. Genau 42 angestellte und 60 freie Verkäufer bieten die BISS übrigens in München an. Das System ist leicht erklärt: Vom Preis jeder Zeitung darf der Verkäufer einen Teil für sich behalten. Die tz sprach mit den drei Stars der neuen Plakataktion – fragte sie nach ihrer schweren Zeit und ihren Wünschen.

"Ich war auf der Flucht"

Frank Schmidt flüchtete vor dem Finanzamt.

Seit 14 Jahren ist Frank Schmidt nun schon BISS-Verkäufer. Und jeden einzelnen Tag war er dankbar dafür. „Ich war in meinem früheren Leben Speditionskaufmann in Hamburg“, erzählt der 45-Jährige. „Dann habe ich mich völlig übernommen und war plötzlich hochverschuldet.“ Es folgte eine regelrechte Flucht vor dem Finanzamt. „Als eine Art Weltenbummler bin ich daraufhin durch Europa gezogen. Als Wohnsitzloser.“ Die Schulden wurden immer mehr. Frank Schmidt schlief damals teils auf der Straße – versuchte sich auch eine Zeit lang als Tagelöhner. „Das war eine harte Erfahrung – bis ich dann nach München kam.“ Hier ging er in seiner Verzweiflung zur BISS-Zentrale. „Die haben sich sofort um mich gekümmert. Ein Schuldenanwalt nahm die Finanzdinge in die Hand. Es war großartig.“

Heute ist Frank Schmidt längst schuldenfrei – und steht jeden Tag an der Bürgersaalkirche in der Innenstadt. „Ich brauche diese Aufgabe, dieses Verkaufen, diese Arbeit – es gibt mir einen Rhythmus. Und ich liebe es mit Menschen zusammenzukommen, lange, intensive Gespräche zu führen.“

"Plötzlich war ich völlig pleite!"

Christian Zimmermann ist Vater von vier Kindern.

Wenn Christian Zimmermann über seine Zeit bei BISS spricht, tut er das nicht ohne Stolz: „Ich bin nun schon seit 17 Jahren dabei – ein alter Hase sozusagen“, sagt der 57-Jährige. „Und BISS ist alles für mich.“ Mit gutem Grund: Früher lebte der Vater von vier Kindern in Berlin-Charlottenburg. Er war ein bekannter Goldschmied. „Aber dann habe ich begonnen, über meine Verhältnisse zu leben“, gibt er zu. „Ich begann, Geld zum Fenster hinauszuwerfen und verlor plötzlich völlig den Überblick.“ Urplötzlich hatte er riesige Schulden – und wusste nicht mehr weiter. „Das war natürlich auch für meine Kinder eine schwere Zeit. Die waren damals so zwischen 15 und 21 Jahre alt. Plötzlich war der Papa kein Goldschmied mehr, sondern ein Wohnsitzloser –und völlig pleite.“

Aber seine Geschichte – sie nahm ein gutes Ende: Heute hat Christian Zimmermann noch immer Kontakt zu seinen Kindern – und sie sind froh, dass der Vater ein geregeltes Leben hat. „BISS gibt mir halt das Gefühl, gebraucht zu werden. Und das ist für den Menschen mit das Wichtigste im Leben“, so der 57-Jährige. „Mein Herz hängt an dieser Zeitung. Für immer!“

"Der Krieg raubte mir alles"

Abdulvahed Atchikzai ist stolz auf sein Plakat.

Abdulvahed Atchikzai hat den schrecklichen Krieg in Afghanistan jahrelang hautnah miterlebt. „Es war ein täglicher Überlebenskampf“, erzählt der 63-Jährige. Damals – Ende der 80er-Jahre – hatte er einen Teppichladen in der Region Kandahar. „Doch dann wurde alles zerstört, alles brannte nieder.“ Der Geschäftsmann muss plötzlich um sein Leben fürchten. „Da entschloss ich mich, nach Deutschland zu gehen – auch weil ich ja irgendwie für meine große Familie sorgen musste.“

Er probiert es als Taxifahrer in Hamburg, dann als Tagelöhner – doch irgendwie bekommt er kein Bein auf den Boden. „Bis ich vor ein paar Jahren nach München kam. Hier waren die Menschen noch freundlicher als im Rest des Landes. Sofort bot man mir eine Stelle bei BISS an, wo ich nun eine richtige Arbeit habe.“

Natürlich vermisst Abdulvahed Atchikzai seine Familie in der Heimat. „Ich habe dort 13 Kinder, die ich alle unterstütze. Ich liebe sie von Herzen – und wir telefonieren sehr, sehr oft“, erzählt der Vater lächelnd. „Aber ich will und muss hier bleiben, weil man mir hier auch eine Chance gegeben hat. Und dafür bin ich dankbar.“

age

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