Blinde Frau auf dem Abstellgleis

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Anja Seibold (29) mit Blindenstock und Sonnenbrille alleine im Abteil - die Fahrerin soll sie beschimpft haben.

München - Diese U-Bahn-Fahrt wird die Münchnerin Anja Seibold so schnell nicht vergessen. Die blinde Frau wurde auf dem Abstellgleis vergessen. Doch damit nicht genug:

Stille. Plötzlich ist da kein Laut mehr. Anja Seibold (29) ist blind. Ihr dämmert: „Ich bin wohl alleine im U-Bahnabteil.“ Ihr Herz schlägt bis zum Hals, die Juristin bekommt Panik. Was, wenn sie die ganze Nacht im stickigen Waggon ausharren muss? Sie hämmert mit ihrem Blindenstock an die Türen und Fenster und ruft um Hilfe. Vergeblich.

Diese U-Bahn-Fahrt wird der Neu-Harlachering noch lange im Gedächtnis bleiben. „Ich habe mich so hilflos und alleine gefühlt.“ Wie jeden Feierabend ist Anja Seibold mit der U1 vom Hauptbahnhof nach Hause zum Mangfallplatz unterwegs. „Ab der Fraunhoferstraße kamen aber aus irgendeinem Grund keine Durchsagen zu den Haltestellen mehr. Also habe ich die Haltestellen gezählt und andere Fahrgäste gefragt, ob wir schon am Mangfallplatz sind.“

Keine Antwort. Stattdessen hasten die anderen Fahrgäste aus dem Abteil. Anja Seibold bleibt sitzen – und findet sich plötzlich in einem leeren Abteil auf dem Abstellgleis wieder. „Ich verstehe das nicht, dass da so viele gleichgültige Menschen in der U-Bahn sitzen, die mich offensichtlich blinden Menschen einfach an der End-Haltestelle sitzen lassen.“

Aber damit nicht genug: In ihrer Angst probiert Anja Seibold nach draußen zu telefonieren. Immer wieder klopft sie mit dem Blindenstock gegen die Türen. Und kassiert dafür nach eigenen Angaben noch eine böse Schelte: „Ich hörte ein Geräusch, wie wenn sich eine Tür im Waggon öffnet, offenbar die Tür vom Führerhäuschen. Die Fahrerin schrie mich an. Ich verstand nur ‚Endstation‘ und ‚zu blöd zum Aussteigen‘. Ich rief, sie solle mich nicht so anschreien, und dass ich blind sei und Hilfe brauche. Da war die Tür auch schon wieder zugeknallt und die Fahrerin weg.“

Nun ist Anja Seibold völlig verzweifelt. Ihr Glück: Kurze Zeit später fährt die U-Bahn wieder stadteinwärts zurück. Sie war wohl nur in der Wendeanlage. „Ich bin mit dem Schrecken davongekommen, aber der Vorfall ärgert mich noch immer maßlos. Bei der Beschwerdestelle der MVG hat man nicht einmal meine Daten notiert.“ Die MVG hat die U-Bahnfahrerin auf tz-Anfrage hin mit den Vorwürfen konfrontiert. Die Fahrerin will Durchsagen gemacht haben und bestreitet, die blinde Frau beschimpft zu haben.

Das sagt die MVG: „Wir entschuldigen uns, dass die Ansagen offenbar nicht zu hören waren und bedauern, dass die Kundin auch deswegen mit in die Wendeanlage gefahren ist. Es ist nachvollziehbar, dass Frau Seibold in der befremdlichen Situation unter ungünstigen Kommunikationsbedingungen verunsichert war. Gleichwohl haben wir keinen Zweifel an der Darstellung unserer Mitarbeiter. Die U-Bahnfahrerin ging davon aus, die Kundin mit dem Hinweis auf die sofortige Rückfahrt beruhigt und die Situation dadurch geklärt zu haben. Der Mitarbeiter an der Hotline hat mit Frau Seibold vereinbart, die Beschwerde schriftlich einzureichen.“

Anja Seibold beschäftigt viel mehr ein Gedanke: „Die Ignoranz der anderen Fahrgäste – und dann diese Fahrerin, von der ich mich anschreien lassen musste … Das macht mich alles sehr traurig. Auch weil so etwas jeden Tag wieder anderen blinden oder aber alten oder schwerhörigen Menschen passieren kann.“

Nina Bautz

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