Versuchter Totschlag

Baby ins Koma geschüttelt? Tagesmutter sitzt in U-Haft

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In dieser Siedlung in Oberföhring soll die Tagesmutter Baby Lukas misshandelt haben. Unter Verdacht: Die 53-Jährige sitzt in Haft.

München - Am Morgen hatten die Eltern ihr gesundes, glückliches Baby Lukas (Name geändert) zur Tagesmutter nach Oberföhring gebracht. Am Mittag des gleichen Tages brach die Welt der jungen Familie zusammen.

Mit Blaulicht wurde der bewusstlose Säugling vom Notarzt ins Haunersche Kindespital gebracht. Die Ärzte retteten ihm das Leben. Mittlerweile steht aber fest: Lukas’ ungeschütztes Köpfchen wurde gewaltsam so schwer hin- und hergeschüttelt, dass er irreparable Hirnschäden erlitt. Die Tagesmutter wurde am Mittwoch verhaftet und sitzt wegen versuchten Totschlags in Untersuchungshaft.

Der unfassbare Übergriff geschah bereits am 19. September vergangenen Jahres. Lukas war damals zehn Monate alt. Tagsüber war er in Betreuung einer erfahrenen Tagesmutter, die selbst Mutter ist und bereits seit 1994 beim Sozialreferat als Tagesmutter geführt, betreut und auch regelmäßig kontrolliert wurde. Sie hatte die Erlaubnis, bis zu fünf Mädchen und Buben in ihrer Privatwohnung zu betreuen. Im Jahr 2006 allerdings ermittelte schon einmal die Staatsanwaltschaft München I gegen sie. Der Grund wurde am Freitag nicht bekannt. Das Verfahren wurde damals aber gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt.

Am 19. September war Lukas bei ihr. Mittags rief die Tagesmutter selbst den Notarzt und offensichtlich auch die Eltern an, die zeitgleich mit dem Arzt eintrafen. Nach ihrer Schilderung hatte der Säugling bewusstlos in seinem Bettchen gelegen, als sie ihn aufwecken wollte. Eine Woche später am 26. September verständigten die Ärzte das zuständige Sozialbürgerhaus der Stadt München, dass in diesem Falle auch ein Schütteltrauma als Ursache für die schweren Verletzungen des Kindes in Frage kommen könnte. Allerdings waren sie sich nicht ganz sicher, ob nicht auch eine Entzündung diese schweren Symptome ausgelöst haben könnte.

Aufgrund dieser neuen Erkenntnisse erstattete das Stadtjugendamt Anzeige bei der Staatsanwaltschaft München I wegen schwerer Körperverletzung – zunächst gegen unbekannt. Zeitgleich bestellte das Jugendamt die Tagesmutter am 27. September zum Gespräch ein: „Die Betreuung wurde zunächst ausgesetzt. Nach Rücksprache mit den Eltern durfte sie die Betreuung am 25. Oktober wieder aufnehmen – allerdings nur noch zusammen mit einer zweiten Tagesmutter“, berichtete Hedwig Thomalla, Sprecherin des Sozialreferates am Freitag.

Offenbar blieb der Fall dann bei der Staatsanwaltschaft liegen. Denn die Mordkommission erfuhr erst nach einer Anfrage der Eltern am 4. November von dem Fall. Die Rechtsmedizin wurde sofort mit einem Gutachten beauftragt. Die Ärzte stellten fest: Lukas’ Hirn-Verletzungen sind eindeutig die Folgen eines Schütteltraumas, die „zeitnah“ zur Verständigung des Rettungsdienstes passiert sein müssen. Der Ermittlungsrichter erließ Haftbefehl. Beamte der Mordkommission brachten die 53-Jährige am Mittwoch ins Gefängnis. Sie äußerte sich bislang nicht zu den Vorwürfen. Lukas muss noch immer intensivmedizinisch betreut werden.

Tod nach Schüttel-Drama: Es ist nicht der erste Fall

Die Tagesmutter Anja S. schüttelt im September 2008 den ihr anvertrauten 14 Monate alten Christoph, bis er verstummte. Der Bub hatte nicht schlafen wollen. Er starb im Krankenhaus an den Folgen der Schüttelattacke. Anja S. muss fünf Jahre in Haft, der Richter wies auf die offensichtliche Überforderung der 34-jährigen Mutter hin. Im Juli 2012 starb ein 14 Monate altes Mädchen aus Neuperlach. Sie hatte gebrochene Rippen und Einblutungen im Gehirn. Der Vater räumte ein, das Mädchen öfter geschlagen und im Spiel geschüttelt zu haben. Nach einer durchfeierten Nacht sei auch er total überfordert gewesen.

Dorita Plange

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