Es hat schon wieder eines erwischt

Das Sterben der Traditions-Geschäfte

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Annemarie Stiglstetter (64) schloss an Ostern ihren Laden am Lenbachplatz

München - Immer mehr Traditionsgeschäfte in München müssen dichtmachen. Jetzt hat es das Blumenhaus Wittelsbach erwischt - nach 97 Jahren musste der Laden schließen.

Annemarie + Blumen = Liebe! Diese Gleichung ging für sie schon in der Schule auf. Annemarie Stiglstetter (64) war damals in der 8. Klasse, gegenüber des Elternhauses in Herrsching lag ein kleiner Blumenladen. Während sich die anderen Kinder im Ammersee abkühlten, sorgte Annemarie hier in den Sommerferien dafür, dass die Pflanzen nicht verdursteten.

Heute, gut 50 Sommer sind seitdem vergangen, steht Annemarie Stiglstetter in ihrem eigenen kleinen Blumenladen – und blickt wehmütig auf das Schild im Fenster: Räumungsverkauf bis 30.3.2013. Am Karsamstag schloss der „Blumenhaus Wittelsbach“ am Lenbachplatz für immer – und das nach 97 Jahren.

Über 49 Jahre hat Stiglstetter hier gearbeitet. Angefangen als Lehrling, übernahm sie den Laden später gemeinsam mit Annemarie Junghanns (87) als Geschäftsführerin. Beide Frauen teilten nicht nur den Vornamen, sondern auch die Liebe zu den Blumen: „Man muss diesen Beruf einfach mit Herzblut ausüben – denn reich wird man hier nicht.“

Für Annemarie Stiglstetter ist das einer der Gründe, warum sie für ihren Laden einfach keinen Nachfolger fand: „Wenn andere meinen Stundenlohn sähen, würden sie lachen.“

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Irgendwann hat den kleinen Blumenladen dann auch noch die große Finanzkrise getroffen: Viele Kunden, meist Banken, fingen an, auf schöne Blumen als Deko zu verzichten. Annemarie ist deswegen nicht verbittert, sie erinnert sich lieber an die tollen Menschen, die sie in ihrem Berufsleben kennengelernt hat. Auch der ein oder andere Promi kaufte hier seine Blumen, Gestecke oder Topfpflanzen: „Als ich noch in die Lehre ging, kam Luis Trenker manchmal in den Laden. Auch Charlie Rievel kaufte hier ein – das war natürlich ein Ding, den mal ohne Clownsmaske zu sehen!“ Auch später behielt das Blumenhaus seinen guten Ruf.

„Gunter Sachs war hier Kunde, genauso wie Steffen Kuchenreuther. Und Rosel Zech kam oft mit dem Fahrrad vorbei“, erinnert sich Annemarie Stiglstetter. Ein weiteres Problem wird deutlich: von den berühmten Personen lebt heute keiner mehr. „Leider sind viele Stammkunden gestorben – und es kommen keine mehr nach.“

Stiglstetter kann alldem aber auch etwas Positives abgewinnen. Sie hat nun Zeit für sich, kann in den Urlaub fahren und endlich mal ausspannen. Ihren geliebten Blumen wird sie aber auch in Zukunft treu bleiben – schließlich ist der Balkon daheim voller Pflanzen. „Im Mai lege ich dort dann richtig los mit schmücken!"

Das Sterben der Traditions-Geschäfte

Im Hutladen Zehme in der Residenzstraße hat einst sogar Karl Valentin eingekauft. Das Traditionsgeschäft musste am 1. Februar – nach 179 Jahren – seinen Hut nehmen. Statt Zylinder und Melone wird dort jetzt Luxusmode von Prada verkauft. „Wir haben in Spitzenjahren 3,5 Millionen Hüte gefertigt“, sagt der Besitzer des Hauses, Michael Zechbauer. Heute jedoch rentiere sich die Hutbranche nicht mehr.

2010: Ausverkauf beim Rieger

Die Umsätze des Münchner Pelzunternehmens Rieger waren zurückgegangen – aber die Kosten (etwa für das Geschäft an der Residenzstraße) waren hoch. Im April 2010 musste Rieger, einstiger König der Pelze, schließen.

2012: Hettlage muss dichtmachen

Am 31. März 2012 war Schluss mit dem Modegeschäft Hettlage in der Neuhauser Straße 10! Der Mietvertrag lief aus, eine Verlängerung konnte sich das Traditionsgeschäft nicht mehr leisten. Jetzt sind in dem Haus mehrere Trachtengeschäfte.

2012: Aus für Maendler-Mode

Dem Modehaus Maendler war im vergangenen Jahr der Mietvertrag gekündigt worden. Am 30. April musste das Traditionsgeschäft in der Theatinerstraße 7 aus dem Laden raus. Nun befindet sich dort eine Filiale der Modekette Mango.

Tobias Scharnagl

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