Vermieterin will jedes Mal 100 Euro  

Kranke Elisa soll fürs Liftfahren zahlen

+
Elisa Beiersdorfer ist körperlich schwer behindert.

München - Elisa Beiersdorfer ist körperlich schwer behindert und muss regelmäßig zur Psychotherapie. Den Aufzug in ihrem Haus kann sie aber nicht benutzen, das verhindert die Vermieterin. Eine Geschichte über Herzlosigkeit.

Manchmal fühlt sich Elisa Beiersdorfer ganz leicht. Immer dann, wenn sie World of Warcraft spielt. Die 17-Jährige hat sich in dem Online-Rollenspiel eine Figur gebastelt. Eine Fee, groß, braunhaarig, stark. Mit ihr kann Elisa Beiersdorfer hüpfen, laufen und springen. Die Fee hat einen Zauberstab, mit dem sie gegen zwielichtige Gestalten kämpft. Die Fee kann all das machen, was Elisa Beiersdorfer nicht kann. Die 17-Jährige leidet an einer seltenen Muskelkrankheit, der zentronukleären Myopathie. Ihre Muskeln werden seit ihrer Kindheit immer schwächer. Sie kann sich nicht mehr bewegen, seit zwei Jahren liegt sie im Bett, wird rund um die Uhr künstlich beatmet. Elisa Beiersdorfer ist gefangen in ihrem eigenen Körper.

Ein Mal pro Woche wird das unter Angstzuständen leidende Mädchen von zwei Sanitätern eines Münchner Ambulanzdienstes abgeholt, sie bringen Elisa ins Klinikum rechts der Isar. Dort macht sie eine Psychotherapie. Der Weg durch das Treppenhaus, festgeschnallt auf einer Trage, neben ihr das lebenswichtige Beatmungsgerät, ist eine Qual für das blasse Mädchen. Sie hat Angst. Und eigentlich ist dieser Weg auch unnötig.

Elisas Mutter Petra Uhlitzsch

Elisa, die den Nachnamen ihres Vaters trägt, wohnt mit ihrer Mutter Petra Uhlitzsch, 52, und ihren zwei Brüdern im ersten Stock eines grauen Hochhauses in Bogenhausen. In dem Haus gibt es einen Aufzug. Der ist aber zu klein, um das Mädchen liegend zu transportieren. Doch der Lift lässt sich vergrößern – mit einem Schlüssel kann der hintere Teil der Kabine aufgesperrt werden. Das Problem: Die Vermieterin der Uhlitzschs, die gleichzeitig die Besitzerin des Hochhauses ist, weigert sich, diese Tür aufzusperren.

Die Vorgeschichte: Vor ein paar Wochen rief einer der Sanitäter den Hausmeister an und bat ihn, den Aufzug freizugeben. Der Hausmeister ist der Ehemann der Vermieterin. Einer seiner Mitarbeiter kam und sperrte den hinteren Teil der Kabine auf – Elisa konnte mit dem Lift nach unten transportiert werden. Am nächsten Tag aber hatten die Uhlitzschs einen Brief der Vermieterin im Postkasten. Darin hieß es, es habe sich lediglich um einen Krankentransport gehandelt, und nicht um einen Notfall. Der Aufzug dürfe aber nur in Notfällen aufgesperrt werden. In Zukunft wolle die Vermieterin das bloße Öffnen dieser Tür für die Krankentransporte des schwerbehinderten Mädchens mit 100 Euro in Rechnung stellen. Schließlich stünde der Aufzug in der Zeit den anderen 53 Wohnung auch nicht zur Verfügung.

Weiter heißt es im Wortlaut: „Es dürfen nur geprüfte Aufzugswärter die Kabinenerweiterung vornehmen.“ Bereits 2009 fragte Petra Uhlitzsch an, ob sie einen Schlüssel für die Trennwand bekommen könnte. Schon damals teilte ihr die Vermieterin schriftlich mit, dass sie leider nicht behilflich sein könne – die Erweiterung dürfe nur von einem TÜV-geprüften Fahrstuhlführer vorgenommen werden. Grundlagen hierfür seien aktuelle Rechtsvorschriften und Regeln.

Das sieht der TÜV Süd anders. Das Unternehmen bietet Aufzugswärter-Kurse an. Diese dauern in der Regel einen Tag. Ein Sprecher von TÜV Süd sagte unserer Zeitung: „Prinzipiell spricht nichts dagegen, wenn eine andere Person den Schlüssel für die Kabinenerweiterung bekommt und im Umgang mit der Trennwand unterwiesen wird.“ Diese Unterweisung könne jederzeit durch den zuständigen Aufzugswärter vorgenommen werden. Es sei eine Sache von maximal einer halben Stunde. Noch ein weiteres Argument der Vermieterin erweist sich als schwer zu halten. So schreibt sie in dem aktuellen Brief, dass durch die Erweiterung der Kabine nur 30 Zentimeter mehr Platz entstünden – ein Liegendtransport sei dann nur in „steiler Schräglage“ möglich.

Klaus Wendtke (Name geändert) ist einer der Sanitäter, der Elisa Beiersdorfer regelmäßig in die Klinik fährt. Wendtke sagt, die 30 Zentimeter mehr Platz im Lift reichen genau aus. „Wenn man das Kopfteil schräg stellt, dann passt die Trage rein und das Kind hat keine Angst mehr.“ Seit acht Jahren macht Wendtke solche Krankentransporte. „In anderen Häusern haben die Leute einen Schlüssel für den Fahrstuhl. Oder der Hausmeister kommt nach fünf Minuten, ohne Murren.“ Wendtke meint, für solche Dinge sei doch so ein Aufzug da.

Auf eine Anfrage unserer Zeitung antwortet die Vermieterin per E-Mail. Diese Mail hängte sie anschließend im Haus der Uhlitzschs aus. Ob dies der Einschüchterung oder der Rechtfertigung dienen soll, bleibt unklar. In der Mail steht: Wenn die Patientin nur wegen einer Untersuchung im Krankenhaus den Aufzug nutzen wolle, dann sei das Anfordern des Hausmeisters „eine reine Dienstleistung!“ Und die kostet eben nun 100 Euro. Und überhaupt: Vor Anmietung der Wohnung sei Petra Uhlitzsch das Problem mit dem Aufzug-Transport bekannt gewesen. „Das stimmt“, sagt Petra Uhlitzsch. Aber damals habe Elisa noch im Rollstuhl fahren können und sei noch nicht künstlich beatmet worden. Der Verlauf der seltenen Krankheit war laut Petra Uhlitzsch auch noch nicht absehbar.

Die Familie will nun schnellstmöglich raus aus diesem Albtraum. „Wir suchen ein Haus oder eine große Wohnung im Erdgeschoss, aber es ist sehr schwer“, sagt Petra Uhlitzsch leise. Ihre Stimme klingt dünn. So wie die ihrer Tochter. Wenn Elisa spricht, dann versucht sie lauter zu sein als das Pumpen des Beatmungsgeräts. Es gelingt ihr kaum. Bei World of Warcraft braucht sie nicht zu reden, die Fee leiht ihr ihre Stimme. Das geht leichter. „Manchmal“, sagt Elisa, „würde ich auch gerne ihren Zauberstab haben.“

Patrick Wehner

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare