„Grusel-Immobilie“ an der Muspillistraße

Oberföhring: Hickhack ums Leichenhaus - Käufer ziehen vor Gericht

Um das Oberföhringer Leichenhaus gibt es Streit.
+
Um das Oberföhringer Leichenhaus gibt es Streit.

Erst hat die Stadt das alte Leichenhaus in Oberföhring verkauft, nun ziehen die Käufer vor Gericht. Es geht um den Aufbahrungsraum im Erdgeschoss des frisch renovierten Wohnhauses.

München - Als „Grusel-Immobilie“ ist das Haus an der Muspillistraße bekannt. Denn im Erdgeschoss des Wohnhauses lagen immer mal wieder Leichen. Hier ist der Aufbahrungsraum für Beerdigungen auf dem angrenzenden Kirchenfriedhof der Bogenhauser* St.-Lorenz-Gemeinde untergebracht. Die Stadt hatte das marode Anwesen 2017 verkauft. Ein Teil des ersten Obergeschosses galt als einsturzgefährdet. Ein Gutachter schätzte die Sanierungskosten damals auf über 700 000 Euro.

Oberföhring / München: Neue Eigentümerin hat vergangenen August Klage gegen die Stadt eingereicht

Inzwischen sieht das Haus im Oberföhringer Ortskern wieder schmuck und fast fertig aus. In die oberen Stockwerke wurden drei kleine Wohnungen eingebaut. Ab wann das Haus wieder genutzt werden kann, ist derzeit jedoch unklar. Kirchenverwaltung und Pfarrgemeinderat haben von gut informierter Seite gehört, „dass es weniger Sanierungsarbeiten, sondern vor allem ungeklärte Rechtsfragen sind“, die die langersehnte Wiedereröffnung des Aufbahrungsraums behindern. Es gehe wohl um die Übernahme von Kosten bei der Haussanierung.

Tatsächlich hat die neue Eigentümerin vergangenen August Klage gegen die Stadt eingereicht. Der Sprecher des Münchner* Landgerichts bestätigt, dass die Klage „im Zusammenhang mit der Sanierung des Leichenhauses“ steht. Unverständnis vor Ort. Jeder Bieter habe doch damals unterschreiben müssen, dass die Stadt sich allein an den Kosten für „Schönheitsreparaturen“ am Aufbahrungsraum beteilige und nicht an der Sanierung des gesamten Gebäudes.

Oberföhring: Hat ein ordnungsgemäßes Bieterverfahren stattgefunden?

Die Kirche kennt den Mustervertrag, weil sich auch ein Gemeindemitglied beworben hatte. Es stelle sich einmal mehr die Frage, „ob beim Verkauf der Immobilie ein ordnungsgemäßes, für alle Bewerber gleiches Bieterverfahren stattgefunden hat“, heißt es in einem aktuellen Schreiben an den Bogenhauser Bezirksausschuss. In der Gemeinde hat man den Eindruck, dass die neue Eigentümerin den Wert der Immobilie „durch eine kalte Entwidmung des Aufbahrungsraums zu maximieren“ versuche.

Oberföhringer Ortskern: Geschichtsträchtig

Das Gebäude im Oberföhringer Ortskern stammt aus dem Jahr 1873 und steht unter Denkmalschutz. Ursprünglich war es das Gemeindehaus, in dem ein Leichenzimmer sowie Geräte der Feuerwehr untergebracht waren. Die Freiwillige Feuerwehr Oberföhring nutzte es noch bis 1979 als Spritzenhaus. Obendrüber gab es einst Zimmer für Arme, später wohnte der Mesner mit seiner Frau dort, danach stand es lange leer. Im Mai 2016 bot die Stadt das Gebäude samt 470 Quadratmeter großem Grundstück zum Verkauf an – mit der Auflage, der Stadt die beiden Erdgeschoss-Zimmer als Aufbahrungsraum unentgeltlich zu überlassen. Seit Beginn der Renovierung 2019 fanden 19 Beerdigungen ohne diese Räume statt. Die Toten wurden auf dem Nordfriedhof aufgebahrt. ick

Die Sorge kommt nicht von ungefähr. Im Januar 2020 wurde der Stadt eine anteilige Kostenschätzung für die Sanierung der insgesamt rund 35 Quadratmeter großen Aufbahrungsräume in Höhe von über 160 000 Euro präsentiert. Dies stünde in keinem Verhältnis zu den Einnahmen aus den Bestattungsgebühren, erklärte damals die städtische Friedhofsverwaltung. Trotz aller Pietät und langer Tradition sei es wirtschaftlich nicht vertretbar, die Aufbahrungsräume weiterhin zu betreiben. Man wollte alles noch einmal eingehend prüfen. Die Grundlagen zu dieser Wirtschaftlichkeitsprüfung lägen der Stadt immer noch nicht vor, weil sie Teil des Gerichtsverfahrens sind, erklärte das Kommunalreferat nun auf Anfrage. Einen Termin für die Behandlung der Klage gibt es bislang noch nicht. CARMEN ICK-DIETL UND ANDREAS THIEME -*tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Kommentare